Wenn ein regenarmer Sommer den Pegel weit genug drückt, geben die Hungersteine der Elbe in Sachsen ihre alten Botschaften preis. Zwischen Děčín und Pirna, aber auch flussabwärts bei Dresden liegen Blöcke im Flussbett, die den größten Teil des Jahres unter Wasser verborgen sind. Sie tragen Jahreszahlen, Buchstaben und ganze Sätze, sauber in Sandstein oder Basalt geschlagen.
Diese Hungersteine sind keine Zufallsfindlinge, sondern gezielt bearbeitete Marken. Sie halten fest, wie tief der Fluss in früheren Trockenjahren gefallen ist – und funktionieren damit wie das Gegenstück zu den Hochwassermarken an Hauswänden. Sichtbar werden sie ausgerechnet dann, wenn sich die Not wiederholt, die zu ihrer Beschriftung geführt hat.
Warum die Steine „Hungersteine“ heißen
Der Name verweist auf die Folgen extremer Trockenheit. Ein niedriger Wasserstand bedeutete stockende Schifffahrt, ausbleibende Warenlieferungen und stillstehende Mühlen.
Dazu kamen vertrocknete Felder und steigende Getreidepreise. Trockenheit und Hunger hingen unmittelbar zusammen – und die Steine im Flussbett waren die sichtbarste Erinnerung daran.
Neben den eigentlichen Hungersteinen dienten in Ostdeutschland auch Felsen im Strom als Marken, sogenannte Hungerfelsen, bekannt etwa bei Magdeburg und Torgau. Für Tiefstände genutzt wurden zudem Schotterflächen, unter anderem an der Augustusbrücke in Dresden und am Grenzübergang Schmilka.
Die sächsischen Fundorte: von Pillnitz bis Oberposta
Auf sächsischer Elbseite reicht die Niedrigwasserchronik weit in die Neuzeit. Der Oberpostaer Hungerstein bei Pirna enthält laut amtlicher Inventarliste des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie mehr als 15 Einträge von mindestens 1707 bis 2015.
Bei Pillnitz markieren Gravuren die Tiefstände vom 19. Juli 1873, 18. Juli 1904 und 17. August 2003. Der letzte Wert liegt knapp neun Meter unter dem Hochwasserstand des Jahres 2002.
Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR Sachsen) meldete zudem auf Facebook, dass unterhalb von Schloss Pillnitz bei niedrigem Pegel Hungersteine sichtbar geworden seien. Dieser Beitrag bezog sich allerdings auf eine frühere Niedrigwasserphase und belegt keine gegenwärtige Sichtbarkeit.
Der berühmteste Stein liegt jenseits der Grenze
Der bekannteste Hungerstein der Region liegt genau genommen in Tschechien: am linken Elbufer unterhalb der Tyrš-Brücke bei Děčín, wenige Kilometer vor der sächsischen Grenze. Er gilt als eines der ältesten hydrologischen Denkmäler Mitteleuropas.
Die älteste dort regulär lesbare Jahreszahl ist 1616. Der bekannteste Spruch fordert den Betrachter auf zu weinen, wenn er ihn sieht.
Wichtig für die Einordnung: Nach mehreren journalistischen Rekonstruktionen stammt dieser Satz wahrscheinlich nicht aus dem Jahr 1616, sondern wurde erst 1904 vom Gastwirt und Schiffer Franz Meyer angebracht. Jahreszahl und Inschrift gehören also unterschiedlichen Zeiten an.
Warum sich die Steine bei Děčín und Pirna häufen
Auffällig ist die Verteilung: Auf wenigen Flusskilometern zwischen Děčín und Pirna liegt ein gutes Dutzend beschrifteter Blöcke, flussabwärts werden vergleichbare Marken seltener.
Der Dresdner Geologe Jan-Michael Lange führt das auf die Steinbrüche der Region zurück. Der Elbsandstein wurde über Jahrhunderte auf dem Wasserweg abtransportiert – und genau dieser Transport brach bei Niedrigwasser zusammen.
Die Steinmetze saßen fest, hatten Zeit, Werkzeug und Fertigkeit, um Warnungen in den Fels zu schlagen. Andere Deutungen nennen zusätzlich Schiffer, Flößer und Fischer. Eine einheitliche Urheberschaft ist nicht gesichert.
Die Tradition lebt: ein neuer Stein in Dresden-Tolkewitz
Die Tradition wurde in Sachsen bewusst fortgeschrieben. In Dresden-Tolkewitz wurde am 16. September 2016 ein neuer Hungerstein mit der Gravur „Sept. 2016“ gesetzt.
Die unterste Wellenlinie markiert ausdrücklich den Wasserstand zum Zeitpunkt der Gravur. Solche modernen Steine sind klar von den historischen Originalen zu unterscheiden.
Die Elbe fließt in Magdeburg an dem trocken liegenden Domfelsen vorbei.
© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Seit 2015 kartiert Sachsen die wieder aufgetauchten Hungersteine und Untiefen gemeinsam mit Senckenberg Dresden und der Archäologischen Gesellschaft in Sachsen systematisch.
Die wichtigsten Fragen und Antworten
Wo liegen in Sachsen Hungersteine der Elbe?
Belegt sind unter anderem der Oberpostaer Hungerstein bei Pirna, Gravuren bei Schloss Pillnitz und ein neuerer Stein in Dresden-Tolkewitz. Als Marken dienten zudem Felsen bei Torgau und Magdeburg sowie Schotterflächen an der Augustusbrücke in Dresden und bei Schmilka.
Welche Jahreszahlen trägt der Oberpostaer Hungerstein?
Laut amtlicher Inventarliste des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie enthält er mehr als 15 Einträge von mindestens 1707 bis 2015.
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Was zeigen die Gravuren bei Pillnitz?
Sie markieren die Tiefstände vom 19. Juli 1873, 18. Juli 1904 und 17. August 2003. Der Wert von 2003 liegt knapp neun Meter unter dem Hochwasserstand von 2002.
Gibt es auch neue Hungersteine?
Ja. In Dresden-Tolkewitz wurde am 16. September 2016 ein neuer Stein mit der Gravur „Sept. 2016“ gesetzt, dessen unterste Wellenlinie den damaligen Wasserstand markiert.
Warum häufen sich die Steine bei Děčín und Pirna?
Der Dresdner Geologe Jan-Michael Lange führt das auf die regionalen Steinbrüche zurück. Bei Niedrigwasser brach der Abtransport des Elbsandsteins zusammen, sodass Steinmetze Zeit und Werkzeug hatten, Warnungen in den Fels zu schlagen.
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