Über kaum eine andere Landtagswahl wurde in den vergangenen Jahren so umfassend berichtet wie über die Abstimmung in Sachsen-Anhalt. Schicksalswahl, Demokratietest, Richtungsentscheidung hieß es vorab. Medienvertreter aus ganz Deutschland und dem Ausland reisten nach Magdeburg. Schließlich stand weit mehr auf dem Spiel als die Frage, wer künftig ein Bundesland mit gut zwei Millionen Einwohnern regiert.
Erstmals hatte die AfD realistische Chancen, in einem Bundesland die absolute Mehrheit zu erringen. Mit Ulrich Siegmund hätte sie ihren ersten Ministerpräsidenten stellen können – ohne auf einen Koalitionspartner angewiesen zu sein. Gleichzeitig kämpfte die CDU nach fünf Jahren dramatischer Verluste um ihre bisherige Vormachtstellung. Aus einer Landtagswahl war so längst eine Abstimmung geworden, deren Folgen weit über Sachsen-Anhalt hinausreichen könnten.
Was nun?
Am Ende blieb der ganz große politische Einschnitt aus, zumindest vorerst. Die AfD wurde mit knapp 44 Prozent mit gewaltigem Abstand stärkste Kraft, verfehlte aber die absolute Mehrheit der Sitze. Die CDU stürzte auf 17,2 Prozent ab. Auch CDU, SPD, Grüne und Linke kommen zusammen nicht auf eine regierungsfähige Mehrheit. Eine entscheidende Rolle könnte deshalb ausgerechnet dem BSW zufallen, das entgegen den letzten Umfragen den Einzug in den Landtag geschafft hat.
Noch in der Wahlnacht wurde gerechnet, spekuliert und über mögliche Bündnisse gesprochen. Minderheitsregierung, wechselnde Mehrheiten, eine Zusammenarbeit der bisherigen Parteien oder sogar einzelne Abgeordnete, die ihre Fraktion verlassen. Plötzlich erscheinen Konstellationen denkbar, die wenige Tage zuvor noch kaum jemand ernsthaft diskutiert hätte.
Mittlerweile kehrt in Magdeburg der Alltag zurück. Am Domplatz räumen Polizisten die Sicherheitsabsperrungen weg, die Kamerateams bauen ab. Die Wahl ist vorbei. Was sie für Sachsen-Anhalt bedeutet, darüber gehen die Meinungen schon wenige Meter weiter weit auseinander.
Am Tag nach der Landtagswahl verlädt ein Polizist einen Poller. Die Sicherheitsmaßnahmen werden zurückgefahren.
© Alexander Schumann für Ostdeutsche Allgemeine
Trotzdem ist die Wahl Gesprächsthema Nummer eins. „Ich habe keine Angst“, sagt eine Supermarktkassiererin. Sie hofft, dass sich nun „etwas ändert“. Ganz anders sieht das Sandra. Die Mitvierzigerin ist mit ihrer Nichte auf den Spielplatz gegangen. „Ich bin traurig, enttäuscht und schäme mich für mein Bundesland“, so die Magdeburgerin. Sie hofft, dass „der Spuk in fünf Jahren wieder vorbei ist“.
Flop-Plakat des Wahlkampfes: Was will die Regieurngspartei FDP eigentlich ändern?
© Alexander Schumann
Sandra ist „traurig und enttäuscht“ angesichts des Wahlergebnisses: Die Magdeburgerin macht sich Sorgen um die Zukunft.
© Alexander Schumann für Ostdeutsche Allgemeine
Hoffnung auf Wandel, Sorge vor der Zukunft
An der Magdeburger Staatskanzlei herrscht gespenstige Stille. Auf der Grünfläche surrt ein Rasenmähroboter. Das Gebäude wirkt verlassen. Dem Vernehmen nach sind nur die Pressesprecherin und ihr Team da. Vertreter der bisherigen Landesregierung müssen die Wahlnacht wohl erst noch verdauen. Vor dem Gebäude kommen wir mit einem Pärchen aus der Oberpfalz ins Gespräch. Sie sind besorgt, dass das Wahlergebnis auf ganz Deutschland ausstrahlen könnte. Ratlos blicken sie auf die Wahl.
Die Staatskanzlei im Magdeburg, der Regierungsiz des Ministerpräsidenten.
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Im Biergarten treffen wir eine weitere Sandra. Die Friseurmeisterin aus Bielefeld ist mit ihrer Ehefrau in die Ottostadt gereist, um ein paar glückliche Tage mit den Schwiegereltern zu verbringen. Das Wahlergebnis stimmt sie nachdenklich. „Ich habe Angst, dass Menschen, die in gleichgeschlechtlichen Ehen leben, nun mit Repressionen rechnen müssen.“ Insbesondere eine mögliche Änderung des Erb- und Adoptionsrechts macht ihr Sorgen.
Sandra ist mit ihrer Ehefrau und dem gemeinsamen Hund Jumper zu Besuch in Magdeburg. Sie blickt auf die Wahl mit gemüschten Gefühlen.
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Am Montagnachmittag kamen auch die „Omas gegen rechts“ zusammen. Im Evangelischen Bildungswerk gegenüber der Staatskanzlei haben sich die Aktivisten zum Plenum verabredet. „Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht“, sagte eine Oma gegen rechts. Sie und ihre Mitstreiter müssen den Wahlausgang erst noch verarbeiten.
Blick in den Fuhrpark der Staatskanzlei: Lädt hier der neue Dienstwagen von Ulrich Siegmund?
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Später treffen wir Karl. Der junge Mann sitzt in einem Restaurant in der Altstadt und trinkt Bier. Dabei liest er ein Fachbuch über Wirtschaft. „Ich bin unpolitisch“, sagt er von sich. „Leben und leben lassen.“
Karl ist unbeidnruckt vom Wahlergebnis: Er sei unpolitisch, erklärt er.
© Alexander Schumann für Ostdeutsche Allgemeine
Die AfD ist deshalb so stark, weil Parteien wie CDU und SPD ununterbrochen an der Macht sind, sagt ein Vater, der einen Kinderwagen schiebt. Er analysiert: „Vor jeder Wahl haben diese Parteien viel versprochen und versucht, Aufbruchstimmung zu verbreiten.“ Irgendwann hätten die Leute dies nicht mehr geglaubt. Trotzdem hätte er sich einen anderen Wahlausgang erhofft.
Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: AfD gewinnt Wahl laut Hochrechnungen
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Wer mit wem am Ende regiert, wird sich in den nächsten Tagen abzeichnen. Während die einen auf Veränderung drängen, blicken andere mit Sorge auf eine ungewisse Zukunft. Die Regierungsbildung dürfte wohl zum Kraftakt werden, Überraschungen sind möglich.
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