Für die Beschäftigten der Gießerei Ueckermünde läuft die Zeit. Am 2. Oktober 2026 informierte der Betreiber Breyden die Belegschaft darüber, dass der Standort zum 31. Dezember geschlossen werden soll. Von bis zu 320 direkt betroffenen Beschäftigten ist die Rede – in einer vorpommerschen Kleinstadt mit 8500 Einwohnern.
Das Aus wäre nicht nur für die Beschäftigten und ihre Familien ein schwerer Schlag. Die Gießerei gehört zu den bedeutenden industriellen Arbeitgebern in der strukturschwachen Region. Hinzu kommen Auswirkungen auf Zulieferer, Dienstleister und die kommunale Wirtschaft.
Breyden begründet die Entscheidung mit Verlusten, einer unzureichenden Auslastung und fehlenden langfristigen Perspektiven. Die Erklärung bekommt jedoch durch die jüngere Eigentümergeschichte eine zusätzliche Dimension: Aequita übernahm das Werk erst zum 1. Juli 2025 – gemeinsam mit drei anderen deutschen Standorten der MAT Foundry Group. Etwa 15 Monate später wurde die geplante Schließung in Ueckermünde bekannt.
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MehrUeckermünde als Teil eines Viererpakets übernommen
Der Verkauf betraf nicht nur Ueckermünde. In derselben Transaktion gingen auch die damalige Präzisionstechnik Resources Altenburg, MAT Machining Europe in Immenhausen und MAT Neunkirchen an Aequita. Die frühere Eigentümerin MAT Holdings trennte sich damit von vier deutschen Werken gleichzeitig.
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Zum 1. Dezember 2025 wurden alle vier Standorte in die Marke Breyden integriert. Das Unternehmen erklärte damals, durch die Übernahme wachse Breyden in Deutschland auf fünf Standorte und gewinne zusätzliche Kompetenzen bei der Entwicklung und Herstellung von Antriebskomponenten. Aus dem bisherigen Bremsscheibenhersteller sollte ein breiter aufgestellter Anbieter von Brems- und Antriebstechnik werden.
Wirtschaftliche Schwierigkeiten waren beim Kauf bekannt
Erklärungsbedürftig ist die kurze Zeitspanne zwischen Übernahme und Schließungsentscheidung. Die heute von Breyden und der Gießereibranche genannten Belastungen kamen nicht überraschend.
Hohe Energie-, Material- und Personalkosten, die schwache Automobilkonjunktur, zunehmender internationaler Wettbewerb und der Investitionsbedarf für eine klimafreundlichere Produktion waren schon 2025 bekannt. Ein auf Restrukturierungen spezialisierter Käufer musste diese allgemeinen Marktrisiken bei seiner Prüfung der vier Werke berücksichtigen.
Aequita beschreibt sich selbst als Investor für Konzernabspaltungen, Nachfolge- und Restrukturierungssituationen. Das Unternehmen erklärt zudem, Breyden von einem defizitären und energieintensiven Verbund in einen profitablen, wachstumsfähigen Mittelständler verwandeln zu wollen. Das spricht dafür, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des übernommenen Verbundes grundsätzlich von Anfang an bekannt waren.
Minister erfuhr bei Besuch nichts von Schließungsplänen
Die zeitliche Abfolge wirft weitere Fragen auf. MVs Wirtschaftsminister Wolfgang Blank besuchte die Gießerei am 17. September 2026. Schon in der einen Tag später veröffentlichten Mitteilung des Ministeriums wurden hohe Energie- und Materialkosten, eine schwache Investitionsnachfrage, internationale Konkurrenz und der Transformationsbedarf der Branche ausdrücklich benannt. Von einer bevorstehenden Schließung war - zumindest offiziell - jedoch keine Rede.
Ueckermünde liegt im Landkreis Vorpommern-Greifswald und hat nur etwa 8500 Einwohner.
© Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
Nur rund zwei Wochen später wurde die Belegschaft über das geplante Aus informiert. Blank zeigt sich auf Anfrage der OAZ überrascht: „Die Gießerei ist für die Beschäftigten, ihre Familien und auch für die gesamte Region von enormer Bedeutung. Bei meinem Besuch im September war seitens der Geschäftsführung von einer Schließung keine Rede.“
Der Minister sieht das Unternehmen in der Pflicht: „Die Breyden-Gruppe steht jetzt in der Verantwortung – es geht um Menschen, nicht nur um wirtschaftliche Kennzahlen. Derzeit laufen auf verschiedenen Ebenen Gespräche, um tragfähige Perspektiven für die Beschäftigten und den Standort auszuloten.“
Erst heute traf sich ein Krisenstab, dem der Minister, Vertreter von Breyden, der Bürgermeister von Ueckermünde sowie Stadtvertreter angehören, in Berlin zu einer nichtöffentlichen Beratung.
