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Hunglaublich, aber wahr: Ein Vietnamese aus Sachsen-Anhalt wird zum TikTok-Liebling

Nguyen The Hung schildert auf seinem Account „Hunglaublich“ seinen Alltag als Asia-Markt-Besitzer in Berlin – und Zehntausende folgen ihm. Was macht ihn so einzigartig?

11 Min
Nguyen The Hung postet auf Social Media Alltägliches und Wissenswertes aus seinem Asia-Markt.

Nguyen The Hung postet auf Social Media Alltägliches und Wissenswertes aus seinem Asia-Markt.

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Diese Geschichte beginnt mit einer Wiederentdeckung. Eines Morgens wird mir bei Instagram ein Video angezeigt. Ein sehr sympathischer junger Mann, dem ich (noch) nicht folge, erklärt dort Schritt für Schritt, welche Sojasauce am besten zu welchem Gericht passt.

Der Algorithmus weiß: Ich liebe solche Beiträge, weil ich gern koche. Aber mir fällt noch etwas anderes auf: Der Vietnamese, der sein Video in einem asiatischen Supermarkt aufgenommen hat, spricht mit leichtem Dialekt, den ich in Sachsen oder Sachsen-Anhalt verorten würde.

Und: Sein Laden erinnert mich verdächtig an jenen Berliner Asia-Markt, in dem ich vor über 20 Jahren die Zutaten für meinen ersten chinesischen Hot Pot eingekauft habe.

Ein kleiner Asia-Markt in Prenzlauer Berg

Und tatsächlich steckt hinter dem Account „Hunglaublich“, auf den ich soeben gestoßen bin, eben jener kleine Asia-Markt in der Kopenhagener Straße, den ich noch aus Studentenzeiten kenne. Nur heute folgen seinem Besitzer auf Instagram und TikTok mehr als 165.000 Menschen.

Der Asia-Markt in Prenzlauer Berg ist die Kulisse für den Social-Media-Auftritt.

Der Asia-Markt in Prenzlauer Berg ist die Kulisse für den Social-Media-Auftritt.

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Zwar wohne ich längst nicht mehr in Prenzlauer Berg und war auch schon lange nicht mehr dort einkaufen, aber nun muss ich natürlich hin und nachschauen: Wer ist der Mann mit der Brille, was hat es mit seinem Dialekt auf sich – und was ist sein Erfolgsgeheimnis?

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Von Vietnam nach Sachsen-Anhalt: Eine gute Kindheit

Einige Wochen später wartet Nguyen The Hung schon auf uns. Er sei ein wenig aufgeregt, sagt er. Im Verlaufe unseres Gesprächs legt sich das schnell. Zwischendrin muss er mal eine Warenlieferung annehmen, mal das Regal mit dem Chili-Öl auffüllen oder den Besitzer eines benachbarten Restaurants mit Reismehl versorgen.

Es ist immer was los im Asia-Markt, die wuselige Atmosphäre passt zur aufgeweckten Art des Besitzers. Als Hung seine Geschichte erzählt, läuft natürlich die Kamera mit – der 39-Jährige wird später etwas über unseren Besuch auf seinem Kanal posten.

Als Nguyen The Hung 1986 zur Welt kommt, gibt es noch keine sozialen Medien. Geboren wird er in Vietnam; als er vier Jahre alt ist, folgen seine Mutter und er dem Vater, der seit 1988 in der DDR als Vertragsarbeiter tätig ist. Hungs Heimat wird nun ein kleiner Ort in der Nähe von Merseburg in Sachsen-Anhalt. Die Mauer ist damals schon gefallen, das Land noch auf der Suche nach der neuen, gemeinsamen Zukunft.

„Damals war ich das einzige Kind in zwei riesigen Plattenbauten, die anderen vietnamesischen Arbeiter holten ihre Familien erst später nach. Da war es für mich natürlich erstmal sehr einsam.“ Später zieht die Familie nach Wolfen, dort seien dann auch andere Gleichaltrige gewesen. Hung spricht von einer glücklichen Kindheit.

Nguyen The Hung postet ohne ausgefeilte Technik, dafür mit viel Authentizität.

Nguyen The Hung postet ohne ausgefeilte Technik, dafür mit viel Authentizität.

