Reportage

Gropiusstadt: Wie die erste Poliklinik in West-Berlin 50 Jahre überlebte

In Neukölln behandeln 35 Ärzte aus zwölf Fachrichtungen unter einem Dach. Genau dieses Modell will die Bundesregierung jetzt zur Regel machen.

8 Min
Roland Herwig, Keno Hamer und Olaf Schabert unterhalten sich vor dem Gesundheitszentrum Gropiusstadt. Das Ärztehaus an der Lipschitzallee hat Krisen gemeistert.

Roland Herwig, Keno Hamer und Olaf Schabert unterhalten sich vor dem Gesundheitszentrum Gropiusstadt. Das Ärztehaus an der Lipschitzallee hat Krisen gemeistert.

© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Wahrscheinlich wird wieder dieses Foto hervorgeholt. Eine Aufnahme in Schwarz-Weiß. Sie zeigt zehn Männer und eine Frau, Ärzte und eine Apothekerin, die Gründer des Gesundheitszentrums Gropiusstadt. Sie stehen vor einer hellen Wand und sehen so aus, als hätte ihnen der Fotograf soeben zugerufen: „Nun unterhaltet euch doch mal!“

Das Foto ist in den Siebzigerjahren entstanden, und dass es hervorgeholt wird, hängt mit einem Jubiläum zusammen: Das Gesundheitszentrum an der Lipschitzallee in Neukölln wird 50 Jahre alt, an diesem Freitag wird das gefeiert. Im September 1976, vor einem halben Jahrhundert, übernahm das Haus die ambulante medizinische Versorgung für das gerade entstandene Viertel. Etwa 40.000 Menschen leben heute dort.

Die Geschichte dieses Hauses steht auf ihre Weise für die Geschichte des Gesundheitssystems insgesamt: in Berlin, in Deutschland, im Westen, aber auch im Osten, in der vereinigten Republik bis heute sowieso.

Sozialismus light im Kapitalismus

Die zehn Männer und eine Frau gehörten zur sogenannten 68er-Generation. Sie orientierten sich am Vorbild der Polikliniken in der DDR. Sozialismus light im Kapitalismus: Alle Einnahmen flossen in einen gemeinsamen Haushalt, aus dem alle Ausgaben bestritten wurden. Das ging anderthalb Jahre gut, dann kam die Insolvenz.

Ein finanzieller Kollaps wurde abgewendet. Jahre später zog eine neue Generation von Ärzten ein, setzte die Arbeit in der Tradition der Gründer fort. Vor drei Jahren dann drohte erneut das Aus, aus anderen Gründen, der Immobilie wegen. Auch diesmal kam es nicht dazu. Die Idee, dass Ärzte verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach Patienten behandeln, wird weiterverfolgt.

Zwölf Praxen beherbergt das Gebäude, zwölf Fachrichtungen haben darin ihren Platz; von der Allgemeinmedizin bis zur Zahnheilkunde, von der Gynäkologie bis zur Psychotherapie. 35 Ärzte sind dort tätig, dazu Apotheker, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten, Orthopädietechniker, Medizinische Fachangestellte, Krankenschwestern, Diabetesberaterinnen, Bürokräfte.

Eine Frau wartet darauf, behandelt zu werden: Im Gesundheitszentrum Gropiusstadt arbeiten 35 Ärzte.

Eine Frau wartet darauf, behandelt zu werden: Im Gesundheitszentrum Gropiusstadt arbeiten 35 Ärzte.

© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze

Sie versorgen rund 40.000 Menschen pro Quartal aus dem Viertel, aus Berlin, dem Umland und teilweise von noch viel weiter her. Der Pool an Patienten insgesamt ist deutlich größer.

Das Modell aus der Vergangenheit wurde längst zur Blaupause für die Zukunft. Der einstige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) favorisierte solche ambulanten Strukturen. Seine Nachfolger von der CDU – Nina Warken und nun Carsten Linnemann – tun dies ebenfalls. Das Modell nennt sich Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) oder Ärztehaus, je nachdem. Es handelt sich um einen zentralen Baustein der Reformen, durch die das deutsche Gesundheitssystem effizienter werden soll.

