Thomas Müller hat ein Rezept gegen schlechte Laune: Er nimmt einen Stift zwischen die Zähne und beißt etwa eine Minute lang darauf. Davon erzählte der Weltmeister von 2014 in der kanadischen „Christy Clark Show“.
Das klingt nach Kuriosum, hat aber eine lange Vorgeschichte. Der Trick stammt aus einem der bekanntesten und umstrittensten Experimente der deutschen Psychologie. Und eine neuere Studie liefert eine Pointe, die gut zu einem Mann passt, der seit fast 20 Jahren unter ständiger Beobachtung steht.
Thomas Müller: Ruhm ist ihm egal, Wirkung nicht
In dem Gespräch mit der früheren Regierungschefin von British Columbia gibt sich Müller gelassen. Ruhm bedeute ihm wenig, sagt er sinngemäß. Fiele er weg, hätte er kein Problem damit. Wichtiger sei ihm, „jemandem etwas zu bedeuten“ und Menschen um sich zu haben, die ihm ehrlich die Meinung sagen.
Wie sehr seine Art ein Team prägt, zeigte sich bei der WM im Sommer: Dem DFB-Team fehlte Müllers Leichtigkeit spürbar.
Dass ihn Menschen auf der Straße erkennen, störe ihn nicht. Er sei von Natur aus Optimist und lächle meist ganz von allein. Manchmal nehme er sich aber auch bewusst vor, möglichst viel zu lächeln.
Thomas Müller verzichtet auf Alkohol
Den Stift-Trick brauche er deshalb nur selten, sagt Müller. Wenn doch, wirke er bei ihm: Die Gesichtsmuskeln schickten ein Signal ans Gehirn, das für gute Gefühle sorge. Seine Erklärung stützt sich allein auf eigene Erfahrung.
Es ist nicht sein erster Selbstversuch. Vor der WM erzählte Müller, wie er Schlaf und Ernährung optimiert, auf Alkohol verzichtet und täglich 20 bis 25 Kapseln nimmt.
Der 37-Jährige spielt seit 2025 für die Vancouver Whitecaps, nach 25 Jahren beim FC Bayern. Im September verlängerte er bis 2027. Gerade gewann er mit dem Klub die Western Conference der MLS.
Stift-Trick: Das Experiment von Fritz Strack aus dem Jahr 1988
Erfunden hat den Stift-Trick der deutsche Sozialpsychologe Fritz Strack, heute emeritierter Professor der Universität Würzburg. 1988 ließ er mit Leonard Martin und Sabine Stepper Versuchspersonen einen Stift halten: die einen zwischen den Zähnen, was die Gesichtsmuskeln in ein Lächeln zwingt, die anderen zwischen den Lippen, was eher einem Stirnrunzeln gleicht.
Das Ergebnis: Die „Lächler“ fanden Cartoons lustiger. Der Clou war, dass die Teilnehmer nicht merkten, dass sie lächelten. Die Studie galt als Beleg für die sogenannte Facial-Feedback-Hypothese: Das Gesicht meldet dem Gehirn eine Stimmung, nicht nur umgekehrt. Sie landete in unzähligen Lehrbüchern. 2019 bekam Strack dafür den satirischen Ig-Nobelpreis.
Gescheiterte Replikation: 17 Labore, kein Effekt
Dann kam der Rückschlag. 2016 wiederholten 17 Labore mit fast 1900 Teilnehmern das Experiment nach genau festgelegtem Plan. Ergebnis: kein messbarer Effekt. Der Stift-Versuch wurde zu einem Symbol der Replikationskrise in der Psychologie.
Strack zeigte sich überrascht und wies auf einen Unterschied hin: Bei den Wiederholungen wurden die Probanden gefilmt, bei ihm nicht. Was nach Ausrede klang, erhielt 2018 Unterstützung. Forscher der Hebräischen Universität Jerusalem testeten genau diese Frage. Ohne Kamera trat der Effekt deutlich auf, mit Kamera verschwand er.
Stift-Trick und Kamera: Warum Beobachtung den Effekt stören könnte
Die mögliche Deutung: Wer sich beobachtet fühlt, achtet auf sich selbst, und das stört die stille Verbindung zwischen Gesicht und Gefühl. Für Müller hieße das augenzwinkernd: den Stift besser nicht vor laufender Kamera zücken. Davon gab es in seiner Karriere reichlich. Gesichert ist der Kamera-Befund allerdings nicht, bislang stützt ihn vor allem diese eine Studie.
Hilft der Stift trotzdem? Die bislang größte Studie, die „Many Smiles Collaboration“ mit knapp 3900 Teilnehmern in 19 Ländern, fand 2022: Bewusstes Lächeln oder das Nachahmen eines Lächelns hebt die Stimmung leicht. Für die Stift-Variante waren die Belege weniger eindeutig. Mit anderen Worten: Das Lächeln wirkt wohl, der Stift ist nur ein Umweg dorthin.
Lächeln im Sport: Was Eliud Kipchoge vormacht
Im Spitzensport ist das Lächeln längst ein Werkzeug. Marathon-Olympiasieger Eliud Kipchoge lief in Berlin zweimal Weltrekord, 2018 in 2:01:39 Stunden und 2022 in 2:01:09 Stunden. Auch beim zweiten Rekord lächelte er auf dem Weg ins Ziel. Wer lächle und glücklich sei, bringe den Kopf dazu, die Beine zu spüren, sagte er einmal sinngemäß.
Die Wissenschaft stützt ihn. In einer Studie um Noel Brick von der Ulster University liefen 24 Vereinsläufer lächelnd um 2,8 Prozent ökonomischer als mit gerunzelter Stirn. Das ist kein Wundermittel, aber im Ausdauersport ein messbarer Vorteil.
Für Müller selbst ist die Studienlage ohnehin zweitrangig, er spürt nach eigener Aussage eine Wirkung. Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis: Wer ohnehin lächelt, braucht keinen Stift.
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