Vor dem parallelen Erscheinen der beiden Bücher hatte es Lärm gegeben. Warum musste derselbe Autor das Thema "West-Arbeit des MfS" in einer wissenschaftlich-gedämpften und zugleich in einer dampfig-engagierten Fassung auf den Markt bringen? Was hatte sein Chef, Joachim Gauck, dazu zu sagen? Tatsächlich unterscheiden sich die Studien hinreichend deutlich. Die erste stammt von einer behördlichen Forschungsgruppe, die Hubertus Knabe leitet, die zweite schrieb allein der Zeitdiagnostiker Knabe, fixiert auf das, was er als die geistig-politische Dauerkrise des untergegangenen, aber immer noch mächtigen westdeutschen Teilstaats ansieht.So sehr sich der Sprachgebrauch oder die Regeln des Skats, des Angelsports und der rassegerechten Schäferhundezucht während der 40 Jahre auseinander entwickeln mochten, im gemeinschaftlichen Hang zum Vertrauensbruch bereiteten nicht wenige Ost- und Westdeutsche schon lange der inneren Einheit einen Weg. In seinem zeitdiagnostischen Buch "Die unterwanderte Republik" fordert Knabe jene Triumphatoren heraus, die das Problem massenhafter Spitzelei gerne auf den Untertanengeist-Ost beschränken würden und die eine Fülle unangenehmer Details aus den Räumen des Bundesbeauf-tragten schon in die Zentralen des BND oder des Verfassungsschutzes verschleppt, womöglich bereits vernichtet haben. Hier dürfte die dunkle Seite der nach außen stets jovial-aufklärerischen Amtsführung Gaucks liegen. Hoffentlich gelingt es Knabe bald das ist eine seiner Spezialitäten uns mitzuteilen, wer sich hinter den zahllosen noch unentschlüsselten Decknamen verbirgt, seien es "Herzberg" oder "Stein", "Tulpe", "Glocke" oder "Maria". Sie müssen nicht eingesperrt oder prinzipiell ihrer beruflichen Aussichten beraubt werden, aber ein kurzer Aufenthalt am Schandpfahl ist den westlichen Stasi-Spitzeln mehr zu wünschen als den (nicht selten unter Zwang und Zurichtung gestellten) östlichen.Was immer man sonst von ihm hält, Heinrich Lummer bewies großartige Souveränität. Obwohl er sich in Ost-Berlin öfters mit einer MfS-eigenen "Susanne" vergnügt hatte, gelang es Markus Wolf nicht, ihn mit den passenden Fotos und dem Hinweis auf sein "politisches Überleben" zu erpressen. Letztlich scheiterte Wolf auch mit seiner jahrelangen Kampagne gegen Herbert Wehner, von dem er wider besseres Wissen behauptete, er habe im schwedischen Exil der Gestapo in die Hände gespielt. Wie die Recherchen des MfS ergaben, hatte das in Stockholm nicht Wehner getan, wohl aber der Politbürokandidat Karl Mewis. Dennoch hielt Wolf an seinem Verleumdungsfeldzug fest. Noch 1997 wiederholte er: Wehner war ein "Mann, den ich für einen Verräter halten musste". Nach Knabes stärkstem Kapitel dürfen wir Markus Wolf für einen Stasi-Lemuren halten, dem die Lüge zur zweiten Natur geworden ist.Der Mangel des Buches liegt im einsinnigen Zugang. Der Autor fragt nicht, warum dieses System trotz aller geklauten Technologie, trotz der immer perfekteren Abhörbastelei am Schluss sang- und klanglos in sich zusammensackte. Es interessiert ihn nicht, was mit einem Geheimdienst geschieht, der sich an Informationen überfrisst, dem aber die Möglichkeit der terroristischen Konsequenz zunehmend abhanden kommt. Deren Gründe lagen in der Ostpolitik Brandts, den zwischenstaatlichen Verträgen, der wachsenden Dialog- und Kompromissbereitschaft. Knabe aber sieht darin allein den opportunistischen, stasigesteuerten Verrat an der nationalen Sache, wie er umgekehrt jede Stasiaktivität als prinzipiell erfolgreich einstuft. Er verrät uns nicht, wie viele Anwerbungsversuche warum scheiterten. Er spricht nicht über die Selbstzweifel im MfS, politische Verwicklungen, unauflösbare Zielkonflikte.Selbstverständlich bezweckten die berühmten Nazi-Enthüllungen aus dem MfS eine Delegitimierung der alten Bundesrepublik. Es gab dabei wenige Fälschungen, eine im Fall von Heinrich Lübke. Auch erwogen die SED-Geheimdienstler 1961 eine "Aktion J": Sie bestand im Entwerfen (mehr ist bei Knabe nicht dokumentiert) anonymer Drohbriefe an Juden in der Bundesrepublik, um den Westen international zu diskreditieren: "Hätten wir mehr von euch in Sonderbehandlung gehabt, würde schon heute niemand mehr über euch reden Wir kennen euch alle!" Trotz solcher Schurkenaktivitäten bleiben aber die seinerzeit im "Braunbuch" genannten Daten zu 99,5 Prozent richtig. Seine Hauptschwäche liegt im Fehlen vieler einschlägiger Namen.Insgesamt wird diese Intervention der lange verzögerten demokratischen Selbstzivilisierung der Bundesrepublik aufgeholfen haben. Es ist hanebüchen, wenn Knabe die Globkes, Achenbachs, Zoglmanns und Oberländers im Nachhinein zu Stasi-"Opfern", zu nur "angeblichen Nazis" verklärt. Wie blind er gelegentlich argumentiert, zeigt auch sein Urteil über einzelne in der DDR Beteiligte. Nehmen