BERLIN. Es ist jetzt rund zehn Jahre her, da gab es die ersten Hinweise darauf, dass im Berliner Bildungssystem etwas nicht in Ordnung ist. Internationale Studien wie Timss belegten zum Beispiel drastisch, dass es mit dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Niveau nicht zum besten stand. Experten warnten damals, dass die aus Etatgründen immer wieder gekürzte Stundentafel irgendwann auch ein Bildungsverlust nach sich ziehen werde. Schulen, vor allem Grundschulen, in Kreuzberg, Wedding, Moabit, Neukölln schlugen Alarm: Immer weniger deutsche Kinder würden mit Migrantensprösslingen die Schulbank teilen.Weghören als Polit-PrinzipHören wollte das damals kaum jemand. Jahrelang werkelte man an einer Grundschulreform und einem neuen Schulgesetz. Doch die immer dramatisch werdende Etatlage und der Streit in der großen Koalition lähmte jeden Reformansatz. Nicht zuletzt, weil manche Wahrheit nicht in das eigene politische Konzept passte. Als der damalige Bildungssenator Klaus Böger (SPD), kaum im Amt, verlangte, Kinder müssten zum Termin ihrer Einschulung ausreichend Deutsch können, um dem Unterricht folgen zu können, wurde er heftig angegriffen. Er wolle ja nur die "Zwangsgermanisierung" der Einwanderer, wurde ihm vorgehalten. Er wolle den Migranten mit ihrer Sprache die kulturelle Identität rauben. Das gehe auf gar keinen Fall.Pisa, die internationale Schulvergleichsstudie, änderte alles. Im Dezember 2001 wurden die ersten vernichtenden Ergebnisse veröffentlicht. Damals schritten auch die Eltern zur Tat. Zehntausende demonstrierten gegen den Unterrichtsausfall an den Berliner Schulen. Danach kam auch in Berlin unter der neuen rot-roten Regierung die Schulpolitik langsam in Schwung.Die Kindertagesstätten wurden von einer Bewahr- in eine Bildungseinrichtung umdefiniert. Sie erhielten im Sommer 2003 ein Bildungsprogramm, das von allen Experten gelobt wurde. Ein halbes Jahr später wurde das neue Schulgesetz verabschiedet, dass vor allem die Grundschulen völlig umkrempelte. Jedes Kind solle individuell nach seinen Fähigkeiten gefördert werden, steht im Gesetz. Systematisch werden entsprechen alle Lehrpläne geändert. Das Einschulungsalter wurde vorverlegt. Es wurde ein Deutschtest am Ende der Kita-Zeit eingeführt. Kinder, die ihn nicht bestehen, müssen im letzten Halbjahr vor der Schule einen Deutschkurs belegen. Es gibt immer wiederkehrende Leistungsmessungen auch in den weiterführenden Schulen. In Grundschulklassen mit einem Ausländeranteil von mehr als 40 Prozent wird die Schülerzahl verringert. Künftig soll die Quote schon bei 30 Prozent erreicht sein. Die Zahl der Deutschstunden wurde aufgestockt. Strukturell sind alle Grundschulen durch die Verlagerung der Horte an die Schule Ganztagsschulen geworden. Hauptschulen haben seit August mindestens einen Sozialarbeiter bekommen, wenn es ging zweisprachig. Tausende von Kursen werden angeboten, um Müttern Deutsch beizubringen.Berlin ist mit seinen Veränderungen der Bildungslandschaft auf der Höhe der Zeit, an vielen Stellen etwa beim Hort-Angebot, liegt das Land bundesweit an der Spitze. Aber so lange man die Entwicklung verschlafen hat, so schnell soll nun alles verändert und verbessert werden - und genau das ist das Problem. Die Reformen werden zwar auch von den Schulen begrüßt und trotzdem fühlen sich Lehrer und Schulleiter damit überfordert.Abmildern der SymptomeDabei stört die Beteiligten weniger das Tempo, als vielmehr, dass es für die Veränderungen kein zusätzliches Personal und Ausstattung gibt. Um Unterrichtsausfall zu verhindern, sind die Schulen etwa gezwungen, immer wieder den Deutsch-Förderunterricht zu streichen. Dazu kommt eine Verwaltung, die sich immer noch nicht als Dienstleister der Schulen versteht, sondern als deren Vormund. All die Versäumnisse und Fehler der vergangenen Jahre waren im Frühjahr schlaglichtartig an der Rütli-Schule in Neukölln zu beobachten. In einem offenen Brief hatten die Lehrer ihr Scheitern eingestanden.Reformen sind eingeleitet, aber es dürfte zehn bis 15 Jahre dauern, so Experten, bis sie ihre volle Wirkung entfaltet haben. Bis dahin lassen sich Symptome nur mildern.------------------------------"Brennpunkt-Schulen brauchen eine weitaus bessere finanzielle Ausstattung." Erhard Laube, Chef der Vereinigung der Berliner Schulleiter
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