BERLIN, im September. Der Kardinal ist nicht zu sehen. Nur seine Stimme hallt durch den menschenleeren Saal der Katholischen Akademie in Berlin-Mitte. "Der Apostel mahnt uns, dir aus vollem Herz zu singen." Woher kommen die Worte? Eine reizvolle Vorstellung: Die Wände mit den Holzlamellen haben sie vor langer Zeit aufgesogen und geben sie nun wieder frei. "Schenke ihnen Achtung voreinander und Geduld." Denken wir weiter: Zwei Jahre lang tagte in diesem Saal der Parteispenden-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages. Welche Worte, welche Geräusche speicherten die Holzwände in dieser Zeit? "Führe uns nicht in Versuchung." Die Geschichte der Spenden, des Schwarzgeldes und der Schweizer Konten als Hörspiel: Helmut Kohls Lamento über die rot-grüne Verschwörung dringt aus den Wänden, das Schluchzen von Brigitte Baumeister, die kalte Stimme von Wolfgang Schäuble, die leeren Worte des Franz Müntefering, die Ausflüchte von Roland Koch. Die Lügen, das Verschweigen. ". und vergib uns unsere Schuld." Die Saaltüren gehen auf. Menschen strömen hinein, in der einen Hand den Teller mit Nürnberger Bratwürstchen und Sauerkraut, in der anderen ein Glas mit Apfelsaft oder Wein. Sie gehen zu den festlich gedeckten Tischen in den Ecken des Raumes oder stellen sich an die Stehtische in der Mitte. Mit ihnen flutet Stimmengewirr aus dem Foyer den Saal, vertreibt den Traum. Auf der Galerie über den Türen ist ein Mann zu sehen, der Kabel zusammenräumt und einen Lautsprecher wegträgt. Es wird gefeiert an diesem Spätsommertag in der Katholischen Akademie. Die Domsingschule der St. Hedwig-Gemeinde bezieht ihr neues Domizil in der Akademie an der Hannoverschen Straße. Der Erzbischof von Berlin, Georg Kardinal Sterzinsky, hat von einem Mikrofon im Foyer aus die Räume gesegnet, das Gebet ist gesprochen und das Büfett ist eröffnet. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass der Spenden-Untersuchungsausschuss erstmals in der Katholischen Akademie tagte, einem Komplex aus Bürogebäude, Hotel und Veranstaltungszentrum. "Jeder Taxifahrer in Berlin kennt seither die Katholische Akademie", sagt Thomas Krause, der Hotelchef. "Das hätte keine Werbekampagne geschafft." Hinter einer Kurve versteckt - schräg gegenüber vom Gebäude des Bundesforschungsministeriums, das einstmals die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin beherbergte - liegt der schmale Zugang zu dem mehr als achttausend Quadratmeter großen Akademie-Komplex. Zu Mauerzeiten waren auf dem Grundstück Büros des VEB Tiefbau und eine Autowerkstatt des VEB Autoservice Berlin untergebracht. Nach der Wende erhielt die St. Hedwig-Gemeinde das Areal zurück. Neben dem Haus der Deutschen Bischofskonferenz in der Hannoverschen Straße führen langgezogene flache Stufen auf einen gepflasterten Innenhof. In der Ecke des Hofes befindet sich der Zugang zum Hotel, an das sich das Veranstaltungszentrum mit dem großen Saal anschließt. Und gleich hinter dem Saal, der in der Akademie Auditorium genannt wird, schließt sich der Dorotheenstädtische Friedhof an.Das Auditorium ist schlicht und funktional. 