Kolumne

„Hitler“? „KZ“? „Ethnische Säuberung“? – Wehret den Anfängervergleichen!

Unser Kolumnist weiß auch nicht genau, wie schlimm die AfD-„Remigrationsoffensive“ wird. Er plädiert aber für maßvollen Sireneneinsatz.

4 Min
Das Logo der AfD auf einer Wahlkampfbühne: Was hat es auf sich mit der „Remigrationsoffensive“?

Das Logo der AfD auf einer Wahlkampfbühne: Was hat es auf sich mit der „Remigrationsoffensive“?

© Michael Brandt/dpa

Glotzen Sie nicht so erwartungsvoll. Woher soll ich denn wissen, was die AfD wirklich vorhat? Adolf Hitler hat vor der Machtergreifung seine wahren Absichten ja auch nicht herausposaunt. Das behauptete jedenfalls ein pensionierter Chefredakteur neulich bei Maischberger. Eines jedoch, so der Publizist, verkünde die AfD „ganz offen“, und zwar, dass sie „auf dem Flughafen in Erfurt ein Konzentrationslager einrichten will, von dem sie abschieben will, die Leute dort internieren will“. Neben ihm saßen noch mehr bedeutende Journalisten. Keiner widersprach. Puh. Wir hatten gerade den Bundeswarntag. Dessen Sirenen waren nicht schriller.

Den Begriff Konzentrationslager gab es schon vor 1933, mit einer zwar grundsätzlich unschönen, aber dehnbaren Bedeutung. Doch seit seiner deutschen Auslegung wird er, zumindest hierzulande, als unmissverständlich empfunden. Muss ich ins Detail gehen? In Mastbetrieben und Legebatterien herrschen bisweilen grausige Zustände. Dennoch gilt selbst für rabiaten Tierschutzkampf die Vokabel „Hühner-KZ“ als grob unangemessen.

Abschiebeknäste in Frankfurt, München und Hannover

Zur Faktenlage: Ganz offen hat der Thüringer AfD-Landesverband eine Kombination aus Erstaufnahmezentrum und Abschiebegewahrsam gefordert. Es gibt in Deutschland bereits Abschiebeknäste. Auch an Flughäfen – in Frankfurt, München und Hannover. Selbst Politiker, die des Rechtsextremismus unverdächtig sind, fordern mehr davon. Dort werden Menschen – wenn es nach der Nomenklatur jenes Talkshow-Gastes geht – konzentriert, bevor sie das Land verlassen müssen. Laut von Brüssel geplanter „Rückführungsverordnung“ sollen abgewiesene Migranten bis zur Heimkehr sogar in Lagern außerhalb der EU eingezäunt werden. Das Konzept nennt sich „Return Hubs“ und nicht „Buchenwald“.

Ach, ich will das alles gar nicht. Ich möchte mich nicht durch aberwitzige Anschuldigungen genötigt fühlen, die AfD in Schutz zu nehmen. Ich meine, der Mann bei Maischberger hat vor „Hitler“ gewarnt. Beschwor ein KZ. Für mich hört sich das an wie: Dagegen musst du was unternehmen, wenn der Staat es nicht tut! Bewaffnet euch, bildet Banden! Tut mir leid, wenn ich jetzt auch hysterisch werde: Aber solche Verlautbarungen machen eine Nation bürgerkriegstüchtig. Allerdings bin ich bereit, mich jeder Parteiverbotsforderung anzuschließen, sollten Höcke und Konsorten ihre Einrichtungen tatsächlich mit Appellplätzen, Galgen und Krematorien ausstatten wollen.

Merz vergleicht „Remigration“ mit ethnischer Säuberung

Friedrich Merz gab soeben vor dem Bundestag bekannt, die von der AfD geforderte „Remigration“ sei „nichts anderes als eine ethnische Säuberung nach Hautfarbe und Herkunft“. Remigration war einmal ein neutraler Fachausdruck für die Rückkehr von Migranten in ihr Herkunftsland, sei sie nun freiwillig oder erzwungen. Im AfD-Weichbild wird das Wort aus Gründen so zugespitzt gebraucht, dass es inzwischen als unanständig gilt. Die Vokabel „ethnische Säuberung“ wiederum etablierte sich mit den jüngeren Balkankriegen. Damals ging es um Vertreibungen, Vergewaltigungen, Enteignungen, Massaker.

Ich habe, wie gesagt, keine Ahnung, was davon die AfD plant. Ob sie es wohl selbst weiß? Einerseits begrüßt der Magdeburger Wahlsieger Ulrich Siegmund die Ansiedlung von Waffenschmieden in Sachsen-Anhalt mit der Begründung, dass man Rüstungsgüter ja als „Hilfsmittel“ bei „späteren Remigrations- und Abschiebeoffensiven“ brauche.

Nicht nur für offensiv Böswillige klingt das, als träume er von Migrantenräumpanzern und Rückmarschflugkörpern. Andererseits schreibt die Partei zum Thema in ihrem Programm in etwa das, was die damalige Bundeskanzlerin bereits vor zehn Jahren Bürgerkriegsflüchtlingen offenbarte: „Wir erwarten, dass, wenn wieder Frieden in Syrien ist, ihr auch wieder in eure Heimat zurückgeht.“ Angela Merkel. Ich sag’s ja nur.

Der Spiegel fragte eine Pädagogik-Professorin: „Wie spreche ich mit meinem Kind über den Wahlsieg der AfD?“ Der Expertin zufolge ist die Jugend deshalb in heller Panik. Ich kann das nicht einschätzen. Meine Kinder sind schon groß. Wohnen derzeit wirklich ganze Kita-Gruppen schlotternd unter ihren Paw-Patrol-Bettdecken? Wenn ja, dann hätte ich eine Vermutung, warum. Es könnte auch wegen Erwachsener sein, die Politik zur Apokalypse machen. Hier, was ich meinen ängstlichen Früchten zur AfD gesagt hätte:

Menschen, die Ängste schüren

Ja, es gibt dort Leute, die Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft herabsetzen. Das ist eklig. Aber es gibt in der Partei und unter ihren Wählern auch viele, die nur möchten, dass jene, die nach dem Gesetz nicht hier sein dürfen, nicht hier sind. Dann gibt es Leute, die sich vor der AfD fürchten. Dazu geben Partei und Personal durchaus Anlass. Aber nicht nur. Leider haben wir auch welche, die diese Ängste schüren, um sich Posten, Gelder und Wolkenkuckucksheime zu sichern. Ebenfalls unangenehm.

Aber fürchte dich nicht: Papa wird alle Bösen und gedanklich Porösen mit seinem analytischen Zauberschwert besiegen. So, nun mach die Augen zu, mein Kind. Wenn du morgen wieder nicht einschlafen kannst, erzähle ich dir was über Deindustrialisierung, Sozialsystemkollaps, Klima, Krieg, PISA und die Zukunft der CDU.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner