Mobilität

„Wir wollen nicht teurer werden!“ Bolt protestiert mit Gratis-Döner gegen Preisdiktat

1000 Döner für die Hauptstadt: Der Fahrdienstleister Bolt begehrt mit einer Gratis-Aktion im Kiez gegen drohende Preiserhöhungen im Verkehrssektor auf.

Alexandra Gretschichin Annamarie Heller
5 Min
Kristina beißt in einen Döner. Diesen hat sie gratis bei „Kebap With Attitude“ erhalten.

Kristina beißt in einen Döner. Diesen hat sie gratis bei „Kebap With Attitude“ erhalten.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Berlin ist die letzte deutsche Millionenstadt ohne Preisschranken für Mietwagen-Dienste wie Bolt. Das könnte sich jedoch bald ändern. Während Parteien wie SPD und Linke Mindesttarife zum Schutz des Taxigewerbes fordern, ist der Plattform-Anbieter Bolt dagegen. Am Donnerstag betonte das Unternehmen seinen Protest in Berlin Mitte auf kulinarische Weise: Mit 1000 Gratis-Dönern warnte Bolt vor steigenden Preisen für die Berliner.

Das von Bolt organisierte Event fand in Berlin-Mitte in der Gipsstraße  im Dönerladen „Kebap With Attitude“ statt. K.W.A. versteht sich als zeitgemäßes Döner-Restaurant, das den Berliner Klassiker auf ein neues Level heben möchte. Neben stilvollem, modernem Ambiente setzt das Team auf regionale Zutaten, handgesteckte Fleischspieße und kreative Gourmet-Varianten. Über die eigene Restaurant-Küche hinaus bietet das Konzept auch professionelles Catering und Events an.

Warum ausgerechnet „Kebap With Attitude“?

Dass die Wahl ausgerechnet auf den Szene-Laden fiel, sei naheliegend , erklärt PR-Verantwortliche Gülin Erdogan. Christoph Hahn, Deutschland-Chef für den Ride-Hailing-Bereich (Fahrdienste) von Bolt ergänzt: „Auf den ersten Blick verbindet man zwei Themen, die nichts miteinander zu tun haben. Aber hinter den Kulissen geht es um genau dasselbe: immer weiter steigende Preise.“ Da Bitten und Appelle an die Politik bislang verhallt seien, habe man ein Thema gewählt, das für alle greifbar ist. „Mobilität ist nach Lebensmitteln und Wohnen die drittgrößte Konsumausgabe der Menschen. Es geht schlicht um Erschwinglichkeit.“

Hintergrund des Protests ist die Debatte um geplante Mindestpreise für Plattformen wie Bolt. Parteien wie die SPD und Die Linke wollen damit das traditionelle Taxigewerbe vor Billigkonkurrenz schützen. Im Austausch mit den verkehrspolitischen Sprechern habe man zwar produktive Gespräche geführt, räumt Hahn ein, am Ende stehe aber meist ein klares „Agree to disagree“.

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Den verordneten Mindestpreis hält Hahn für ein völlig falsches Instrument: „Warum sollte man eine Mobilitätsform künstlich teurer machen, anstatt die andere billiger und flexibler zu gestalten?“ Das Taxiproblem sei strukturell. Eine bald erscheinende Studie aus Hamburg – wo es keine Fahrdienstangebote gibt – spekuliert darauf, dass Taxis wegen der hohen Preise auch dort unter Nachfragemangel leiden.

„Handschellen abnehmen“ statt Mindestpreise

Statt dem Mietwagensektor Preisuntergrenzen aufzuzwingen, plädiert Hahn dafür, dem Taxigewerbe das starre Preiskorsett zu nehmen. Als Vergleich zieht er die Zivilluftfahrt der 90er Jahre heran: Als das Lufthansa-Monopol fiel und Billigflieger auf den Markt kamen, musste sich die Branche anpassen – und die Nachfrage stieg für alle. „Man muss dem Taxigewerbe sprichwörtlich die Handschellen abnehmen und Preisflexibilität gewähren. Dann kommt die Nachfrage rein und sie können loslegen wie die Feuerwehr.“

