Ibrahim Böhme, vor seiner Enttarnung als Stasi-Spitzel Hoffnungsträger der Ost-SPD, ist tot - bis zuletzt spielte er den Unschuldigen

Die Rollen seines Lebens

Renate Oschlies
3 Min

BERLIN, 22. November. "Hören Sie? Hören Sie s nicht klappern? Draußen vor der Tür. Das ist der Tod. Der Sensenmann. Er will rein. Aber ich lasse ihn nicht." Seit Jahren spielte Ibrahim Böhme Besuchern, die er trotz aller Zurückgezogenheit in seiner Hinterhofwohnung in der Chodowieckistraße in Prenzlauer Berg empfing, diese Szene vor. In der Nacht zum Montag ist Manfred Otto Böhme, der sich seit den 70er-Jahren Ibrahim nannte, in Neustrelitz gestorben. Er war 55 Jahre alt. Sein letztes halbes Jahr verbrachte Böhme, schwer krank, in Mecklenburg-Vorpommern, kaum einer von den alten Freunden aus der DDR-Opposition oder von den Gefährten, die mit ihm zusammen 1989 in der DDR die Sozialdemokratische Partei (SDP) gründeten, hatte noch Kontakt zu ihm. Zu groß waren die Enttäuschungen, die persönlichen Verletzungen, das totale Unverständnis über den Verrat: Mehr als zwanzig Jahre lang hatte sich Böhme in der Dissidentenszene zwischen Gera, Berlin und Neustrelitz gegen den totalitären Machtanspruch der SED und für Menschenrechte eingesetzt und hatte als Topspitzel der Stasi gleichzeitig die Freunde den Mächtigen ausgeliefert.Böhme war der begabte Redner und Organisator von oppositionellen Aktionen, protestierte gegen den Einmarsch des Warschauer Pakts in die CSSR, wurde mehrmals verhaftet, schlug sich als studierter Lehrer mit Hilfsarbeiten, als Friedhofsgärtner und als Sägewerker durch. Er solidarisierte sich öffentlich mit der polnischen Solidarnosc-Bewegung, begeisterte als Enthusiast unter den Regimegegnern, war wegen seiner offenen, liebenswürdigen Art allseits beliebt und arbeitete gewissenhaft, zuweilen mit vorauseilendem Gehorsam, zuweilen devot, immer aber ohne Skrupel, eiskalt die Aufträge der Stasi gegen seine Freunde ab. In Greiz, wo Böhme Kulturhausleiter war, beteiligte er sich an den perfiden "Zersetzungsmaßnahmen" gegen seinen Freund, den Dichter Reiner Kunze, den die Stasi 1978 zur Ausreise in den Westen zwang. "Ich bin zu keiner Zeit als Mitarbeiter für die Staatssicherheit tätig gewesen. Ich habe niemanden bespitzelt." Das beteuerte Böhme bis zu seinem Lebensende. Man konnte ihm Tausende von Seiten seiner Spitzelberichte vorlegen, oder ihm, wie die Autorin Birgit Lahann, die Tonbänder der Gespräche mit seinen Führungsoffizieren vorspielen, er antwortete nur: Das sei wohl seine Stimme, aber er habe das nicht gesagt. Böhme spielte alle Rollen seines Lebens mit Enthusiasmus, den SED-Kulturfunktionär ebenso wie den Dissidenten, den Geheimdienstler, den SPD-Spitzenkandidaten, den künftigen Ministerpräsidenten, als der er vor den Volkskammerwahlen 1990 gehandelt wurde, für kurze Zeit den weltläufigen Politiker, der am Abend mit Willy Brandt Wodka und Rotwein trinkt und am Morgen in Paris mit François Mitterrand den Kaffee nimmt. Bis zu seiner Enttarnung 1990. Da floh er in die Toskana, kehrte zurück in seine Hinterhofwohnung wo er alsbald begann, seine alten Rollen wieder aufzunehmen, sie endlos zu rezitieren, zu variieren. Als ihm nahe Stehende blieben nur die alten Leute im Haus, die sich, als er immer kränker wurde, um ihn kümmerten.Biografie ein Spiel. Böhme betrieb dieses Spiel bis zum Exzess. Angefangen von den Umständen seiner Geburt, die das einstige Adoptivkind mal nach Leipzig, bald nach Mexiko oder Sibirien verlegte, bis zu den Tragödien, die er anderen zufügte, die er selbst erlebte. Hat die Stasi ihn zu seinem schizoiden Leben getrieben, oder suchte sie sich bewusst Menschen wie ihn oder wie den Dichter Sascha Anderson, die mit ihrer Biografie, ihrem Leben nicht klarkamen?Ibrahim Böhme spielte mit den Rollen seines Lebens. Er kannte sie genau, aber er weigerte sich, sie zu einem, seinem ganzen Leben zusammenzufügen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Vielleicht war das seine Krankheit. Vielleicht ist er daran gestorben.

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