Neben Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der in dem Fachkräftemangel neben privaten Ärgernissen vor allem auch eine zukünftige Bremse für den deutschen Wirtschaftsstandort sieht, diskutierte Plasberg mit dem WDR-Kollegen und Verbraucherjournalisten Dieter Könnes, dem Berliner Tischlermeister und Unternehmer Simon Meinberg, der Linken-Chefin Janine Wissler und dem ehemaligen Bundeswirtschaftsminister und jetzigem Vorsitzenden des bpa-Arbeitgeberverbandes Rainer Brüderle (FDP).
Sendung über Fachkräfte ohne Fachkräfte
Vielleicht nur ein blöder Zufall der Redaktion: Dass aber zum Thema Fachkräftemangel ausgerechnet vier Akademikerinnen und Akademiker, aber nur eine Fachkraft gemeinsam mit Frank Plasberg reden sollten, zeigt – vielleicht auch nur zwischen den Zeilen –, wie hoch die Wertschätzung für Fachkräfte in Deutschland dann tatsächlich ist. Und ausgerechnet vom Tischler Meinberg hörte das Publikum eine Stunde lang zu wenig, dabei überzeugte gerade er in der bisweilen unangenehm überhitzten Runde mit gebotener Ruhe und Praxiserfahrungen.
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Meinberg redete aber eigentlich nur viel, wenn Moderator Plasberg, ganz in seinem forschen Unterbrechungsmodus angekommen, wissen wollte, wie dessen Eltern auf die abgebrochene Schulzeit reagiert hätten, was diese denn beruflich machten, wie Meinbergs Noten auf dem Gymnasium gewesen seien. Plasberg, der an diesem Abend ja eigentlich die Attraktivität von Ausbildungen abseits der Hochschulreife diskutieren sollte, schien es nicht glauben zu können, dass jemand die Schule in Klasse zehn abbricht, oder eben beendet, um das vorgezeichnete Studium eben doch nicht anzutreten.
Frank Plasberg weiß: „Frauen stehen auf Tischler“
Noch deplatzierter wirkten nur seine Einlassungen zum wortwörtlichen Attraktivitätsfaktor des Tischlerberufes. Als Meinberg erzählt, dass er sich über fehlende Bewerbungen nicht beklagen könne und allein im vergangenen Jahr über 130 Anschreiben bekommen hat, unterbrach Plasberg abermals, nur um festzustellen, dass „Frauen ja auf Tischler und Zimmerleute stehen“. Erst Arbeitsminister Heil beendete den leicht misogynen Ausfall des Moderators, erinnerte, dass es „ja auch Tischlerinnen“ gebe.
Hauptthema der Sendung wurde, auch auf Betreiben von Janine Wissler, der Fachkräftemangel in Pflegeberufen. In Brüderle fand sie, als Präsident des Arbeitgeberverbands für private Unternehmen der Sozialwirtschaft und somit Vertreter von Pflegeunternehmen, einen willigen Gegenspieler. Die Linken-Chefin wolle weniger auf Abwerbung ausländischer Fachkräfte setzen – neben inländischen Fachkräften und der Erhöhung des Frauenerwerbsanteil ist das besonders für Arbeitsminister Heil eine wichtige Lösung des Fachkräfteproblems –, sondern verstärkt die hiesigen Arbeitsbedingungen stärken. Man brauche bessere Löhne, bessere Arbeitszeitgesetze. Allein in den vergangenen Jahren seien 100.000 bis 200.000 Pflegekräfte aus dem Beruf ausgestiegen, die, glaubt man Wissler, sofort wieder einsteigen würden, sollten sich die Rahmenbedingungen verbessern.
Rainer Brüderle bremste Mindestlohn schon 2011
Für Brüderle, der in der schwarz-gelben Koalition als Wirtschaftsminister bereits die Einführung des Mindestlohns in der Pflegebranche bremste, war das alles nur eine „Platte“, die Wissler immer wieder abspiele. Das war der Beginn eines für das Publikum nervenzehrenden Gefechts. Die Linke beklagte sich wiederholt über fehlende Sachargumente des Liberalen. Der ging auf diesen Wunsch aber nur selten ein. Entnervt fragte sie irgendwann, ob Brüderle auch mal „einen anderen Ton anschlagen“ könne. Plasberg sprang ein, empfahl dem 76-Jährigen aber nur etwas mehr „Altersmilde“. Empört forderte dieser stattdessen: „Ein bisschen Altersrespekt schadet auch nicht.“
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Als es um die im vergangenen Jahr verabschiedete kleine Pflegereform ging, ab September dürfen Pflegeunternehmen demnach nicht mehr untertariflich zahlen, zeigte ausgerechnet Brüderle aber wenig Respekt vor Pflegeberufen. Das sei ein schwarzer Tag für die Pflege und die Tarifautonomie gewesen, meinte der Arbeitgeberpräsident bereits im vergangenen Sommer. Am Montagabend stellte er klar, dass er grundsätzlich nichts gegen Tarifverträge habe, solange sie zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitsgeberverbänden geschlossen werden würden. Auf die Frage, was denn an einer flächendeckenden Bezahlung nach Tarif schlecht sei, antwortete der Liberale dann auch lediglich, dass die Löhne in Pflegeberufen in den vergangenen zehn Jahren bereits erheblich gestiegen seien.
WDR-Journalist fordert mehr „Härte gegen sich selbst“
In dem WDR-Journalisten Dieter Könnes fand zumindest Rainer Brüderle einen Seelenverwandten. Der echauffierte sich über Wisslers Äußerungen, dass Geld das Hauptproblem im Pflegebereich sei. Er habe schließlich mit vielen Menschen dort geredet – das seien „alles Herzensmenschen“, die aber eben nur am Limit seien. Dass aber eben Tarifverträge deutlich mehr regeln als die Bezahlung – nämlich auch Arbeits- und Ruhezeiten, um dieses „Gefühl am Limit“ gar nicht erst aufkommen zu lassen, musste ihm dann aber erst Bundesarbeitsminister Heil erklären. Und fügte hinzu: „Vom Herzensmenschen allein kann man auch keine Miete zahlen.“
Vor der Wahl: Berlins Kliniken fordern mehr Personal – und weniger Bürokratie
Zumindest Altersmilde stellte sich bei Dieter Könnes in keiner Sekunde ein. Er bemängelte in einer Tour die Einstellung der jungen Generation, die lieber „TikTok-Millionär“ werden wolle. Es fehle dem Nachwuchs, so sein Fazit, an der nötigen „Härte gegen sich selbst“. Für Pflegende, die in Pandemiejahr drei kurz vor dem Burnout stehen, mag das wie blanker Hohn klingen. Vielleicht haben sie ja – dank Schichtdienst – aber auch gar nicht erst eingeschaltet. Viel verpasst hätten sie nicht. Dass Linke und Liberale sich selten gut verstehen, Handwerker zu wenig gehört werden und der Bundesminister für Arbeit zaghafte Fortschritte sieht – das dürfte den meisten auch schon vorher bekannt gewesen sein.
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