Shoah

Güner Balci erzählt die Geschichte eines Shoah-Überlebenden

Die Berliner Journalistin Güner Balci und Jesco Denzel zeigen einen berührenden Film über den Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg: „Es ist immer in meinem Kopf“.

4 Min
Albrecht Weinberg (1925–2026)

Albrecht Weinberg (1925–2026)

© Deutscher Filmverleih: mindjazz pictures

Die Kinder sind noch zu jung für ein Tattoo. Sie sind minderjährig. Albrecht Weinberg hat sein Alter hingegen nicht geschützt, als ihm die Nummer 116925 gestochen wurde. Er war damals ähnlich jung. Albrecht Weinberg hat die Shoah überlebt – und ist in das Land seiner Peiniger zurückgekehrt.

Die Journalistin Güner Yasemin Balci, die seit 2020 auch als Integrationsbeauftragte des Bezirks Neukölln arbeitet, bringt nun einen Film über Albrecht Weinberg in die Kinos. Einfühlsam, aber ohne Melodramatik, erzählt sie seine Geschichte.

Der Film beginnt in Ostfriesland mit der Hymne „God bless America“. Trotz seines hohen Alters begleitet Albrecht Weinberg die Sängerin im Radio mit fester Stimme. Es ist eine simple Szene, so wie auch der ganze Film ohne große Mittel auskommt, doch genau das macht ihn so eindringlich.

Schüler brechen in Tränen aus

Der Überlebende von Auschwitz, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen ist 60 Jahre nach dem Exil in Amerika in seine alte Heimat zurückgekehrt. Nicht, weil er Deutschland noch einmal sehen will, sondern weil er fast blind und auf Hilfe angewiesen ist. In Leer findet er etwas, womit niemand – am wenigsten vielleicht er selbst – mehr gerechnet hat: einen Neubeginn an der Seite von Gerda Dänekas, einst seine Pflegerin, nun seine Freundin und Mitbewohnerin.

Balci und ihr Co-Regisseur Jesco Denzel begleiten die beiden auf ihrem gemeinsamen Weg. Obwohl sie erst im hohen Alter zusammenfanden, wirken sie mitunter schon wie ein Ehepaar, das sich seit Jahrzehnten kennt und liebt.

Und Albrecht Weinberg erzählt mit leicht amerikanischer Färbung von seinem Leben, von „Mama“ und „Papa“, von Friedel, seiner geliebten Schwester, und von dem, was bleibt, wenn alles verloren ging.

Der Zuschauer erlebt, wie Schüler neben dem alten Mann im Rollstuhl knien und in Tränen ausbrechen, weil die Wucht seiner Geschichte kaum auszuhalten ist. Balci und Denzel lassen ihn das Grauen von Auschwitz schildern, zeigen, wie der Shoah-Überlebende und ein ehemaliger, eitler Wehrmachtssoldat sich gemeinsam singend an das Hetz-Lied „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt“ erinnern; sie zeigen, wie Albrecht Weinberg lacht, und wie er weint.

„Hinter den Gardinen haben sie gestanden“, sagt Weinberg an einer Stelle im Film über die Deutschen, als die Juden abgeführt wurden. Es ist ein Satz, der die deutsche Schuld nicht besser zusammenfassen könnte.

Die Bedeutung von Zeitzeugen in Schulklassen

An seinem 100. Geburtstag mit vielen Maseltovs setzt nach dem „Happy Birthday“ Stille ein; es folgen Bilder von einem Wald. Albrecht Weinberg erinnert sich noch gut an den Todesmarsch von Mittelbau-Dora in Richtung Bergen-Belsen, an den hohen Schnee und die mit Leichen übersäte Chaussee, wie er sagt. Doch anstatt laut zu werden, wird der Film leise. Er findet die einzig richtige Tonart angesichts dieses Grauens: Totenstille. Jahrzehnte später kehrt Albrecht Weinberg zurück an diesen Ort, an dem er am Ende nur noch 57 Pfund wog und doch überlebte.

Gerda Dänekas schiebt währenddessen seinen Rollstuhl immer weiter. Bergauf und bergab. Sie frage sich, wie man als Deutscher wiedergutmachen kann, was diesem Mann widerfahren ist.

Der Film zeigt durch die Szenen in den Schulklassen, welch hohen Wert Zeitzeugen für die Erinnerungskultur immer noch haben. Er zeigt, wie wichtig es ist, diesen letzten Überlebenden zuzuhören – und dass Jugendliche trotz TikTok und Co. echtes Interesse an echten Menschen haben. Und wenn es damit beginnt, über ein Tattoo zu sprechen.

Albrecht Weinberg starb am 12. Mai im Alter von 101 Jahren. Er hinterlässt Hunderte Freunde und Weggefährten sowie seine beste Freundin Gerda, die nun nicht mehr mit Albrecht, aber mit seinem Film durch Deutschland reist – gegen das Vergessen. Am Donnerstag startet er in den Kinos.

Albrecht Weinberg – Es ist immer in meinem Kopf. Dtl. 2026. 90 Minuten

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