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Gloria de Oliveira: „Am liebsten würde ich auf der Pfaueninsel wohnen“

Die deutsch-brasilianische Sängerin Gloria de Oliveira ist eines der spannendsten Multitalente Berlins. Selbst New-Wave-Ikone Gudrun Gut und das David-Lynch-Universum wurden hellhörig

Patricia Hempel
Patricia Hempel
7 Min
Gloria de Oliveira: „Berlin muss sich seine DIY-Venues und den Untergrund erhalten.“

Gloria de Oliveira: „Berlin muss sich seine DIY-Venues und den Untergrund erhalten.“

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Eigentlich hätte sich Gloria Rafaela Endres de Oliveira lieber in einem Café auf dem Alten Luisenstädtischen Friedhof am Südstern getroffen. Das Café Carisma an der Hasenheide tut es aber auch, und nicht nur de Oliveiras Vorliebe für Friedhöfe ist charmant, sondern auch, dass sie zum Interview ein Stück Kuchen in Betracht gezogen hätte.

Am Carisma schätzt sie die „unhippe“ Bodenständigkeit. So etwas finde man in Berlin nur noch selten, schon gar nicht im Graefekiez. Und die Sängerin hat recht: Mit seiner Vintage-Tapete und den Kerzenleuchtern zwischen Wandtellern und holzgerahmten Stillleben wirkt das Café so, als wäre es einem Kinderbuch entsprungen oder der perfekte Drehort für einen Wes-Anderson-Film. Gloria de Oliveiras Kindheit hat etwas mit ihrem dritten Album „The Lying Swans“ zu tun, das am Freitag, den 30. Oktober erscheint. Und das Filmemachen spielt in ihrem Leben ebenfalls eine große Rolle.

„Berlin riecht nach gutem türkischem Essen und Rauch“

Als die in der Nähe von Frankfurt am Main aufgewachsene Gloria de Oliveira 2011 nach Berlin kam, hatte sie in der Stadt bereits Wurzeln. Ihre Schwester wohnte schon hier. Ursprünglich wollte sie Opernsängerin werden, doch zunächst führte sie ihr Weg nach London, wo sie Schauspiel studierte.

Es folgte ein Studium der Bildenden Kunst an den Kunsthochschulen in Hamburg und Paris. Seit vier Jahren lebt sie wieder in Berlin. Warum sie zurückkam, fragt sie sich selbst. Es könnte aber an der besseren Lebensqualität im Vergleich zu Paris und London liegen. Noch gebe es die legendäre Berliner Leichtigkeit, sagt die Sängerin, die Frage sei nur: Wie lange noch?

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Sie könne jedem Stadtteil etwas abgewinnen, sagt sie, doch vieles in Berlin habe sich verändert. Gerade mit Blick auf den Kreuzberger Kiez, in dem sie heute wohnt. Aber nicht nur eine Stadt verändert sich, sondern auch man selbst. Was sie früher als junge Erwachsene gefeiert habe, sehe sie heute mit anderem Blick. Für Gloria de Oliveira klingt Berlin nach Blaulicht und riecht nach gutem türkischem Essen, ihrem Lieblingsvietnamesen in Prenzlauer Berg und nach Zigaretten. In keiner anderen Stadt pflege man die Rauchkultur so wie in Berlin, sagt sie und lacht.

Sie überlegt, eines Tages nach Brasilien zu ziehen, wo es eine große, in Deutschland weitgehend unbekannte Indie- und Alternative-Szene gibt, die sich nicht nach Europa und in die USA vermarktet. Der Wunsch, weiterzuziehen, liegt jedoch weniger an Berlin selbst, schließlich ist sie künstlerisch hier gut vernetzt, sondern an dem, was man für sich aus einer Großstadt zieht. Sie sehnt sich nach mehr Natur und mehr Sonne. Von allen deutschen Städten ähnele Berlin aber am meisten Rio, und wenn sie die freie Wahl hätte, würde sie am liebsten auf der Pfaueninsel wohnen. Das passt gut zu ihrem neuen Album „The Lying Swans“.

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In Zukunft möchte die Sängerin mehr auf Portugiesisch singen und sich mehr dem Bossanova widmen.

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© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

„Ich wurde in den Potsdamer-Platz-Arkaden gescoutet“

Der Blick auf Gloria de Oliveiras Lebenslauf legt nahe, dass sie sich zwischen Musik, Film und bildender Kunst bewegt. Bevor sie 2020 ihr Debütalbum „Fascination“ selbst produzierte, gab es einen Exkurs in die Schauspielerei. Entdeckt wurde sie im Alter von 15 Jahren in den ehemaligen Potsdamer-Platz-Arkaden von einem Talentscout für einen Film von Pia Marais. In diesen Film schaffte sie es zwar nicht, dafür in die Serie „Babylon Berlin“ und in Christian Petzolds „Undine“.

„Ich bin da so reingerutscht und habe mich auch nie hundertprozentig wohlgefühlt mit der Rolle als Projektionsfläche“, erzählt de Oliveira. Für die Sängerin stand Musik schon immer an erster Stelle. Sie möchte gestalten, selbst die Regeln aufstellen und Mitspracherecht behalten. Im Film ist das nicht immer möglich. Dabei konzipiert sie und führt Regie nicht nur in ihren eigenen Musikvideos, sondern arbeitet auch für Bands wie Tocotronic oder Die Heiterkeit. Nur für ein Filmprojekt, hinter dem sie voll und ganz stünde, würde sie noch mal eine Ausnahme machen.

