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Herbert Roth und das Rennsteiglied: Wie ein Thüringer Musikant die DDR eroberte

Roths Karriere vom Friseur zum Star, der Kampf gegen den Kitsch und die Geschichte des Rennsteiglieds, das bis heute als heimliche Hymne Thüringens gilt.

Reinhard Griebner
9 Min
Meister der volkstümlichen Unterhaltungsmusik: Herbert Roth.

Meister der volkstümlichen Unterhaltungsmusik: Herbert Roth.

© Helmut Schaar/dpa

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Es ist mir ein Rätsel, dass noch kein Fernsehsender auf die Idee gekommen ist, das Leben dieses Künstlers zu verfilmen. Gilt er doch zu Recht als einer der erfolgreichsten Charaktere der ostdeutschen Unterhaltungsindustrie.

Sollte wider Erwarten nächstens doch ein Produzent die Absicht hegen, den Stoff zu reklamieren, biete ich hiermit honorarfrei die Eingangsszene für einen abendfüllenden Spielfilm an: Im Schummerlicht abgeblendeter Scheinwerfer ist ein Bühnenvorhang erkennbar. Tosender Applaus brandet auf. Eine Schrift wird eingeblendet: Gasthaus Zum Goldenen Hirsch, Hirschbach, 15. April 1951. Die Zuhörerschaft skandiert: „Zugabe! Zugabe!“ Ein Spotlight tastet sich geisterfingerhaft durch den Saal. Geblendet von dessen Leuchtkraft und vom rauschenden Beifall nimmt der freundliche junge Mann in der Bühnenmitte sein Akkordeon in Betrieb und lässt zum ersten Mal vor Publikum jenes Lied erklingen, das sich seit jenem Tag untrennbar mit seinem Namen und Thüringen verbindet: „Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land …“

Herbert Roth wird 1926 in Suhl geboren. Während der Vater, der in der Stadt einen prosperierenden Friseursalon betreibt und davon ausgeht, dass sein Sohn des Handwerks goldenen Boden dereinst im Steinweg 32 mit Schere und Kamm beackern werde, träumt der Filius von einem beruflichen Werdegang, der irgendetwas mit Musik zu tun haben sollte. Doch zunächst wird er zur Kriegsmarine einberufen. Und hat Glück, dass es ihn nicht ähnlich hart trifft wie seinen Freund Karl „Kaschi“ Müller – dieser sollte später den Text des „Rennsteigliedes“ zu Papier bringen – der den Waffengang schwer verwundet überlebt.

Nach dem Krieg steigt Herbert Roth zunächst in den Familienbetrieb ein, beendet im Spangenberghaus seine Lehre und hat den Meisterbrief in der Tasche, als er 1950 die „Suhler Volksmusik“ gründet.

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Professor Meyer gibt die Richtung vor

Wer denkt, dass damit der Grundstein für eine beispiellose Karriere gelegt wäre, irrt. Unter der Überschrift „Realismus – Die Lebensfrage der deutschen Musik“ bricht Professor Ernst Hermann Meyer ein Jahr später auf der Gründungskonferenz des Verbandes Deutscher Komponisten und Musiktheoretiker zwar zunächst eine Lanze für das Volksliedschaffen: „Die zweite Bastion des nationalen deutschen Kulturerbes, an Bedeutung den großen Leistungen unserer Meister ebenbürtig, ist die deutsche Volksmusik. Ganz besonders das deutsche Volkslied, das einen lebensbejahenden Geist ausströmt und von humanen Gefühlen getragen ist, enthält eine melodische Fülle und Vielgestaltigkeit, eine Gefühlswärme, rhythmische Frische und harmonische Originalität, wie sie die besten Seiten deutschen Volkstums ausdrücken.“ Gibt jedoch nur wenige Zeilen später die Marsch(musik)richtung vor: „Dem älteren deutschen Volkslied, das hauptsächlich ein Lied des Dorfes und der kleinen Stadt war, müssen zahlreiche Gesänge der kämpfenden Arbeiterschaft, die besten Jugendlieder, Aktivisten-, Aufbau- und Friedensgesänge der neuesten Zeit folgen, die den Beweis erbringen, welche schöpferischen Kräfte im werktätigen Volk schlummern.“