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Der Vater macht sich nach der Wende selbstständig und verkauft Kleidung an wechselnden Marktständen. Eine harte Zeit, wie sein Sohn sich erinnert: „Das war total crazy, das wissen wahrscheinlich gar nicht so viele Deutsche. Wenn man zu spät kam, wurde der Stand sofort weitervermietet an Araber, Türken oder andere Vietnamesen. Deswegen musste mein Vater um 5 Uhr morgens vor Ort sein, auch im Winter, obwohl die Kunden erst ein, zwei Stunden später aufgetaucht sind.“

Der Vater habe seine Heimat, die Familie und das vietnamesische Essen immer vermisst. Damals gab es in der ostdeutschen Provinz kaum Möglichkeiten, an entsprechende Produkte zu kommen: „Es gab keine Asia-Märkte. Manchmal kamen fahrende Händler mit asiatischen Lebensmitteln in die kleinen Ortschaften. Die haben geläutet, so wie der Eismann, und die Leute mit Reis und allem Nötigen versorgt.“

Er habe sich als Ausländer im Osten Deutschlands gut integriert gefühlt, sagt Hung. In seiner Schule habe es viele verschiedene Herkunftsgeschichten gegeben. Der Umzug nach Berlin liegt zunächst noch in weiter Ferne.

Der Zufall führt nach Prenzlauer Berg

Acht Jahre lang betreibt Hung zusammen mit seiner Frau ein Nagelstudio in der Nähe von Halle. Es sei keine Arbeit gewesen, mit der man fürs Alter hätte vorsorgen können. Während Corona wird die Lage noch schwieriger.

Da spielt dem jungen Paar der Zufall in die Karten. Ein Kollege des Vaters aus DDR-Zeiten will aus Altersgründen seinen Asia-Markt in Prenzlauer Berg abgeben. Die Töchter haben kein Interesse. So kommt Hung zum Zug: Vor drei Jahren übernimmt er den Laden in der Kopenhagener Straße.

Nguyen The Hung mit seiner Frau Thuy. Auch sie ist manchmal in den Videos zu sehen.

Nguyen The Hung mit seiner Frau Thuy. Auch sie ist manchmal in den Videos zu sehen.

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Doch mit dem Verkauf von Lebensmitteln ist es nicht getan. Hung produziert Videos, erst für YouTube, später für TikTok. Seit einem guten Jahr postet er auch auf Instagram. Am Anfang geht der Content noch wild durcheinander: Abnehmvideos, Besuche auf der Thai-Wiese und im Dong Xuan Center.

Heute sind es vor allem die Produkte aus dem Laden, die ihn vor der Kamera beschäftigen. Der Zeitgeist spielt ihm dabei in die Karten.

Schon seit geraumer Zeit ist der fernöstliche Lifestyle durch Phänomene wie K-Pop oder Manga schwer angesagt. Der Social-Media-Trend um lokale und spezialisierte Asia-Märkte hat seit dem vergangenen Jahr massiv an Fahrt aufgenommen, getrieben durch den allgemeinen Hype um den chinesischen und ostasiatischen Lifestyle in den sozialen Netzwerken. Stichwort: „Chinamaxxing“.

Vielfalt im Asia-Markt: „Chinamaxxing“ ist ein viraler Social-Media-Trend der Gen Z.

Vielfalt im Asia-Markt: „Chinamaxxing“ ist ein viraler Social-Media-Trend der Gen Z.

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Für Hung kommt der Durchbruch bei TikTok mit einem Video zum Thema Reis. „Eine Minute Asia-Markt-Wissen“, nennt er den Clip. Er erklärt darin die Unterschiede zwischen Klebreis, Jasminreis und Basmatireis – und wann man welche Sorte am besten verwendet.

Es sind Fragen, die seine Kunden im Markt auch beschäftigen. Hung berät sie – und teilt gleichzeitig sein Wissen im Netz. „TikTok hat mir dann einfach in die Hände gespielt, weil ich ohne Skript und auch ohne großen Plan arbeite. Ich weiß ungefähr, worüber ich sprechen möchte. Und dann rede ich einfach drauflos.“ In einer Zeit, in der sich alle nach Authentizität sehnen, liefert Hung genau das.