22 Meter lang, 14 Meter breit, sechs Meter hoch. Schmale Stützwände aus weiß getünchtem Sichtbeton wechseln sich mit blassen Holzverkleidungen ab. Die beiden verglasten Stirnseiten geben den Blick frei auf kleine Gärten. Über den drei Doppeltüren an der Seite, durch die man den Saal betreten kann, ruht auf Betonpfeilern eine Galerie. Der einzige Schmuck im Raum ist ein schwarzes Kreuz aus geschmiedetem Eisen, das an der Galerie angebracht ist. Am 17. Februar 2000 fand unter diesem Kreuz die erste Sitzung des Parteispenden-Untersuchungsausschusses statt. Als Zeuge war Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier geladen. Er sprach von Lücken im Aktenarchiv des Bundeskanzleramtes, die brisante Rüstungs- und Industriegeschäfte betreffen, und davon, dass es offensichtlich eine "Ausdünnung" im Archiv gegeben habe. Unter der Regierung Kohl.Die Geschichte machte gleich Schlagzeilen. Leuna und Minol, Fuchs-Panzer, Schweizer Konten, Kohl, Schäuble, Weyrauch, Lüthje, Kanther, Schreiber, Strauß - die Schlagwörter und Namen sorgten zu dieser Zeit bei den Zuschauern im Saal der Akademie noch für ein Kribbeln und die frohe Erwartung, Zeuge eines historischen Ereignisses zu werden. Dass dieses Ereignis nicht in einem Parlamentsgebäude stattfinden konnte, hatte einen einfachen Grund: Es gab dort keinen Platz. Im Reichstag und in den anderen Bundestagsbauten fand sich kein Raum, der groß genug für den Ausschuss war. Die Bundestagsverwaltung suchte deshalb über eine öffentliche Ausschreibung einen geeigneten Sitzungssaal. Die Akademie an der Hannoverschen Straße war schließlich am überzeugendsten, denn sie erfüllte alle Bedingungen: Das Saalgebäude lag in der Nähe des Reichstags und der Abgeordnetenbüros, war ein wenig abgeschirmt, und die technischen Voraussetzungen für die Arbeit des Ausschusssekretariats und der Medien waren gegeben, und auch der Preis für die Anmietung war fair. Sollte vielleicht auch der Gedanke eine unterschwellige Rolle gespielt haben, dass in den Räumen einer katholischen Einrichtung der eine oder andere eher geneigt sei, aufrichtig und frei Zeugnis abzulegen? Immerhin gibt es in der Akademie sogar eine kleine Kirche, die allerdings von keinem Ausschussmitglied oder einem der Zeugen je für eine innere Einkehr genutzt worden ist. Zumindest wurde nie jemand darin gesehen. "Dieser kirchliche Rahmen hat niemanden beeindruckt", sagt der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Volker Neumann. "Obwohl ich immer leise gehofft habe, dass ein Christdemokrat sich diesem sanften göttlichen Druck nicht ganz entziehen kann." Volker Neumann war der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses. Er hat zwischen Februar 2000 und Juni 2002 alle 125 Sitzungen des Gremiums geleitet, bei denen in insgesamt 284 Stunden 134 Zeugen und Sachverständige befragt wurden. Mit Ausschussmitgliedern reiste Neumann nach Paris, Toronto und München und hörte Zeugen. In Berlin tagte der Ausschuss am häufigsten in der Katholischen Akademie, aber das Gremium war auch im Rathaus Schöneberg, im Bundesfinanzministerium und einmal im Reichstag zu Gast."Die besten Bedingungen hatten wir in der Akademie", sagt Neumann. "An schönen Tagen konnte man sich in den Pausen in einen kleinen Garten hinter dem Saal zurückziehen. Gleichzeitig gab es aber auch viel mehr Kommunikation als an den anderen Orten. Man saß dichter aufeinander und konnte sich nicht so leicht aus dem Weg gehen." Die Kommunikation fand vor allem im Foyer statt. Man darf deshalb, betrachtet man den "Tatort" des Untersuchungsausschusses in der Katholischen Akademie, nicht das Auditorium vom Foyer trennen. Im Auditorium tagten die Abgeordneten. Ihre Tische waren U-förmig im Saal aufgestellt. In der Mitte stand ein einzelner Tisch, an dem der jeweilige Zeuge mit seinem Anwalt Platz nahm. Dahinter saßen auf roten Polsterstühlen die Journalisten; manchmal waren auch einfache Bürger da, um zuzuhören, oder ein diskreter Abgesandter der amerikanischen Botschaft, der sich