Ein von Herbert Roth selbst geschriebenes Notenblatt mit dem Rennsteiglied

Ein von Herbert Roth selbst geschriebenes Notenblatt mit dem Rennsteiglied

© ari/Imago

Unter Pseudonym auch Komponist

Damit stand der werktätige Figaro aus Suhl, der sich zeitlebens nicht anmaßte, dem Publikum Volkslieder kreieren zu wollen, sondern es sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht hatte, seine Zuhörerschaft mit Klängen zu erfreuen, die er „volkstümliche Unterhaltungsmusik“ nannte, erst einmal auf verlorenem Posten. Denn er sollte bald merken, dass das Wandern zwar seit Franz Schuberts und Carl Friedrich Zöllners Zeiten schon des Müllers Lust sein mochte, ihm selbst und seinen Musikanten jedoch ein scharfer Wind um die Nase wehen würde, sobald sie die Übung in Noten, Worte und Töne verpackt auf den nahe gelegenen Rennsteig verlegten.

Was genau seine Gegner auf den Plan rufen sollte, hat Fritz Jochen Kopka 2017 in Worte gefasst: „Es ging in den Texten um die Berge und das Wandern, kleine Häuser am Wald und Vöglein, die Lieder sangen, um Pulverschnee und frisch gewachste Ski. Und genau so waren die Melodien und die Instrumentierung. Die Schroffheit der Berge, die Unbilden der Natur, die Launen des Schicksals kamen nicht vor, von sozialen Problemen zu schweigen. Die Harmonieschraube wurde immer noch ein Stück weitergedreht. Na und? Das konnte man aushalten, auch wenn man der Meinung war, dass authentische Folklore immer auch etwas Irrationales, Unerklärbares, Zufälliges, Unverdientes enthält.“

Dass mein Freund und Kollege Alfred Roesler-Kleint und ich Herbert Roth Ende der Siebzigerjahre um ein Gespräch für das „Kulturmagazin“ des DDR-Fernsehens baten, war der Tatsache geschuldet, dass der Thüringer Entertainer mit über 7500 Veranstaltungen und einer in die Millionen gehenden Zahl verkaufter Singles und Langspielplatten zu den beliebtesten Interpreten des Landes gehörte. Der sich zudem unter dem Pseudonym Matthias Wendt auch als Komponist von Schlagern einen Namen gemacht hatte.

Dem Vorschlag, uns auf einen Drehtag im Thüringer Winterwald und einen zweiten während eines Auftritts vor Publikum zu verabreden, stimmte Roth vorbehaltlos zu, obwohl (oder weil?) wir bereits im Sondierungsgespräch deutlich gemacht hatten, dass wir nicht zu den Anhängern seiner Musik zählten.

Plattencover mit Widmung von Herbert Roth

Plattencover mit Widmung von Herbert Roth

© Reinhard Griebner

Studenten zerstachen im die Reifen seines Autos

Während des Interviews legte Herbert Roth – der bereits im Vorfeld der Filmaufnahmen erwähnt hatte, dass ihm während eines Auftritts Mitte der Fünfzigerjahre aufgeputschte Studenten der Weimarer Musikhochschule unter der Losung „Kampf dem Kitsch!“ die Reifen seines Autos zerstochen hatten – dar, an welchem Vokabular sich seine Kritiker weiland bedienten. Ich wundere mich noch heute, dass er das großzügigerweise unter „Böswilligkeiten“ und „Eulenspiegeleien“ verbuchte und lächelnd der Abteilung „kostenlose Werbung“ zuordnete.

„Der eine schrieb: ‚Genauso wenig, wie wir dulden, dass Mörder frei unter uns herumlaufen, so dulden wir auch nicht, dass Herbert Roth in der DDR gastiert.‘ Der andere Fall: ‚Wir hatten vor einigen Jahren in der DDR einen französischen Sänger, damit sind wir tüchtig reingefallen. Aber dafür haben wir uns revanchiert, indem wir Herbert Roth zum Pressefest der L’Humanité nach Paris geschickt haben.‘“

Nicht auszuschließen, dass diejenigen, die sich seinerzeit als Verfechter der reinen Lehre inszenierten, nicht nur an Ernst Hermann Meyer und dem Vokabular der 25. Tagung des ZK der SED aus dem Jahr 1955 bedienten. Sondern auch an einer Sentenz, die Bertolt Brecht zwischen 1933 und 1938 in seinem Gedicht „Da das Instrument verstimmt ist“, wenn auch in anderem Kontext, zur Debatte gestellt hatte: „Wenn wir vor den Unteren bestehen wollen / Dürfen wir freilich nicht volkstümlich schreiben. / Das Volk / Ist nicht tümlich.“

Von Ulbricht zum Privatkonzert einbestellt

Entspannen sollte sich die Lage für Roth erst, als es ihm gelang, nicht vor den Unteren, sondern vor den Oberen zu bestehen. Walter Ulbricht hatte ihn in Oberhof zu einem Privatkonzert einbestellt und anschließend verlauten lassen, dass es seiner Meinung nach an der Darbietung nichts zu beanstanden gäbe.