wir den mehrfach vorwurfsvoll zitierten Ludwig Nestler. Er gehörte zu den Braunbuch-Aktivisten der frühen Jahre. Nachdem die SED diese Art von Westpolitik aufgegeben hatte, wurde er zum Wissenschaftler und die Herausgabe der achtbändigen Serie "Europa unterm Hakenkreuz" sein bleibendes Hauptwerk. Er förderte nach Kräften wissenschaftliche Projekte, darunter die Münchner Edition der Goebbels-Tagebücher. Noch nicht sehr alt, unglücklich und desorientiert starb Nestler bald nach der Wende. Er hat auch für die Staatssicherheit gearbeitet, und dennoch: Ehre seinem Andenken. Trotz solcher Einwände sollte, wer die starke Meinung erträgt und das Detail liebt, zu dem bei Propyläen erschienenen Knabe-Band greifen. Er verzeichnet im Register rund tausend Klar- und Tarnnamen. Wer sich aber für die Systematik interessiert, mit der sich das MfS seinem stark bevorzugten "Bearbeitungsobjekt" BRD zugewandt hatte, der sollte die bei Ch. Links erschienene Amtsdrucksache lesen. Sie meidet Personennamen, so gut es geht, berichtet jedoch ausführlich über "Konzentratblätter" oder über das "Zentrale Organ des Elektronischen Kampfes (ELOKA) des MfS". Das war die Hauptabteilung III. Der dort angesiedelten Abteilung 6 gelang es, um wenigstens eines von hunderten Beispielen herauszugreifen, "das öffentliche Selbstwählferndienst-Netz wichtiger Territorialbereiche Niedersachsens funkelektronisch zu erschließen". So geschehen im Waldgebiet der Gemarkung Holzhausen (Kreis Salzwedel) eine, namentlich im Spätsommer, bezau-bernde Gegend mittels des Stützpunktes "Lupinie". Bei "großer Eindringtiefe" gelang dort sowohl die "rechnergestützte als auch die manuelle Abschöpfung".Vorsicht! Es handelt sich hier nicht um in Altostdeutsch gehaltene, mit leisem Spott eingestreute Originalzitate aus irgendeinem Leistungsrapport. So formulieren Mitarbeiter der Gauck-Behörde im Jahre 1999. Ihr Versuch einer analytischen Verdichtung fällt dann so aus: "Wie vielfältig diese Bezüge sein konnten, wird bei genauer Betrachtung des Aufgabentableaus der Linien auf zentraler Ebene deutlich, wo in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen West-Arbeit geleistet wurde." Das war sie also, die Stasi.Der Band informiert über den Forschungsstand, die Quellenlage und die Arbeitsweise der einzelnen Abteilungen, eine durchaus nützliche Arbeit. Er führt in die Welt der "Leiterberatung", der "Bruderorgane" oder der "gegnerischen Kontakttätigkeit", verliert sich zwischen sprechenden Kartotheken und gesichtslosen Kadern, etwa einer nicht näher identifizierten Trenchcoat-Scheuche, die an der Stasi-Hochschule in Potsdam-Golm den Lehrstuhl "Staatsgrenze" inne hatte. Fast zur Hälfte besteht der Band aus sturzlangweiligen Dokumenten. Beispielsweise erging 1985 an den Leiter der ZAIG die Anweisung, "bei Veränderungen bzw. Neufestlegungen von Verantwortlichkeiten ( die) ständige Aktualisierung gemäß der Dienstanweisung Nr. 1/80, Ziffer 6.1 zu gewährleisten". "ZAIG", das ist die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe; wer etwas über die ominöse DA 1/80 wissen möchte, wird an die Archiv-Signatur "BStU, ZA, BdL-Dok. 005221" verwiesen.Aber wer sollte sich dafür interessieren und warum? Die Tragödie der ersten Heimwerkerdiktatur auf deutschem Boden lag nicht in den im Jahrhundertüberblick höchst geringen Schäden, die sie Außenstehenden zugefügt hat. Die Westdeutschen jedenfalls profitierten vom Eisernen Vorhang, individuell und insgesamt. Leidtragende der klebrig-kollektivistischen Verhältnisse blieben die DDR-Deutschen. Wolfgang Thierse gelingen treffende politische Bemerkungen eher selten; seine Anregung, die DDR ironisch zu nehmen, gehört zu diesen wenigen. Dabei ließe sich auch die Bundesrepublik in einen solchen, nicht allein dem Bierernst verpflichteten Rückblick einbeziehen.Vielleicht, und das wird der Tugendbold Hubertus Knabe nicht so schnell begreifen, war ja dies die List der Geschichte: Eben weil sich seit den siebziger Jahren immer weniger Deutsche aktiv-kämpferisch für die Wiedervereinigung einsetzten, konnte sie dann plötzlich, aus einem genau deshalb heiteren Himmel zur zartesten politischen Versuchung werden, seit es den deutschen Nationalstaat gibt.Hubertus Knabe: West-Arbeit des MfS. Das Zusammenspiel von "Aufklärung" und "Abwehr". Unter Mitarbeit von Bernd Eisenfeld, Jochen Hecht, Hanna Labrenz-Weiß, Andreas Schmidt, Birgit Sündram, Monika Tantzscher, Tobias Wunschik und Herbert Ziehm (= Analysen und Dokumente. Wissenschaftl. Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Bd. 18). Ch. Links Verlag, Berlin 1999. 598 S. , 48 Mark.Hubertus Knabe: Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen. Propyläen Verlag, Berlin 1999. 590 S. , 49,90 Mark.
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