Nachruf

Mehr als Mutter von Rammstein-Sänger: Gitta Lindemann und ihr Leben für die Literatur

Gitta Lindemann prägte das Kulturradio im Norden und schrieb spät eigene Bücher, auch über Till Lindemann. Nun ist sie mit 87 Jahren gestorben.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
3 Min
Gitta Lindemann (1939–2026) bei einer Lesung. Neben ihr sitzt der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel.

Gitta Lindemann (1939–2026) bei einer Lesung. Neben ihr sitzt der Literaturwissenschaftler Carsten Gansel.

© Aram Radomski

Erst spät veröffentlichte Gitta Lindemann 2023 ihr erstes eigenes Buch „Meine Fensterplätze“ (Okapi-Verlag). Es enthält Geschichten über Menschen und Orte, außerdem eine tagebuchartige Erzählung, die 1989 beginnt, als der Untergang der DDR nicht nur Aufbruch bedeutete, sondern vor allem für ihre Generation das Ende aller Gewissheiten.

Und es enthält eine Liebeserklärung an ihren Sohn Till, den Sänger von Rammstein. In diesem Jahr kam noch ein Gedichtband dazu: „Lautlos“, erschienen in der Edition Schwarzer Balken, mit einem Nachwort der Enkelin Nele Lindemann. Am Sonnabend (24. Oktober) ist Gitta Lindemann im Alter von 87 Jahren gestorben.

Man mag diese Veröffentlichungen mit einem Blick aus der Ferne für einen Rollenwechsel gehalten haben, ein Heraustreten aus der Rolle als „die Frau von“ und „die Mutter von“. Aber da liegt ein Missverständnis vor, denn sie war dem Schreiben immer verbunden.

Ihren Mann traf sie auf der Bitterfelder Konferenz

Am 11. April 1939 in Dresden geboren, studierte sie Journalistik in Leipzig. In der Zeit lernte sie 1959 auf der 1. Bitterfelder Konferenz den Lyriker Werner Lindemann kennen, der später vor allem durch seine Kinderbücher bekannt wurde. Sie heirateten, wohnten in Leipzig zusammen, sie fand Arbeit beim Radio. 1963 wurde ihr gemeinsamer Sohn Till geboren, der als Musiker weltberühmt werden sollte.

Fast ihr ganzes Leben lang hat Gitta Lindemann die Romane, Erzählungen, Gedichte und Kinderbücher anderer ins Gespräch gebracht. Als Kulturredakteurin arbeitete sie bei Radio DDR ab 1969 in Neubrandenburg, anderthalb Jahrzehnte dann in Rostock, wo von Frühjahr bis Herbst die „Ferienwelle“ auch live aus den Urlaubsorten sendete. Da startete sie 1987 die Reihe „Literaten im Kreuzverhör“.

1990 wurden mit dem Sender Radio DDR auch die Redaktionen in den Bezirkshauptstädten abgewickelt. Gitta Lindemann wurde Chefredakteurin des neuen Radio Mecklenburg-Vorpommern und schließlich, als die Strukturreform der Landesmedienanstalten abgeschlossen war, bekam sie 1992 die Stelle als Kulturchefin bei NDR 1 Radio MV in Schwerin.

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In dieser Rolle erfand sie bis zu ihrem Ausscheiden 2002 die Gesprächsreihe „Kunstkaten“ und gründete mit Kollegen das NDR-Literaturcafé. Sie zog nach Wendisch-Rambow bei Schwerin. Das Landleben im Norden war ihr vertraut. Lange führte sie eine Wochenendehe, weil Werner Lindemann das Ferienhaus in Drispeth zu seinem ständigen Wohnsitz erkoren hatte – in der Nähe anderer Autorinnen und Autoren wie Daniela Dahn und Joochen Laabs, Helga Schubert, Joachim Seyppel, Wolf Spillner, Christa und Gerhard Wolf.

Das Reden über Bücher war also Alltag für Gitta Lindemann. Im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Carsten Gansel unter dem Titel „Kultur ist nicht nur etwas für vermeintliche Spinner“ ordnet sie ihr Leben als Leserin und Beobachterin ein. Es beschließt anstelle eines Nachworts den Band „Meine Fensterplätze“. Mit diesem Buch war sie in Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen drei Jahren zu einigen Lesungen unterwegs. Und das war dann wirklich ein Rollentausch.

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