Wäre die Diagnose des obersten Musiksachverständigen des Landes anders ausgefallen, hätte sich der Thüringer Tonsetzer womöglich nach einem alternativen Broterwerb umsehen müssen. Obwohl ihm die Gehässigkeiten nicht nur aufs Gemüt, sondern auch lebensbedrohlich auf den Magen geschlagen hatten, der Gedanke, der Heimat den Rücken zu kehren, wäre ihm, eigener Bekundung zufolge, niemals gekommen.

Wie gefragt Roth, Waltraut Schulz und ihre Instrumentalgruppe bei der Zuhörerschaft waren, davon konnte sich auch das Fernsehteam im Februar 1978 überzeugen, als es zum Abschluss der Dreharbeiten einen Auftritt des Ensembles dokumentierte. Der Operator war mit der Handkamera zweimal vor der Bühne auf und ab gegangen, als er von einem aufgebrachten Zuhörer zur Ordnung gerufen wurde. „Wenn Sie ein Konzert filmen wollen, dann laden Sie die Musiker nach Berlin in Ihr Studio ein. Hier und jetzt aber lassen Sie uns gefälligst in Ruhe unseren Herbert Roth hören!“

Roth, dessen 100. Geburtstag auf den 14. Dezember 2026 fällt, ist im Oktober des Jahres 1983 gestorben. Kurz vor Weihnachten soll in Suhl das Musical „Grünes Herz“ Premiere haben, das den Lebensweg des Jubilars reflektiert.

Sein „Rennsteiglied“ gilt seit einem Dreivierteljahrhundert als die heimliche Landeshymne Thüringens. Und wurde unterdessen dem immateriellen Kulturerbe des Freistaats zugeschlagen. Ministerpräsident Mario Voigt hat es nicht nur in seiner Neujahrsansprache zitiert, sondern auch im März dieses Jahres in einer Regierungserklärung gewürdigt. „Wir werden sicherstellen, dass an allen Thüringer Schulen die Nationalhymne und das ‚Rennsteiglied‘ gelehrt werden, weil wir auch wollen, dass unsere Traditionen und unsere Geschichte geschätzt und wertgeschätzt werden.“

Roths Thüringen-Hymne steht auf dem Lehrplan

Dass das „Lied der Deutschen“ und das „Rennsteiglied“ in einem Atemzug Erwähnung fanden, hätte Roth mit Sicherheit gefreut und Joseph Haydn möglicherweise ein wenig gewundert. Dafür stehen jetzt in Thüringen folgerichtig beide Stücke für die Schüler der Klassenstufe 5/6 auf dem Lehrplan. Und Markus Söder, der Regierungschef aus dem Freistaat nebenan, stieß kürzlich ins gleiche Horn, als er für das Abspielen der Bayern-Hymne bei Schulabschlüssen und für mehr Blasmusik im Programm des Bayerischen Rundfunks plädierte.

Natürlich darf man nicht sämtliche Friseure über einen Kamm scheren. Bei allem Respekt für den Frontmann der Suhler Volksmusikanten scheint es jedoch so zu sein, dass es sich bei seiner Abwanderung ins musikalische Fach keineswegs um einen Einzelfall handelt, sondern dass es gerade in diesem Gewerbe Berufskollegen gibt, teils mit Zertifikat, teils ohne, die auf CDs und Vinyl deutlich markantere Spuren hinterlassen haben als auf dem Haupthaar ihrer Kundschaft. Man denke an Jeanette Biedermann, Thomas D. von den „Fantastischen Vier“ oder auch an Roths Thüringer Landsmann Clueso.

Reinhard Griebner, Journalist und Autor, arbeitete als Redakteur und Moderator für das „Kulturmagazin“ (DDR-Fernsehen). Später war er im Team des ORB und des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Als Autor: Film, Hörspiele, Kinderbücher, Biografien, Erzählungen – zuletzt „Am toten Punkt“.

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