mitunter mehr Notizen machte als mancher Reporter. Das Foyer vor den Saaltüren war das Heerlager der elektronischen Medien. Der Fußboden war übersät mit Kabeln, die in Kameras steckten und sich durch die Glastür über den Innenhof zu den Übertragungswagen schlängelten, die an der Hannoverschen Straße aufgefahren waren. Im Foyer bildeten die Kamerastative ein Halbrund um zwei Stehtische, die von Mikrofonen überbordeten. Die meiste Zeit an den Sitzungstagen saßen die Techniker und Kameraleute beschäftigungslos im Foyer. Sie fläzten sich in die Polsterecke, lagen auf dem Fußboden und stützten sich auf Stehtischen ab. Ab und zu drückte sich in den Ecken ein Journalist herum, der von einem Ausschussmitarbeiter ein Stück Papier zugesteckt bekam oder ihm einen Kaffee ausgab, um beim nächsten Mal ein Papier zu bekommen.Große Auftritte gab es im Foyer. Wenn sich die Saaltüren öffneten und die Politiker herauskamen. Es war stets das gleiche Ritual: Zuerst stellten sich die Obleute der einzelnen Fraktionen an die Mikrofon-Tische und lobten oder kritisierten - je nach Parteizugehörigkeit - in fünfminütigen Statements die Aussagebereitschaft des gerade vernommenen Zeugen. Dann kam der Zeuge selbst und stellte klar, dass alles gar nicht so schlimm ist wie die gegnerische Partei behauptet. Unbestrittener Höhepunkt dieser Inszenierungen war der Auftritt Helmut Kohls bei seiner ersten Zeugenvernehmung am 29. Juni 2000 in der Katholischen Akademie. Zwanzig Minuten lang erklärte er im Foyer den von ihm so verachteten "Gesinnungs-Journalisten", weshalb er sich keine Vorwürfe zu machen brauche und dass er nicht bestechlich sei. Helmut Kohls Auftritt war zugleich sein letzter in der Katholischen Akademie. Zu eng sei es hier, die Journalisten kämen viel zu dicht heran, hatte er genörgelt. Wenn ihn der Untersuchungsausschuss noch einmal vernehmen wolle, so müsse er sich einen anderen Ort dafür suchen. Der Ausschuss beugte sich Kohls Wünschen: Die nächsten drei Vernehmungen fanden im Rathaus Schöneberg und im Saal des Bundesfinanzministeriums an der Leipziger Straße statt.Heute erinnert kaum mehr etwas im Auditorium und im frisch renovierten Foyer der Akademie an die Sitzungen des Untersuchungsausschusses. Die einzige Hinterlassenschaft ist ein zerrissenes papiernes Siegel mit der Aufschrift "Deutscher Bundestag - Polizei", das an einer der Glastüren zum Garten klebt. Die Versiegelung wurde immer dann angebracht, wenn der Ausschuss an aufeinander folgenden Tagen in der Akademie zusammenkam und die Akten über Nacht im Saal beließ. Die Bilderwand am Eingang der Akademie zeigt keine Fotos von den Zeugenauftritten Kohls oder Schäubles. Stattdessen Schnappschüsse von Diskussionsabenden mit Politikern, kirchlichen Würdenträgern und prominenten Wissenschaftlern. Darunter liegen kleine Broschüren, die über die kommenden Veranstaltungen in der Akademie informieren. Am 17. September etwa geht es um die Globalisierung, am 26. September um den christlich-buddhistischen Dialog und zwei Tage später um eine deutsche Lepra-Ärztin in Pakistan.Richtig voll aber wird der Saal sicher am 5. Oktober werden, wenn zum Tango-Festival in die Akademie geladen wird. Im Saal, wo bis Ende April dieses Jahres der Untersuchungsausschuss tagte, wird es an diesem Abend "Tango für alle" geben.Foto: BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Im Auditorium der Akademie. Wo man noch vor Monaten Zeugen zu einem der größten Skandale der Republik vernahm, feiert die Domsingschule ein Fest.
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