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Was bleibt nach zwei Stunden Film in meinem Gedächtnis hängen? Der Held des Films schaut vom Dierhagener Deich nachdenklich gen Westen aufs Meer, melancholisch, nachdenklich, nicht gerade freundlich. Niemand fragt ihn: Was geht ihm durch den Kopf? Sitzt da ein KOMMUNIST? Wer soll das sein, ein Kommunist? Ein Revolutionär? Ein Mann mit Idealen?
Da sitzt eher ein alter Mann, einsam und traurig, der immer noch glaubt, hätte er früher gehandelt, hätte er den Sozialismus in der DDR noch retten können. Er gießt im Garten noch seine roten Tulpen, stöbert in seinem privaten Archiv, schreibt immer wieder seine Erinnerungen auf, liest im Referatston daraus auf offener Bühne vor, egal, ob sie der Wahrheit nahekommen oder eher seine Legenden pflegen.
Der Film „Kommunist“, seit 11. Juni in den deutschen Kinos zu sehen, zitiert mehrfach aus der nächtlichen Verhandlung des Parteigerichts vom Januar 1990, das ihn nach wütender Debatte mit knapper Mehrheit aus der SED/PDS ausschloss. Nichts habe ihn härter getroffen als der Ausschluss aus seiner Partei. Sein Parteibuch habe er aus Trotz nicht abgegeben. Ja, so war eben seine Partei, die Schuldige brauchte, um selbst noch überleben zu können. Stalin hatte eben den Raum doch noch nicht verlassen, wie Stefan Heym einst glaubte. Und war der KOMMUNIST denn schuldlos am Zustand seiner Partei?
Seit 1976 war er Kandidat, seit 1983 Mitglied des Politbüros. Jahrelang glaubte er selbst, dass er Honecker-Nachfolger werden sollte, wonach er auch strebte. Weshalb hätte er sonst so lange gezögert, im Politbüro für eine seiner Meinung nach notwendige Korrektur der Politik einzutreten. Da wäre er gewiss schon früher rausgeflogen. Und was hätte er ändern wollen? Das fragt sich der Zuschauer. Und welche Ideale hatte er eigentlich? Keine Antwort im Film.
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Prozess ohne juristische Grundlage
Im Film gibt er an, seit 1985 Gorbatschow-Anhänger gewesen zu sein. Nur weil er sich ein Papier erarbeiten ließ, das nach seiner neuesten Interpretation angeblich auch für die DDR Perestroika und Glasnost vorschlug, aber keiner von uns Genossen kannte, nachdem es Honecker in den Panzerschrank geschlossen hatte? Glaubte er damals und auch heute immer noch daran, von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen? Warum hat er mit uns in der FDJ nie über seine Sympathien für Gorbi und dessen Ideen auch nur einmal gesprochen? Wurden wir nicht immer wieder vor solchen eher gewarnt? Warum verlangte er von mir als FDJ-Chef 1988, dass ich einen Antrag stelle, die umstrittenen sowjetischen Filme zu verbieten, was ich nicht machte? Warum forderte er von mir, 1989 zum Fackelzug der FDJ auf keinen Fall Gorbatschow namentlich zu begrüßen, was mich dann mit den freien Gorbi-Gorbi-Rufen der Teilnehmer protestieren ließ?
1995 stand der KOMMUNIST vor einem bundesdeutschen, natürlich antikommunistischen Gericht und musste sich wegen der an der innerdeutschen Grenze zu Tode Gekommenen politisch verantworten. Wie viele andere habe auch ich damals gegen diesen politischen Prozess in Briefen an das Gericht und in Zeitungsanzeigen protestiert. Anwalt Ferdinand von Schirach erklärt im Film nochmals, dass der Prozess keine juristische Grundlage hatte, wenn auch letztlich sogar das Bundesverfassungsgericht das Urteil der neuen Macht bestätigte.
Die geschichtliche Wahrheit bleibt doch wohl, dass die DDR nicht allein für die Mauer verantwortlich war. Sie war ein Ergebnis des Kalten Kriegs zwischen Ost und West, eine Entscheidung der Sowjetunion und des Warschauer Vertrags. Aber wahr ist auch, dass später auf DDR-Initiative nach westlicher Bitte Minen an der Grenze entfernt wurden. Warum wurde nicht gleichzeitig ein „Schießverbotsbefehl“ erteilt? Wenn der Verurteilte jetzt in jener Zeit einen Bürgerkrieg zwischen West- und Ostdeutschland sehen will, dann beschreibt er ausschließlich seine Sicht der Dinge. Die deutschen Bürger waren nicht im Krieg, ihre Führungen bekämpften sich sehr wohl.
