Analyse

Häusliche Gewalt: Warum die Flucht vor dem Täter für Kinder keine Rettung ist

In Berlin steigt die Zahl der Opfer von Gewalt in Partnerschaft und Familie. Eine niederländische Dissertation zeigt, warum Schutz allein nicht genügt.

Ralf M. Ruthardt
Ralf M. Ruthardt
6 Min
In Deutschland wurden laut offiziellen Statistiken im Jahr 2024 rund 72.800 bis 79.800 Kinder und Jugendliche Opfer von akuten oder latenten Kindeswohlgefährdungen.

In Deutschland wurden laut offiziellen Statistiken im Jahr 2024 rund 72.800 bis 79.800 Kinder und Jugendliche Opfer von akuten oder latenten Kindeswohlgefährdungen.

© IMAGO/IPA/ABACA

Ein Kind muss nicht selbst geschlagen werden, um Opfer häuslicher Gewalt zu sein. Es hört die Schreie aus dem Nebenzimmer. Es sieht die Verletzungen des Elternteils. Es erlebt die Angst, die Anspannung und das Schweigen danach. Manchmal spricht niemand mit ihm über das Geschehene. Trotzdem richtet sich sein Alltag fortan nach der Gewalt.

Wie groß das Problem ist, zeigt die jüngste Berliner Kriminalstatistik. Während die Gesamtzahl der registrierten Straftaten im Jahr 2025 deutlich zurückging, stieg die Zahl der Opfer von Delikten in Partnerschaft und Familie um 4,9 Prozent auf 20.160. Mehr als 14.000 der Betroffenen waren weiblich. Die Polizei weist zugleich darauf hin, dass steigende Zahlen auch mit einer höheren Anzeigebereitschaft zusammenhängen können. Hinzu kommt das Dunkelfeld: Was in Wohnungen geschieht, gelangt längst nicht immer zu Polizei oder Jugendamt.

Das Ende der Gewalt ist nicht das Ende des Leids

Die Statistik zählt angezeigte Taten und registrierte Opfer. Sie erzählt jedoch wenig darüber, was nach der Flucht aus einer gewalttätigen Beziehung geschieht. Genau dort setzt die Dissertation der niederländischen Pädagogin Willemien van den Dorpel von der Universität Leiden an. Sie untersucht Familien mit Kindern im Alter von null bis sechs Jahren, die häusliche Gewalt erlebt haben. Ihre Frage lautet: Wie kann eine Familie nach der Gewalt wieder funktionieren?

Die Antwort ist unbequemer, als es der Wunsch nach einer schnellen Lösung nahelegt. Die Unsicherheit endet nicht immer zwangsläufig mit der Trennung vom Täter. Sie kann in Form von Angst, Misstrauen und verstörten Beziehungen weiterwirken. Gerade kleine Kinder sind vollständig auf ihre Bezugsperson angewiesen. Ist diese selbst traumatisiert, kann sie dem Kind trotz aller Zuneigung zeitweise nicht die Sicherheit geben, die es benötigt.

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In der von van den Dorpel untersuchten Gruppe hatten die meisten Mütter bereits in ihrer eigenen Kindheit Misshandlungen erlebt. Im Durchschnitt zeigten sie so viele Symptome, dass der klinische Schwellenwert einer posttraumatischen Belastungsstörung überschritten wurde. Bei etwa der Hälfte wurde das Erziehungsverhalten als deutlich beeinträchtigt eingestuft.

Das ist kein Urteil im Sinne „schlechter“ Elternteil. Es beschreibt vielmehr, wie Trauma in den Familienalltag hineinreicht. Wer ständig in höchster Alarmbereitschaft lebt, kann eine harmlose Situation als Gefahr wahrnehmen. Eine Mutter reagiert dann möglicherweise plötzlich scharf, abweisend oder bedrohlich, obwohl das Kind nichts getan hat. Ein anderer Elternteil zieht sich innerlich zurück oder verliert die Fähigkeit, die Gefühle des Kindes richtig zu deuten. Das Kind wiederum erlebt ausgerechnet jene Person als unberechenbar, bei der es Schutz sucht. Van den Dorpels zentrale Erkenntnis lautet: Die verschiedenen Folgen der Gewalt verschwinden nicht automatisch, wenn nur eines der Probleme behandelt wird.

Die in den Niederlanden eingesetzte Kurzzeitintervention NIKA richtet sich auf das Verhalten zwischen Eltern und Kind. Mithilfe von Videoaufnahmen und Rückmeldungen lernen Eltern, die Signale des Kindes besser wahrzunehmen, feinfühliger zu reagieren und beängstigendes oder desorientiertes Verhalten zu verringern. In der Studie verbesserten sich bei den behandelten Müttern sowohl der feinfühlige Umgang mit dem Kind als auch das problematische Erziehungsverhalten stärker als bei Müttern, die zunächst auf die Behandlung warten mussten.

In den vergangenen Jahren sind die Fallzahlen häuslicher Gewalt um 8 Prozent gestiegen. Die Dunkelziffer liegt noch deutlich höher.

In den vergangenen Jahren sind die Fallzahlen häuslicher Gewalt um 8 Prozent gestiegen. Die Dunkelziffer liegt noch deutlich höher.