Breyden: Standort ist bereits heute defizitär
Breyden weist den Eindruck zurück, dass es sich um eine kurzfristige oder allein durch den Eigentümerwechsel ausgelöste Entscheidung handele. Sprecherin Franziska Seel erklärt auf Nachfrage der OAZ: „Die Entscheidung ist das Ergebnis einer umfassenden wirtschaftlichen Bewertung des Standortes. Ausschlaggebend ist insbesondere die fehlende langfristige wirtschaftliche Perspektive. Der Standort ist bereits heute defizitär und auf erhebliche finanzielle Unterstützung angewiesen.“
Gleichzeitig gehe das Unternehmen von einer weiter rückläufigen Auslastung aus. „Die bestehenden Kostenstrukturen können unter diesen Bedingungen dauerhaft nicht getragen werden. Nach Prüfung der bestehenden Handlungsalternativen ist die Geschäftsführung deshalb zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Fortführung des Standortes wirtschaftlich nicht sichergestellt werden kann.“
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Auch zusätzliche Investitionen würden nach Einschätzung von Breyden das Grundproblem nicht lösen. „Aus unserer Sicht wäre eine Fortführung des Standortes nur dann denkbar, wenn eine realistische Perspektive für einen nachhaltig wettbewerbsfähigen Betrieb besteht.“
Altenburg wächst, während Ueckermünde schließen soll
Dass sich die vier übernommenen Werke unterschiedlich entwickeln, zeigt der Standort Altenburg. Dort werden Differenzialgetriebe für mehrere große Fahrzeughersteller produziert. Im August 2026 berichtete die Stadt Altenburg, Breyden habe ein neues Projekt für einen internationalen Nutzfahrzeughersteller gewonnen. Dafür seien weitere Investitionen in Maschinen und Anlagen vorgesehen. Die Produktion sollte noch 2026 anlaufen.
Dabei stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien Kapital, neue Aufträge und Zukunftsprojekte innerhalb der Breyden-Gruppe verteilt werden. Öffentlich ist nicht bekannt, ob Ueckermünde bei neuen Ausschreibungen berücksichtigt wurde und ob Kundenaufträge oder Produktionsumfänge seit der Übernahme an andere Standorte gingen.
Wird Produktion innerhalb der Gruppe verlagert?
Für die Bewertung der Schließung ist entscheidend, was mit den bisherigen Ueckermünder Aufträgen geschieht. Sollten bestehende Produkte künftig an einem anderen Breyden-Standort gefertigt werden, würde das darauf hindeuten, dass nicht ausschließlich die Nachfrage nach den Bauteilen fehlt, sondern auch eine konzerninterne Standortentscheidung getroffen wurde.
Eine solche Entscheidung könnte wirtschaftlich begründet sein – etwa durch modernere Anlagen, niedrigere Kosten, eine bessere Auslastung oder kürzere Wege zu den Kunden.
Deutsche Gießereien in der Krise
Unabhängig von den offenen Fragen zum Paketkauf steckt die deutsche Gießereibranche grundsätzlich in einer tiefen Krise. Nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Gießerei-Industrie sank die Produktion 2025 um etwa vier Prozent auf rund 3,3 Millionen Tonnen. Der Umsatz ging um sieben Prozent auf weniger als zwölf Milliarden Euro zurück, die Beschäftigung um sechs Prozent. Für 2026 erwartet der Verband keine spürbare Erholung.
Besonders belastend sind hohe Energie- und Standortkosten, die schwache Nachfrage aus der Automobilindustrie und dem Maschinenbau sowie wachsende Überkapazitäten in Asien. Gleichzeitig müssen die Unternehmen in Automatisierung, Digitalisierung und CO₂-ärmere Produktionsverfahren investieren.
Der Paketkauf 2025 liefert bisher keinen Anhaltspunkt für eine von langer Hand geplante Stilllegung. Er begründet aber ein berechtigtes öffentliches Interesse daran, zu erfahren, welche Rolle Ueckermünde in der damaligen Kaufstrategie spielte – und was sich innerhalb von nur 15 Monaten so grundlegend verändert hat, dass Breyden nun keine Zukunft mehr für das Werk sieht.
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