Während viele Influencer ihre Videos aufwendig inszenieren, setzt er auf direkte Ansprache und Content mitten aus dem Leben. Der Algorithmus mag das. Und die Follower sowieso.

Unter dem Reis-Erklärvideo schreibt einer: „Bitte mehr von diesem Content. Als Kartoffel stehe ich immer nur mit großen Augen im Asia-Shop. Das fängt bei der Auswahl von Reis an, geht über Pilze, Gemüse und hört bei Sojasauce auf.“

Ein bisschen Nippes gehört auch dazu im kleinen Laden in Prenzlauer Berg.

Ein bisschen Nippes gehört auch dazu im kleinen Laden in Prenzlauer Berg.

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Hungs Videos haben nun nicht mehr ein paar Hundert, sondern bis zu einer halben Million Aufrufe. An einem einzigen Tag gewinnt er bis zu 15.000 neue Follower hinzu.

Die Menschen hören aufmerksam zu, wenn der 39-Jährige die Unterschiede zwischen heller und dunkler Sojasauce erklärt. Wenn er Produkte empfiehlt, die man braucht, wenn man wie er nicht kochen kann. Den schnellen Mikrowellenreis zum Beispiel, der ihn schon gerettet hat, wenn seine Frau nicht daheim war. Und der auch bei seinem Bruder ganz oben im Vorratsschrank steht.

Vier Asia-Markt-Tipps, die das Leben schöner machen

Gekochter weißer Reis: Mikrowellenreis ist für Nguyen The Hung eine echte Entdeckung – vor allem, wenn es mal schnell gehen muss. Der Reis kommt bereits gekocht aus der Packung und muss nur zwei Minuten in die Mikrowelle. Hung räumt allerdings ein: Im Vergleich zu normalem Reis ist das Produkt „absurd teuer“. Für den Notfall lohne es sich für ihn trotzdem.

Furikake: Die japanische Gewürzmischung, die hauptsächlich aus getrocknetem Fisch, Sesam, Algen, Salz und Zucker besteht, peppt nicht nur Reis, sondern auch Nudeln, Brote und Salate im Handumdrehen auf. „Das Gewürz wird einfach über das Gericht gestreut und gibt ihm sofort mehr Geschmack“, sagt Hung. 

Crispy-Chili-Öl: Das chinesisch inspirierte Würzöl mit groben Chiliflocken, knusprigen Stückchen wie frittiertem Knoblauch, Zwiebeln oder Schalotten sowie Gewürzen ist einer der Topseller im Laden. Hung sagt, er sei süchtig danach, auch sein Sohn möge es sehr gern. Das Chili-Öl verwendet er für Nudelsuppen oder zu Dumplings.

Mondkuchen: Am 25. September wird das chinesische Mondfest gefeiert. Zu diesem Anlass darf der süße, reichhaltige Mondkuchen nicht fehlen. Die kleinen, runden Gebäckstücke sind ein beliebtes Geschenk für Verwandte und Freunde, werden aber auch selbst gegessen. Jede Region hat eigene Rezepte. Auch in Vietnam isst man traditionell Mondkuchen.

Auch Heimatprodukte aus verschiedenen asiatischen Küchen stellt Hung vor. Eine Fischsoße speziell für Papaya-Salat zum Beispiel, der in Thailand sehr beliebt ist.

Oder die Bullhead-Barbecue-Soße aus Taiwan, die würzige, süße und leicht rauchige Aromen vereint. „Wenn Chinesen die sehen, bekommen sie leuchtende Augen“, berichtet Hung. Auch der Klebreis aus Vietnam muss vor die Kamera: „Damit machen wir Speisen aus der Heimat.“

Viele Sorten Sesamöl

Viele Dinge, die Hung im Laden hat, gibt es inzwischen auch in den Regalen großer Supermärkte. Trotzdem kommen die Kunden weiterhin gezielt zu ihm. Der Grund liegt auf der Hand, denn das Sortiment der Supermärkte bleibt begrenzt: „Dort bekommt man längst nicht alles, nicht die Vielfalt, die wir bieten können. Es gibt dann eine Sorte Sesamöl, einen Hersteller, das war’s.“

Wer wirklich länderspezifisch oder sogar regionaltypisch kochen möchte, kommt um Läden wie den von Hung kaum herum. Oft brauchen seine Kunden auch erstmal eine Beratung.

