Umweltzerstörung

Google lässt für KI-Rechenzentren rund 400.000 Bäume fällen – Behörden schlagen Alarm

In Finnland ließ Google rund 530 Hektar Wald für neue Rechenzentren roden. Die Behörden stoppten die Arbeiten und fanden Hinweise auf eine zunehmende Versauerung des Wassers.

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Luftaufnahme der großflächigen Rodungen für ein geplantes Google-Rechenzentrum im finnischen Muhos Ende September 2026.

Luftaufnahme der großflächigen Rodungen für ein geplantes Google-Rechenzentrum im finnischen Muhos Ende September 2026.

© M. Woike/imago

Der US-Technologiekonzern Google hat in Finnland für den Bau neuer KI-Rechenzentren gewaltige Waldflächen roden lassen. An zwei Standorten im Norden des Landes wurden insgesamt rund 530 Hektar Wald abgeholzt, obwohl die vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfungen noch nicht abgeschlossen waren. Die finnischen Behörden verlangten daraufhin die Einstellung der Arbeiten. Inzwischen gibt es auch Hinweise auf mögliche Gewässerschäden. Die Aufsichtsbehörde hat die Polizei eingeschaltet.

Nach einer Recherche der britischen Zeitung Guardian wurden allein bei Muhos rund 330 Hektar Wald gerodet. Mari Annala vom finnischen Naturschutzverband schätzt, dass dort etwa 250.000 Bäume gefällt wurden. Weitere 150.000 Bäume sollen bei Otanmäki nahe Kajaani beseitigt worden sein. Die insgesamt rund 400.000 Bäume sind Schätzungen der Naturschützer, keine amtliche Zählung.

Satelliten- und Drohnenaufnahmen dokumentieren die Veränderungen. Wo zuvor dichter Wald stand, erstrecken sich nun riesige kahle Flächen. Teilweise wurde auch der Oberboden abgetragen. Anwohner berichten von braun verfärbtem Wasser in nahe gelegenen Bächen.

Google rodet Wald für milliardenschwere KI-Infrastruktur

Die Rodungen sind Teil von Googles groß angelegtem Ausbau seiner digitalen Infrastruktur in Finnland. Im September kündigte der Konzern an, innerhalb von zwei Jahren 13 Milliarden Euro in dem Land investieren zu wollen. Dazu gehören neue Rechenzentren, Energieprojekte und weitere Infrastruktur für den wachsenden Bedarf an Künstlicher Intelligenz.

Die finnische Regierung begrüßte die Investitionen. Ministerpräsident Petteri Orpo verspricht sich davon wirtschaftliches Wachstum, Arbeitsplätze und zusätzliche Steuereinnahmen. Google bezeichnet das Vorhaben als seine bislang größte Einzelinvestition in Europa.

Doch bei der Vorbereitung der Bauflächen wurden offenbar grundlegende Umweltvorschriften missachtet.

Die finnische Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde LVV forderte Googles Tochtergesellschaft Tuike Finland am 6. Oktober auf, sämtliche umweltrelevanten Arbeiten an beiden Standorten einzustellen. Neben den Waldrodungen waren bereits Erdarbeiten durchgeführt, Zufahrtswege angelegt und Entwässerungsgräben verändert worden.

Die erforderlichen Umweltverträglichkeitsprüfungen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen. Google teilte der Behörde am 14. Oktober mit, die Arbeiten an beiden Standorten gestoppt zu haben.

Finnische Behörde entdeckt Hinweise auf versauerndes Wasser

Besonders schwer wiegen neue Erkenntnisse zum Gewässerschutz.

In einer Mitteilung erklärte die Aufsichtsbehörde, dass auf dem Gelände bei Muhos bereits große Teile eines rund neun Kilometer langen Entwässerungssystems angelegt worden seien.

Die Arbeiten könnten problematische Folgen haben. In der Region kommen sulfidhaltige Gesteine und Böden vor, deren Bestandteile bei Kontakt mit Sauerstoff versauern können. Dadurch können saure und mit Metallen belastete Abwässer entstehen.