Von einem Mindestpreis würden hingegen weder Kundinnen noch Fahrer profitieren. In Köln – wo ein Gericht die Regelung jüngst kippte – führten die künstlich erhöhten Preise kurzzeitig zu einem Nachfrageeinbruch von knapp 40 Prozent. „Für die Fahrer geht es dann ums blanke Überleben“, so Hahn. Bolt klage deshalb in Städten wie München oder Dortmund konsequent gegen die Vorgaben, da diese nach Auffassung des Unternehmens gegen EU-Recht verstoßen. „Da sind wir auch gar nicht schüchtern, das zuzugeben. Wir klagen überall und werden überall klagen.“

Mehrere Menschen stellen sich bei „Kebab With Attitude“ an, um sich bei der 1000 Döner-Aktion einen gratis Döner abzuholen.

Mehrere Menschen stellen sich bei „Kebab With Attitude“ an, um sich bei der 1000 Döner-Aktion einen gratis Döner abzuholen.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Als realistischen Kompromiss schlägt Hahn eine Ausweitung des Taxi-Tarifkorridors vor. Berlin erlaubt Taxis bereits Preisschwankungen von plus/minus 10 Prozent. „Wenn wir auf  -25 bis 30 Prozent gehen, würde die Nachfrage extrem steigen – und unterm Strich würden alle gewinnen.“

„Die Leute sollen nicht ausgebeutet werden“

Die 31-jährige Marie B. und ihre 26-jährige Freundin Mashaal K. waren die ersten, die sich bei der von Bolt organisierten Aktion anstellten. Von der „1000-Döner-Aktion“ hatten die beiden durch Medien erfahren. Allerdings hatte Marie B. zunächst eine andere Vorstellung davon, worum es bei der Aktion ging: Sie dachte zunächst, dass es um die derzeit hohen Dönerpreise gehen würde.

Marie B. und Mashaal K. holten sich den ersten gratis Döner ab.

Marie B. und Mashaal K. holten sich den ersten gratis Döner ab.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

„Die Preise werden einfach zu teuer“

Auch der 20-jährige Levi R. möchte sich einen kostenlosen Döner nicht entgehen lassen und stellt sich in die bereits etwas längere Schlange. Auch er war zunächst davon ausgegangen, dass es bei der Aktion um die derzeit hohen Dönerpreise gehe. Seine Mutter hatte ihm einen Beitrag über die Aktion per WhatsApp geschickt und ihn aufgefordert, dort einmal vorbeizuschauen.

„Die Preise werden einfach zu hoch“, sagt Levi R. In seinen Augen näherten sich die Preise inzwischen denen von Taxifahrten an. Fahrdienstleistungen nutze er auch im Ausland. Dort schätze er es, bereits vor der Fahrt zu wissen, wie viel die jeweilige Strecke kostet. Bei einem Taxi könne der Preis hingegen stärker variieren.

„Muss wirklich alles durch Mindestpreise geregelt werden?“

Auch der 58-jährige Stefan S. wartet darauf, sich einen kostenlosen Döner abholen zu können. Im Gegensatz zu einigen anderen Wartenden ist er gut über die Hintergründe der Aktion informiert. Über Instagram hatte er erfahren, dass es bei der von Bolt organisierten Aktion um die Einführung eines Mindestpreises für Fahrdienstleistungen geht. Er fragt sich: „Muss wirklich alles durch Mindestpreise geregelt werden?“

Wenig überraschend stößt die Aktion beim Bundesverband Taxi und Mietwagen auf Kritik. Michael Oppermann, Geschäftsführer des Verbandes, sieht hinter den niedrigen Preisen der Plattformen ein Wahlkampfmanöver. Er sehe darin eine „Ausbeutung der Fahrerinnen und Fahrer und Sozialbetrug an der Gesellschaft“, so Oppermann. Mit Blick auf die politischen Bestrebungen für gerechtere Tarifstrukturen kritisiert die Vertretung des Taxigewerbes das Event in Mitte: Der „Dumping-Döner – einmal mit alles, außer Sozialstandards“ hinterlasse einen faden Beigeschmack.

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