Egon Krenz auf dem Dierhagener Deich
© Salzgeber
Kein Wort von ihm zur Rolle der Staatssicherheit
Der KOMMUNIST klagt sich selber an, wenn er erklärt, schon viel früher gewusst zu haben, was falsch läuft im Land, nur habe er nicht früher im Politbüro aus Respekt vor den Antifa-Kämpfern aufstehen können. Hatte er eigentlich eine andere Politik-Idee? Er hatte doch konkrete Verantwortungsbereiche: Sicherheit, Staat und Recht, Jugend und Sport. Im Film kein Wort von ihm zur Rolle der Staatssicherheit, kein Wort zur Jugend. Nur Erinnerungen an seine FDJ-Zeiten. Warum nennt er einen seiner drei Biografie-Bände „Gestaltung und Veränderung“, wenn er gar nichts gestaltet und verändert hat?
Ehrlich wäre es doch, sich heute mal die Frage zu stellen, warum der Sozialismus in der DDR wirklich gescheitert ist. Egal ob bei Walter, Erich oder Egon. Die sogenannte führende Rolle der Partei war eben keine Demokratie, sondern Diktatur der Partei. Das Schicksal des Landes versuchten zwar Personen zu steuern, es hing aber nicht allein von ihnen ab.
Der KOMMUNIST deutet an, dass die Preisstabilität auf niedrigem Niveau, die er selbst immer wieder gepriesen hatte, wohl ein Fehler war. Er warnte vor einem Wettbewerb um das beste Wahlergebnis bei den Kommunalwahlen 1989, um dann das geschönte Wahlergebnis im Fernsehen selbst verkünden zu müssen. Wirkliche Ursachen des Zusammenbruchs 1989 nennt er nicht.
Ich denke nur an die politische und ökonomische Abhängigkeit des Landes von der Sowjetunion und dem Westen, an die falsche Entscheidung der Partei von 1976, jetzt allmählich den Kommunismus aufzubauen und die Jugend kommunistisch zu erziehen, an die Dummheit 1972, funktionierende, von privaten Eigentümern geführte Betriebe in gesellschaftliches Eigentum zu überführen und später noch in Kombinate zu integrieren, an die Abgrenzung einer sogenannten DDR-Nation.
November 1989: Günter Schabowski (vorne li.), Egon Krenz (vorne M.), Erhard Krack (2. Reihe, 3.v.re.), Gregor Gysi (2. Reihe, 2.v.re.) und der Autor des Textes Eberhard Aurich (3. Reihe, re.)
© Werner Schulze/Imago
Was hat der KOMMUNIST mit Indianern zu tun?
Er sieht die DDR als Beweis, dass ein Leben ohne Kapitalisten möglich sei, träumt von einer sozialistischen Welt nach dem Motto „Warten wir die Zukunft ab!“. Kein Wort von ihm dazu, warum schließlich in seiner Amtszeit auch viele seiner Genossen seine unentschlossene Wende nicht mehr wollten: keine radikale Distanz zu Erich Honecker, kein neues überzeugendes Programm, alte Kader im Politbüro, ein verbürokratisierter Entwurf eines Reisegesetzes. Im Film meint er gar, er sei 1989 gegen die Streichung der führenden Rolle der Partei aus der DDR-Verfassung gewesen. Da hat er vergessen, dass er mich damals beschimpfte, nicht an seiner Seite zu sein, weil ich dafür nicht die Hand in der Volkskammer hob.
Im Film werden immer wieder jugendliche Gesichter in Großaufnahmen gezeigt. In ihnen sieht man Hoffnung, Zustimmung und Engagement. Auch der KOMMUNIST und ich haben uns zu unterschiedlichen Zeiten nicht ganz erfolglos dafür eingesetzt, die Jugend für solches Engagement zu gewinnen. Diese hoffnungsvollen Menschen hat doch die Partei letztlich enttäuscht. Warum blendet sie der Film aber immer wieder ein? Sollen auch sie schuldig sein? Nur weil sie systemkonform waren? Weil sie uns folgten, gar bejubelten?