Nach Angaben der Behörde zeigen bereits vorliegende Messungen Veränderungen, die auf eine zunehmende Versauerung hindeuten. Ob und in welchem Umfang dadurch Gewässer geschädigt wurden, ist noch nicht abschließend festgestellt.

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Google muss bis zum 5. November einen detaillierten Plan zum Gewässerschutz vorlegen. Außerdem hält die Behörde eine zusätzliche wasserrechtliche Genehmigung für die Entwässerungsarbeiten für erforderlich. Sollten notwendige Schutzmaßnahmen ausbleiben, könnten diese auch unter Androhung eines Zwangsgeldes durchgesetzt werden.

Die Behörde teilte am Donnerstag zudem mit, wegen des Projekts in Muhos die Polizei um Ermittlungen gebeten zu haben. Zu Einzelheiten äußerte sie sich nicht. Bereits Anfang Oktober hatte die Polizei nach einer Anzeige einer Privatperson mit Vorprüfungen zu den Bauarbeiten begonnen. Eine strafrechtliche Schuld ist damit nicht festgestellt.

Naturschützer werfen Google Arroganz vor

In Finnland sorgt das Vorgehen des Konzerns für erhebliche Kritik. Hanna Halmeenpää, Vorsitzende des finnischen Naturschutzverbands, bezeichnete die Rodungen gegenüber dem Guardian als „reine Arroganz“.

Sie kritisierte, dass Google große Flächen erworben und mit den Arbeiten begonnen habe, bevor die rechtlichen Voraussetzungen vollständig geklärt gewesen seien. Besonders schwer wiege, dass die Eingriffe in die Natur bereits erfolgt seien und sich nicht einfach rückgängig machen ließen.

Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk Yle untersuchte die Vorgänge. Demnach hatten die großflächigen Rodungen bereits im März begonnen und waren über Monate fortgesetzt worden, bevor die Aufsichtsbehörde im Oktober einschritt.

Google räumte Fehler ein. Finnland-Chef Antti Järvinen entschuldigte sich Mitte Oktober öffentlich für die Rodungen. Das Unternehmen habe nach bestem Wissen und in der Annahme gehandelt, die geltenden Vorschriften einzuhalten.

Gegenüber dem Guardian erklärte Google, man werde sämtliche Vorgaben der Behörden befolgen. Der Konzern kündigte außerdem an, bei Muhos auf einer Fläche von 130 Hektar Bäume zu pflanzen. Naturschützer halten diese Maßnahme angesichts des Umfangs der Rodungen für unzureichend.

KI-Boom löst Debatte über Finnlands Wälder aus

Der Konflikt betrifft längst nicht mehr nur Google. Finnland ist wegen seines kühlen Klimas, seiner vergleichsweise günstigen Energieversorgung und großer verfügbarer Flächen ein attraktiver Standort für Rechenzentren. Nach Recherchen des Guardian befinden sich landesweit 145 neue Anlagen in unterschiedlichen Planungsphasen.

Mehr als 93.000 Menschen haben inzwischen eine Petition für strengere Regeln und eine Abgabe zum Ausgleich von Umweltbelastungen durch Rechenzentren unterzeichnet.

Der rasante Ausbau der Infrastruktur für Künstliche Intelligenz wirft damit grundsätzliche Fragen auf: Wie viel Wald und natürliche Fläche dürfen Technologieunternehmen für neue Rechenzentren beanspruchen? Und welche wirtschaftlichen Vorteile bleiben den betroffenen Gemeinden, wenn Energie, Wasser und Land für die Anlagen benötigt werden?

Google verspricht Finnland langfristige Investitionen und Tausende Arbeitsplätze. In Muhos und Otanmäki stehen den wirtschaftlichen Erwartungen nun jedoch großflächige Eingriffe in die Natur gegenüber. Wie die Projekte weitergehen, hängt auch von den ausstehenden Umweltprüfungen und den zusätzlichen Anforderungen der Behörden ab.

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