Der Rias-Kammerchor begann die neue Saison mit einem Programm, das schon für die Saison 2020/21 vorgesehen war, aber coronabedingt ausfallen musste. Nun ist ihm durch den Tod von Queen Elizabeth II. unvermutet Aktualität zugewachsen war: Nach 70 Jahren steht 2023 wieder eine Krönung in Westminster Abbey an, und so erregt ein Programm mit „festlicher Krönungsmusik aus England“ mehr Aufmerksamkeit denn je.
Die öffentlichen Feiern des Königshauses werden stets mit einer Mischung aus neuen und traditionellen Werken begangen – seit 1727 etwa ist immer Georg Friedrich Händels „Zadok the Priest“ dabei. Justin Doyle, der Chef des Rias-Kammerchores, wählte daher Werke aus rund hundert Jahren aus, Händel aber bildete die Klammer um das am Dienstag im Konzerthaus zusammen mit der Akademie für Alte Musik Berlin aufgeführte Programm.
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Am Beginn stand die Ouvertüre zum „Occasional Oratorio“; am Schluss kamen die vier „Coronation Anthems“. Was sich in der Ouvertüre abzeichnete, wurde am Ende zum Problem: Doyle bevorzugt eine schlanke Tongebung und spart mit Akzenten; das zielt auf einen transparenten Klang und weiträumige Phrasierung. Nur werden Händels vier Anthems sich in ihrer Kürze unter dieser interpretatorischen Leitlinie dann doch sehr ähnlich, zumal wenn man sie streng nach Händel-Werkverzeichnis-Nummern hintereinander aufführt.
Dazu zwingt einen ja nichts; die HWV-Nummern geben nicht einmal die Reihenfolge der Werke während der Krönung Georges II. wieder. Und wie oben beschrieben geht es bei der musikalischen Bestückung des „liturgischen Dramas“, das so eine Krönung in Westminster Abbey mit dem Erzbishof von Canterbury ja ist, nicht um stilistische Reinheit, sondern um sinnvolle dramatische Abwechslung. Doyle wäre besser beraten gewesen, die Komponisten in der zweiten Hälfte des Programms ebenso zu mischen wie er es in der ersten getan hatte.
Wackligkeiten im Zusammenspiel
Da kam etwa nach der Ouvertüre Orlando Gibbons’ „O Clap Your Hands“ von 1622, die wunderlich kunstvollste und lebendigste Achtstimmigkeit der Musikgeschichte – und zum Singen das Schönste und Lustvollste, was man sich denken kann. Doyle führt seinen Chor durch dieses Kaleidoskop hörerfreundlich mit großen Linien – klanglich vermisst man Substanz bei den Bässen.
Dass sich Genies und wackere Meister bei Krönungsmusiken die Hände reichen, erfährt man in der Folge von Henry Purcells „I was glad“ und William Crofts „The Lord is a Sun and a Shield“: Purcells schon zu Lebzeiten kursierender Ehrentitel „Orpheus Britannicus“ spricht ebenso Bände über seine Fähigkeiten und Originalität wie die weitgehende Vergessenheit, in die Croft, der Komponist der Chapel Royal, schon zu Lebzeiten fiel, als George II. ihn für seine Krönung zugunsten Händels überging. In diesen Werken jedoch dienen sie beide nur dem Zweck; Croft mit Pracht, Purcell mit nuancierter Nachdenklichkeit.
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Dass Doyles luftiger Darstellungsstil zwar angenehm, aber doch auch ein Problem ist, mag weniger aus manchen Wackligkeiten im Zusammenspiel hervorgehen – die Akademie für Alte Musik schien in diesem Konzert mit seinem elegant-lockeren Dirigieren nicht immer gut zurechtzukommen. Man denkt sich so eine Krönung in einer riesigen Kathedrale insgesamt doch etwas wuchtiger im Klang – so wie es der auch in dieser Aufführung beeindruckende Anfang von „Zadok the Priest“ zeigt. Doyles Interpretation aber schien durchweg nach einer musikalischen Feinheit zu suchen, die die Komponisten aus praktischen Erwägungen betreffend Raum und Anlass gar nicht in ihre Werke hineingeschrieben hatten.
So wurde „Laudate pueri“ aus Händels erster italienischer Zeit zum stilistisch schlüssigsten Höhepunkt: Hier war die filigrane Beweglichkeit am Platz und auch die souveräne klangliche Zurückhaltung von Chor und Orchester, um das zarte Leuchten der Solistin Aoife Miskelly nicht zu überdecken.
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