Unverständlich bleiben mir auch die Filmausschnitte mit Gojko Mitic. Chingachgook, die große Schlange, und der Falke, zwei Indianerhelden. Der Falke bändigt ein Pferd und zieht erfolglos in den Kampf gegen die kapitalistischen Goldgräber. Andere Indianer wenden sich gegen die große Schlange, ihre Pfeile zielen auf den Häuptling, treffen ihn aber nicht. Er überlebt wie der KOMMUNIST im Film, angeklagt von seinen eigenen Kampfgefährten? Ich war froh, im November 1989 die Führung der FDJ freiwillig abgegeben zu haben, bin ein Jahr später selbst aus der Partei ausgetreten und habe später meine Erinnerungen und Einsichten dokumentarisch festgehalten. Was hat aber der KOMMUNIST mit Indianern zu tun?
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Unverständliche Auswahl der Zeitzeugen
Die Berliner Zeitung schrieb, der Film sei eine DDR-Zeitreise. Eigentlich war wenig von der DDR zu sehen: weder besondere Erfolge noch die alltäglichen Ärgernisse, aber die üblichen historischen Ausschnitte von Massenveranstaltungen, vom 17. Juni 1953, amerikanische Panzer in Westberlin 1961, gewaltsam von der Polizei verfolgte Proteste im Herbst 1989 in Leipzig und Berlin, peinliche minutenlange Ausschnitte aus euphorischen Reden von Erich Honecker. Nur gut, dass die persönlichen Aussagen des KOMMUNISTEN von einer Frau zurückhaltend gesprochen wurden, sein Dröhnen hätten die Zuschauer nicht ertragen.
Die Auswahl der Zeitzeugen war mit einer Ausnahme eher unverständlich. Was haben denn die Zuschauer von dem sozialdemokratischen Holländer erfahren, der dem KOMMUNISTEN bei seinem Besuch rote Tulpen schenkt, aber dessen Land sich gar nicht für die DDR interessiert? Von der Nachbarin, einer Ärztin, erfuhren die Filmbesucher wenigstens, dass in der beruflichen Karriere nicht alles rundlief und sie sich hin und wieder mit ihrem Nachbarn locker unterhält. So wie die zufälligen Besucher am Deich in Dierhagen. Nur meine Frage: Hört der KOMMUNIST eigentlich seinen Gesprächspartnern zu?
Dank des Pastors Werner Krätschel wissen wir jetzt, dass der KOMMUNIST katholisch getauft und evangelisch konfirmiert ist. Das gibt ihm doch hoffentlich Kraft und Zuversicht für die letzten Jahre seines Lebens. Einzig Solveig Leo spiegelt realistisch einen Aspekt der DDR wider, als jüngste LPG-Vorsitzende, später linke Bürgermeisterin, Mutter zweier Kinder, ehrenamtliche FDJ-Funktionärin und fleißige Arbeiterin, geehrt in der DDR und der BRD. Respekt!
Nach zwei Stunden Zeitreise frage ich mich, welche Intentionen Regisseur Lutz Pehnert mit dem Film eigentlich hatte. Ist es ein Dokumentarfilm über das Leben des 50-Tage-Generalsekretärs? Ist es ein kritisches Hinterfragen seines Tuns? Klärt der Film auf, was ein Kommunist ist? Alles wohl nicht! Pehnert meint, es sei ein Film-Essay, was immer man sich darunter auch vorstellen kann.
Die Premiere des Films in Schwerin löste unter denen, die in der DDR geschurigelt worden waren, mehr Proteste als Zustimmung aus. Die Förderung eines solchen Films sei verschwendetes Geld und würde die Opfer verhöhnen, es sei nur DDR-Nostalgie. Das finde ich übertrieben. Natürlich darf ein Film über einen gestürzten DDR-Machthaber sein. Der KOMMUNIST wird auch nicht auf den Sockel gehoben, er wird auch nicht ein weiteres Mal verurteilt. Jeder Zuschauer kann sich ein eigenes Bild von ihm machen.
Ich weiß jetzt, was ich nicht sein möchte: so ein KOMMUNIST. Goodbye, Egon!
Eberhard Aurich, geboren 1946 in Chemnitz, war von 1983 bis 1989 1. Sekretär des Zentralrats der FDJ, überdies Mitglied des ZK der SED und Mitglied des Staatsrats der DDR. In seinem Buch „Zusammenbruch“ von 2019 beschreibt er seine kritische Sicht auf die DDR und seine Zeit als FDJ-Funktionär.
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