„Wenn mehrere Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen an einem Ort zusammenarbeiten, hat das viele Vorteile“, sagt Keno Hamer. Der Internist hat seine Hausarztpraxis im Gesundheitszentrum und steht an diesem Morgen vor dem Haupteingang des Gebäudes.

Allgemeinmediziner Olaf Schabert ist bei ihm, sie sind die Geschäftsführer der GmbH, die das Zentrum verwaltet. Noch: Die GmbH wird abgewickelt. Alle Betriebe im Haus haben mittlerweile individuelle Mietverträge mit dem Diakonischen Werk, dem Eigentümer der Liegenschaft.

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Kurze Dienstwege von Arzt zu Arzt

Orthopäde Roland Herwig kommt vor das Gebäude, er gehörte vorher zur Geschäftsführung. Eine Aufnahme soll gemacht werden, das Jubiläum steht ja bevor. Der Fotograf ermuntert die drei Mediziner, sich zu unterhalten. So wie sein Kollege vor 50 Jahren die Gründer vermutlich ermunterte.

Das Gespräch dreht sich jetzt um die Vorzüge eines Ärztehauses. Die kurzen Dienstwege gehören dazu, sagt Keno Hamer. „Man kann sich mit Kollegen anderer Fachrichtung schnell abstimmen, ohne dass man in einer telefonischen Warteschleife festhängt.“ Olaf Schabert ergänzt aus der Perspektive der Patienten: „Sie gehen zum Hausarzt und bekommen, falls erforderlich, eine Überweisung zum Facharzt zwei Türen weiter.“ Das sonst übliche lange Warten auf einen Termin wird so verkürzt. Das jedenfalls ist das Ziel.

Primärarztprinzip nennt sich das im Jargon der Gesundheitspolitiker. Die Bundesregierung will es zeitnah umsetzen: Der Hausarzt wird zum Lotsen. Unnötige Wege und Konsultationen sollen dadurch wegfallen. Sie gehören zu den vermeidbaren Kostenfaktoren in einem der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, das zuletzt in einem Jahr mehr als 570 Milliarden Euro ausgab. Die Folgen werden vor allem durch steigende Beträge zur Krankenversicherung spürbar.

Ob sich das Hausarztprinzip angesichts knapper personeller Ressourcen umsetzen lasse, bleibe abzuwarten, sagt Hamer, womit er und die beiden anderen Mediziner beim nächsten Vorteil angelangt sind, den sie in einer größeren ambulanten Einrichtung sehen. „Um die begrenzte Zahl medizinischer Fachangestellter konkurrieren wir unter anderem mit Krankenhäusern“, sagt Hamer. Im Gesundheitszentrum nutzen die Praxen Synergien. „Dadurch haben wir nicht weniger Mitarbeitende, aber mehr Zufriedenheit und können uns alle gegenseitig besser vertreten.“

Kurze Wege von Arzt zu Arzt: eine Frau in einem Flur des Gesundheitszentrums Gropiusstadt

Kurze Wege von Arzt zu Arzt: eine Frau in einem Flur des Gesundheitszentrums Gropiusstadt

© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze

Hamer und seine Kollegen gehen durch den Haupteingang ins Foyer, biegen ab in einen Flur, erreichen den Vorraum zur Radiologie. Herwig will zwei technologische Errungenschaften des Gesundheitszentrums vorführen, einen Computertomografen und ein MRT. Eine große Investition in seine Praxis für Orthopädie und Unfallchirurgie, die dem gesamten Haus zugutekommen soll.

Schon früher verfügte das Zentrum über eine Radiologie, bis eine in Berlin omnipräsente Kette namens Diagnostikum die Praxis übernahm und mit ihr in die Gropiuspassagen umzog. Für Finanzinvestoren ist der ambulante Sektor sehr attraktiv. Immer stärker engagieren sie sich in diesem Bereich der medizinischen Versorgung, bündeln Praxen zu größeren ökonomischen Einheiten und verkaufen diese dann gewinnbringend weiter.

„Das gallische Dorf trotzt Rom“: Roland Herwig kommt auf diese Analogie zu der Comic-Reihe um Asterix und Obelix beim Blick auf den Computertomografen.