„Manche kommen rein und sagen, sie wollen Nudeln haben. Dann frage ich: Welche Nudeln? Da sind einige schon aufgeschmissen. Man muss dann genauer ins Detail gehen und fragen, was eigentlich gekocht werden soll.“ Ob Ramen oder Phở, ob Pad Thai oder Wonton.

Immer mehr Kunden kommen extra, weil sie den Besitzer kennenlernen wollen.

Immer mehr Kunden kommen extra, weil sie den Besitzer kennenlernen wollen.

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Schließlich gibt es „die asiatische Küche“ nicht. Man spreche schließlich auch nicht von europäischem Essen, sagt der Ladenbesitzer. Früher seien viele Gerichte, die hierzulande als chinesisch oder asiatisch galten, stark an den deutschen Geschmack angepasst gewesen. Inzwischen interessieren sich immer mehr Menschen für die originären Küchen einzelner Länder, wie Vietnam, Japan oder Thailand.

Jede Region habe eigene Rezepte, sagt Hung, die Aromen seien oft vielschichtiger, weil verschiedene Geschmacksrichtungen stärker miteinander kombiniert würden. „Das geht in die fünf Elemente rein. Also zum Beispiel richtig sauer. Oder süßlich, aber in vielen Facetten. Oder die verschiedenen Abstufungen von Umami und scharf. Das sind für hiesige Geschmacksnerven oft ganz neue Entdeckungen.“

Wenn’s mal schnell gehen muss: Auswahl an Fertignudeln im Asia-Shop.

Wenn’s mal schnell gehen muss: Auswahl an Fertignudeln im Asia-Shop.

© Max vom Hofe / Berliner Zeitung

Manchmal dreht sich das Interesse der Kunden aber auch um den Betreiber selbst. Es seien schon Leute von der Ostsee nach Berlin gekommen, nur um den Mann hinter dem Account kennenzulernen. Auch andere bekannte Food-Influencer waren schon zu Gast.

Seit Kurzem verdient Hung mit Kooperationen auch etwas Geld im Netz. Von den Produkten, die er bewirbt, ist er selbst überzeugt, wie er betont. Er kennt sie ja alle aus seinem Markt. Dennoch promotet er den Laden nicht direkt. Für ihn ist der Content momentan eher ein zusätzliches Gimmick, „weil ich auch noch nicht so richtig weiß, wie man das alles monetarisieren kann“. Das komme vielleicht noch.

Vor Ort in Prenzlauer Berg hat sich die Situation in den letzten Jahren verändert. Große Ketten und Märkte werden stärker, die Konkurrenz durch Player wie Go Asia nimmt zu. „Es wird schwieriger, das merkt man schon“, sagt Hung. „Große Anbieter können anders einkaufen, haben eigene Importe und andere Preise.“

Mit wenig Technik entsteht Content für den Kanal Hunglaublich

Mit wenig Technik entsteht Content für den Kanal Hunglaublich

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Dennoch: Sein Laden bleibt der Mittelpunkt des Familienbetriebs. Und vielleicht ist diese greifbare Welt aus mit Glasnudeln, Currypasten und Winkekatzen vollgestellten Regalen auch der Grund für den Erfolg im Netz. Dass ein ganz normaler Asia-Markt hinter all dem steht.

Ein Ort, an dem der Restaurantbesitzer von der Prenzlauer Allee schnell noch ein paar Zutaten einkaufen kann, bevor er sein Lokal aufmacht. An dem der Seidentofu günstiger ist und besser schmeckt als im Nullachtfünfzehn-Supermarkt ein paar Straßen weiter.

An der Kasse sitzt Hungs Frau mit einem gewinnenden Lächeln, während die Mitarbeiter im Hintergrund beim Einräumen der Regale auf Vietnamesisch besprechen, was an diesem Tag noch zu tun ist.

Glückskekse dürfen in keinem Asia-Markt fehlen.

Glückskekse dürfen in keinem Asia-Markt fehlen.

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Diese Geschichte braucht kein Skript. Ich werde jetzt auf jeden Fall wieder öfter im Asia-Markt einkaufen. Auch wenn der Weg inzwischen weiter geworden ist.

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