Gloria de Oliveira, die sich selbst als introvertiert und eremitenhaft bezeichnet, legt viel von sich selbst in ihre Kunst. Das merkt man vor allem dem neuen Album „The Lying Swans“ an. Dahinter steht ein langer Prozess. Alle Demos der Platte entstanden bereits 2021 während der Pandemie. „Im Auge des Sturms“, lacht Gloria de Oliveira.

Schlussendlich holte sie sich mit Randall Dunn einen Produzenten an die Seite, der sich auf die dunklen Zwischenräume der Musik versteht. Dunn arbeitete unter anderem mit den Drone-Metal-Pionieren Sunn O))), der schwedischen Organistin Anna von Hausswolff und der amerikanischen Sängerin Marissa Nadler. Seine Klangwelten sind von einer eigentümlichen Spannung zwischen monumentaler Schwere und gespenstischer Zartheit geprägt. Aufgenommen wurde de Oliveiras Album über zwei Jahre hinweg zwischen Reykjavik, New York und Berlin.

Dabei reicht de Oliveiras Vorliebe für das Unheimliche weit zurück. Schon auf „Fascination“ (2020), einer Zusammenstellung ihrer ersten beiden EPs, entwarf sie eine musikalische Welt zwischen Dark Wave, ätherischem Pop und Gothic-Romantik. Sogar Gudrun Gut wurde auf die Platte aufmerksam und remixte „The Only Witness“. Für de Oliveira war das eine besondere Ehre.

Für ihr zweites Album „Oceans of Time“ (2022) arbeitete sie mit Dean Hurley zusammen, dem langjährigen Sounddesigner von David Lynch. Aus einer Korrespondenz über Gott und die Welt wurde ein musikalischer Kettenbrief: Die beiden entwickelten ihre Musik über den Atlantik hinweg, ohne sich zunächst persönlich zu begegnen.

Entstanden ist ein schwebendes, von Synthesizern und verhallten Gitarren durchzogenes Werk über Zeit, Vergänglichkeit und die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits. Eine Musik, die auch in einem Film von David Lynch ihren Platz hätte finden können: schön und verstörend zugleich, als lauere hinter jeder Melodie ein Geheimnis.

„Ich bin ein zutiefst romantischer Mensch“

Mit Randall Dunn gewinnt diese Ästhetik eine neue Dimension: Die geisterhaften Klanglandschaften sind geblieben, doch treten die neun Songs von „The Lying Swans“ aus dem Nebel hervor. Schlagzeug, Gitarren, Streicher und Flöten, letztere sind auch als Rückgriff auf de Oliveiras brasilianische Wurzeln zu verstehen, verleihen der Musik eine neue Körperlichkeit. Wo zuvor vor allem das Entrückte dominierte, wird das Verletzliche hörbar.

Das alles hat auch sehr viel mit der Geschichte zu tun, die Gloria de Oliveira im neuen Album teilen möchte. Die Geschichte einer langjährigen, missbräuchlichen Liebesbeziehung macht „The Lying Swans“ zu einem Trennungsalbum, aber auch zu einem Album der Selbstermächtigung, und das könnte erklären, warum sich die Songs allesamt so persönlich anhören. 

De Oliveira erzählt inzwischen selbstbewusst von einem für das Album wichtigen Schlüsselmoment, der einem den Hals zuschnürt: „Ich bin im ersten Stock aus seinem Fenster geklettert, weil er die Tür abgeschlossen hatte. Barfuß, und es war mitten im Winter. Ich bin im Nachthemd auf die Hauptstraße gerannt, er hinter mir her, und ich sprang ins nächste Taxi.“

Gloria de Oliveira: „Ich habe keine Angst davor, Lieder über die Liebe zu schreiben.“

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© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Die Flucht aus einem Spukhaus prägt auch das Cover: Es zeigt eine junge Frau im Nachthemd am Meeresufer, neben ihr zwei schwarze Schwäne – daher auch der Titel „The Lying Swans“. Das Artwork greift nicht nur das englische Literaturgenre „Women Running from Houses“, also den Topos der Gothic Romance, auf. Es spielt auch auf den griechischen Mythos von Leda an, die von Zeus in Gestalt eines Schwans missbraucht wird. Der Schwan, ein Sinnbild von Reinheit und Schönheit, wird dabei zur ambivalenten Figur, hinter der sich Macht, Gewalt und Täuschung verbergen.

„The Lying Swans“ klingt wie ein sorgsam kuratierter Gedichtszyklus. Man erwacht aus einem Albtraum und beginnt zu wachsen. In Gloria de Oliveiras Arbeit, aber auch in ihrem Wesen, verbinden sich viele Dinge: Romantik, Mystik und Sehnsucht, die Ästhetik von Traum- und Erinnerungsbildern, aber vor allem die Geschichten des Zwischenmenschlichen und Feinstofflichen, die uns verbinden und voneinander abstoßen.

Gloria de Oliveira: The Lying Swans. La Double Vie, 2026. Berlin-Konzert am Samstag, 31. Oktober, ab 20 Uhr im Rough Trade Neukölln, Ganghoferstraße 10. Eintritt frei, aber Reservierung via dice.fm erforderlich.

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