Girlpower

„Ich gehe jetzt für sechs Jahre in die Ferien“: Mädchen (9) besteht Schulabschluss mit 15-Jährigen

Neunjährige und das Brevet: Homeschooling mit 50er-Jahre-Büchern in Frankreich. Die Ergebnisse veröffentlicht die Académie de Grenoble am 10. Juli.

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Hoch hinaus: Während Gleichaltrige noch die Grundschule besuchen, stellt sich eine Neunjährige in Frankreich den Prüfungen des Brevet des collèges.

Hoch hinaus: Während Gleichaltrige noch die Grundschule besuchen, stellt sich eine Neunjährige in Frankreich den Prüfungen des Brevet des collèges.

© Berliner Zeitung

Aix-les-Bains – Manche Neunjährige stresst die Frage, ob es zum Nachtisch Pudding gibt. Agnès aus Savoyen hat sich für die Variante mit deutlich mehr Nervenkitzel entschieden.

Am 30. Juni saß das Mädchen im Prüfungssaal des Collège Garibaldi und schrieb das Brevet des collèges, Frankreichs ersten staatlichen Schulabschluss. Um sie herum: Vierzehn- und Fünfzehnjährige, die manche um 40 Zentimeter überragten.

Agnès ist neun Jahre und zwei Monate alt. Den anderen im Raum war sie damit rund fünf Jahre voraus.

Nervös war sie trotzdem nicht. „Beim Eiskunstlauf trete ich auch gegen die Größten an“, sagte sie der Regionalzeitung „Le Dauphiné Libéré“. Auf dem Eis läuft sie im Wettkampf, außerdem spielt sie Tennis und tanzt. Designerin will sie mal werden.

„Heute Abend gehe ich für sechs Jahre in die Ferien“

Nach der letzten Prüfung ging es zum Bowling. Auch dort schlug sie ihren Vater, dann verkündete sie grinsend: „Heute Abend gehe ich für sechs Jahre in die Ferien!“

Gemeint ist die Zeit bis zum nächsten großen Examen. Der Optimismus sitzt: Auf 18 von 20 Punkten tippt sie in Mathe, dieselbe Note peilt sie in Englisch an. Im Französischen gibt sie sich mit 14 bis 16 zufrieden.

Ob die Rechnung aufgeht, verrät die Académie de Grenoble am 10. Juli. Bis dahin ist Agnès offiziell nur Kandidatin, könnte danach aber als jüngste Absolventin in die französische Geschichte eingehen.

Schulbücher aus Omas Zeit – und ein bisschen KI

Der Weg dorthin führte über einen ziemlich altmodischen Umweg. Seit Corona unterrichtet die Mutter das Mädchen zu Hause, und zwar mit Mathe- und Französischbüchern aus den 1950er Jahren.

Für den Geschichtsstoff ließ die Familie sogar Lieder komponieren, mithilfe von Künstlicher Intelligenz. Nachkriegs-Lehrbuch trifft Sprachmodell – ein Aufeinandertreffen, das man erst mal sacken lassen muss.

Dahinter steckt eine Ansage von Vater Nicolas Baldeck. Er ist überzeugt, dass Schulen Kinder systematisch unterschätzen, und sagte dem „Dauphiné“, das heutige Brevet entspreche dem Niveau, das Neunjährige vor 50 Jahren erreichten.

Die Prüfung seiner Tochter nennt er „eine politische Geste“. Dem Portal „Savoie News“ sagte er, er wolle auf den „Zusammenbruch des schulischen Niveaus“ aufmerksam machen.

„Agnès ist kein Genie“

Bevor jetzt jemand ein Wunderkind vermutet, wiegeln die Eltern ab. „Agnès ist kein Genie“, stellen sie klar.

Das Mädchen bastelt Wollarmbänder und schaut Zeichentrickfilme, emotional sei sie wie jedes andere Kind. Ihr Erfolg sei kein Talent, sondern konsequentes Lernen mit anspruchsvollem Material.

Ganz allein ist Agnès mit ihrem Vorpreschen übrigens nicht: Schon 2024 soll in Frankreich ein ebenfalls neunjähriger Kandidat zum Abitur angetreten sein.

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Auch Deutschland streitet über sinkende Standards

Der Fall trifft einen Nerv, der auch hierzulande blank liegt. Laut einer Unicef-Studie erreichen in Deutschland nur noch rund 60 Prozent der 15-Jährigen eine Mindestkompetenz im Lesen und Rechnen.

Einzelne Bundesländer haben das schriftliche Teilen aus dem Grundschul-Lehrplan gestrichen, weil zu viele Kinder daran scheiterten.

Und in Bayern gab es beim jüngsten G9-Abitur so viele Einser wie nie, an manchen Schulen fast jeder Zweite. Bildungsforscher Klaus Zierer warnte bei BR24, gute Noten könnten Probleme eher verdecken. Philologenverbands-Sprecher Michael Schwägerl fasste es so: „Wenn jeder 1,0 hat, hat am Ende keiner eine 1,0.“

Ob Agnès mit ihren Fünfziger-Jahre-Büchern nun wirklich beweist, dass Schulen heute zu wenig verlangen, oder einfach ein außergewöhnlich diszipliniertes Kind ist, lässt sich ab Freitag nachrechnen. Um 14 Uhr kommen die Noten.

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