© Adalberto Rodriguez via www.imago-images.de

Die Traumatherapie EMDR setzte an einer anderen Stelle an. Bei den Müttern, die EMDR erhielten, gingen die posttraumatischen Symptome deutlich stärker zurück als bei jenen, die zunächst auf die Behandlung warten mussten. Doch die Therapie verbesserte nicht automatisch ihr Verhalten gegenüber dem Kind. Umgekehrt beseitigte die Arbeit an der Eltern-Kind-Beziehung nicht zuverlässig die Traumafolgen der Mütter.

Damit relativiert die Untersuchung eine naheliegende Hoffnung: dass eine erfolgreiche Traumatherapie gleichsam nebenbei die gesamte Familie stabilisiert. Traumatherapie und Elternarbeit verfolgen unterschiedliche Ziele. Beides kann notwendig sein.

Noch ernüchternder ist ein weiterer Befund. Weder für NIKA noch für die EMDR-Behandlung der Mütter ließ sich eindeutig nachweisen, dass dadurch auch die posttraumatischen Symptome oder die emotionalen und Verhaltensprobleme der Kinder messbar zurückgingen. Das bedeutet: Kinder sind nicht bloß Begleitpersonen einer behandlungsbedürftigen Mutter. Sie müssen selbst gesehen, untersucht und gegebenenfalls behandelt werden.

Therapeutische Flexibilität

Die Dissertation schlägt deshalb keine starre Reihenfolge vor. Ein neu entwickelter Leitfaden soll Fachkräften helfen zu entscheiden, womit eine Familie beginnt: mit der Stabilisierung der Eltern-Kind-Beziehung, mit der Traumatherapie des Elternteils oder mit einer Behandlung des Kindes. Maßgeblich sind unter anderem die Schwere der Symptome von Elter und Kind, eine problematische Bindungsgeschichte, besonders unsensibles oder beängstigendes Elternverhalten und auch natürlich die Wünsche der Eltern.

Das klingt selbstverständlich. In der Praxis ist es das nicht. Die Zuständigkeiten verteilen sich auf verschiedene Systeme: Therapieangebote für Erwachsene, Kinder- und Jugendhilfe, Frauenhäuser, Familiengerichte und Beratungsstellen. So kann es geschehen, dass die Mutter Traumatherapie erhält, das Kind Unterstützung durch die Jugendhilfe, während die beschädigte Beziehung zwischen beiden niemand gezielt behandelt. Oder es wird mit einer Elternberatung begonnen, obwohl die Mutter psychisch noch gar nicht in der Lage ist, deren Anregungen umzusetzen.

Berlin verfügt über Frauenhäuser, Schutzwohnungen, Beratungsstellen und Notdienste. Seit Februar 2026 gibt es in Berlin ein neuntes Frauen- und Kinderschutzhaus. Für den Sommer 2026 hat der Senat die Eröffnung zweier weiterer Häuser angekündigt. Damit sollen einschließlich der Zufluchtswohnungen 430 Familienplätze mit 945 Betten für Frauen und ihre Kinder zur Verfügung stehen. Diese Infrastruktur ist unverzichtbar. Doch ein sicherer Schlafplatz ist der Beginn der Hilfe, nicht ihr Abschluss.

Die Erkenntnisse aus Leiden führen deshalb zu einer politischen Frage: Wird Erfolg nur daran gemessen, ob Betroffene der akuten Gewalt entkommen, oder auch daran, ob Eltern und Kinder danach wieder miteinander leben können, ohne dass das Erlebte jeden Alltag bestimmt?

Dafür braucht es nicht zwingend immer längere Therapien, wohl aber eine klügere Verzahnung. Fachkräfte müssen im Umgang mit Traumafolgen und Problemen in der Eltern-Kind-Beziehung geschult sein. Hilfen für Erwachsene und Kinder müssen miteinander sprechen. Und Behandlungen dürfen nicht mit dem Hinweis auf komplizierte soziale, finanzielle oder rechtliche Verhältnisse vertagt werden. Gerade in Frauenhäusern sind die Lebenslagen regelmäßig komplex. Die Dissertation zeigt dennoch, dass eine gezielte Behandlung möglich ist und wirken kann.

Wenn die Wohnungstür hinter dem Täter ins Schloss fällt

Ihre Aussagekraft hat Grenzen. Die zentrale Stichprobe umfasste lediglich 52 Eltern und Kinder. Väter wurden nicht einbezogen, Art und Schwere der erlebten Gewalt nicht ausreichend unterschieden. Die Ergebnisse sind daher kein fertiger Bauplan für ein Hilfesystem, wie etwa in Berlin.

Sie zeigen aber eine Richtung, die kaum zu übersehen ist: Häusliche Gewalt ist nicht beendet, wenn die Wohnungstür hinter dem Täter ins Schloss fällt. Sie kann in Körpern, Erinnerungen und Beziehungen fortbestehen. Wer ihre Weitergabe an die nächste Generation verhindern will, muss deshalb mehrere Ebenen zugleich im Blick behalten: den traumatisierten Elternteil, das betroffene Kind, die Beziehung zwischen beiden - und die Verantwortung desjenigen, von dem die Gewalt ausgegangen ist. Schutz vor Gewalt bedeutet eben nicht nur, ihre Folgen zu behandeln. Es bedeutet auch, daran zu arbeiten, dass sie sich nicht wiederholt.

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