In die Gropiuspassagen wäre das Gesundheitszentrum beinahe selbst umgezogen. Wenigstens Teile davon. Das Diakonische Werk plante 2023 den Verkauf des in die Jahre gekommenen Gebäudes. Eine Generalüberholung erschien dem evangelischen Wohlfahrtsverband zu teuer. Praxen schauten sich schon nach Alternativen um, suchten nach barrierefreien Räumlichkeiten, merkten, dass dies schwierig ist in einem angespannten Immobilienmarkt.

Die Gropiuspassagen zeigten sich hocherfreut angesichts potenzieller Mieter in ihrer von Leerstand gezeichneten Shoppingmall.

„Wir waren kurz vor der Vertragsunterzeichnung“, sagt Herwig, der mit seiner Praxis für Unfallchirurgie und Orthopädie genug Platz vorgefunden hatte. „Dann erkannte das Diakonische Werk aber, dass unsere Mieterstruktur gar nicht so schlecht ist, weil sich ja Betreiber anderer Großimmobilien darum reißen.“

Politik erkennt Bedeutung des Gesundheitszentrums

Eine Rolle mag auch die mediale Aufmerksamkeit gespielt haben und das aufkeimende Interesse der Politik, die zu begreifen begann, welche Lücke in der medizinischen Versorgung in dem Bezirk entstünde, gäbe es das Gesundheitszentrum nicht mehr. Es wäre eine Situation entstanden wie in Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf oder Treptow-Köpenick. Dort versucht die Kassenärztliche Vereinigung mit eigenen ambulanten Einrichtungen, dem Mangel an Hausarztpraxen zu begegnen.

Herwig, Hamer und Schabert gehen weiter durch das Labyrinth der Gänge. Rigipsplatten, hinter denen Bauarbeiten stattfinden. Das Diakonische Werk saniert das Gebäude. Es wird fit für heiße Sommer gemacht: Einem Patienten mit Herzproblemen kann man kaum zumuten, sich bei 30 Grad Celsius Raumtemperatur auf dem Fahrradergometer einem Belastungstest zu unterziehen.

Keno Hamer und Olaf Schabert schauen sich eine Patientenakte an.

Keno Hamer und Olaf Schabert schauen sich eine Patientenakte an.

© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze

Die Verkaufspläne sind jedoch nicht vom Tisch. Perspektivisch wolle sich das Diakonische Werk von der Immobilie trennen, sagt Keno Hamer: „Aber unsere Mietverträge enthalten jetzt eine Option, die Laufzeit auf 20 Jahre zu verlängern, und wir gehen davon aus, dass auch ein neuer Eigentümer daran gebunden ist.“

Die Ärzte kommen an einer Cafeteria vorbei. Ein Paar sitzt an einem der Tische. Im Hintergrund sind Backwaren in einer gläsernen Auslage zu sehen.

Die drei steigen eine Treppe hinauf in den ersten Stock. Nebenan gibt es einen Fahrstuhl. Oben befindet sich die Praxis von Allgemeinmediziner Schabert. Eine ältere Dame sitzt im Wartebereich gegenüber, überrascht vom hohen Aufkommen an Ärzten, sie sagt: „Ich habe einen Termin bei der Konkurrenz.“ Ein Scherz. Die Stimmung wirkt gelöst.

Ist das also das Happy End für die erste Poliklinik im Westen Berlins? Für ein sozialistisches Experiment, das sehr schnell im real existierenden Kapitalismus ankam und sich seitdem darin immer wieder den äußeren Umständen angepasst hat? Welche Herausforderungen wird die Zukunft bringen?

Das Gesundheitswesen in Deutschland bleibt in Bewegung, steht erneut vor einem Umbruch. Reformen werden zu tiefen Einschnitten führen, wenn sie denn so umgesetzt werden wie geplant. Die Geschichte des Gesundheitszentrums Gropiusstadt ist noch nicht auserzählt. Sie geht weiter, wie auch immer. Jedenfalls anders, als sie anfing. Damals mit einem Foto in Schwarz-Weiß.

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