Uglymeter

„Wir kaufen Ihr Auto“: Berlins nervigste Visitenkarten – das steckt dahinter

Wer die angegebene Telefonnummer anruft, landet bei einem Autohändler mit merkwürdigen Preisvorstellungen. Ein Selbstversuch.

3 Min
Albtraum aller Berliner Autofahrer: Die Visitenkarte eines Gebrauchtwagenhändlers steckt an einer Seitenscheibe.

Albtraum aller Berliner Autofahrer: Die Visitenkarte eines Gebrauchtwagenhändlers steckt an einer Seitenscheibe.

© Michael Dahlke/Imago

Ich habe einfach mal angerufen. Die Telefonnummer stand auf einer der Visitenkarten, die in meiner Straße an den Seitenscheiben geparkter Autos steckten. Das tun sie immer wieder, regelrecht gewohnheitsmäßig.

Irgendwer fummelt die glänzenden Pappdinger zwischen Gummidichtung und Glas. Und irgendwer fummelt sie wieder heraus. Wahrscheinlich die Eigentümer des jeweiligen Fahrzeugs. So liegen sie dann auf dem Boden und treten sich fest. Nicht die Eigentümer, die Pappdinger.

„Wir kaufen Ihr Auto“: Angebot oder Drohung?

Die Farben der Karten wechseln. Mal ist der Hintergrund blutrot, mal hellblau. Dieser hier war dunkelgelb, aufgedruckt der Satz: „Wir kaufen Ihr Auto.“ Die Formulierung klang eher nach einer Drohung als nach einem freundlichen Übernahmeangebot.

Einmal habe ich einen der Kartenreinfummler auf frischer Tat ertappt. Die Frage nach seinen Hintermännern blieb aufgrund der Sprachbarriere unbeantwortet. Nach einer ebenso kurzen wie erfolglosen Unterhaltung entschloss ich mich nun, die angegebene Mobilnummer auszuprobieren, das Smartphone auf anonym gestellt, versteht sich. Ich konnte ja nicht wissen, wo ich landen würde.

Die Nummer deutete zwar auf das deutsche Mobilfunknetz hin, die Person am anderen Ende klang allerdings eher nach Callcenter in einem fernen osteuropäischen Land. Ich teilte ihr mit, dass ich ein Auto zu veräußern gedachte, nannte auf Nachfrage Marke und Modell, das Baujahr, die Laufleistung sowie den nächsten TÜV-Termin.

Die Person schien die Schwacke-Liste auswendig gelernt zu haben. Jene Datenbank, die hierzulande über den Restwert gebrauchter Fahrzeuge Auskunft gibt. Vielleicht handelte es sich bei der Stimme aber auch nur um einen von osteuropäischen IT-Spezialisten programmierten Bot. Jedenfalls konfrontierte sie mich ohne Umschweife mit einer Summe: 900 Euro. Ich verlangte 1500 Euro. Es lief wie von mir geplant, wir kamen zu keinem Abschluss. Die Person beendete das Gespräch abrupt.

Die Geschäfte laufen vermutlich nicht besonders g ut

Angesichts der ausbaufähigen Preisvorstellungen können die Geschäfte dieser Gebrauchtwagenhändler nicht sonderlich gut laufen. Das würde ihre Strategie erklären, die Stadt massenhaft mit ihren Nervkarten zu überziehen, nach dem Motto: Unter den abertausenden Autobesitzern wird schon jemand zu finden sein, der sich in finanzieller Zwangslage oder einem Zustand geistiger Umnachtung befindet.

Wieviele Kubikmeter dieser Art Kaufersuchen in Berlin jährlich anfallen, hat die Abfallwirtschaft aus nachvollziehbaren Gründen nicht erfasst. Einige tausend dürften da  zusammenkommen. Immerhin können die Visitenkarten über die blaue Papiertonne dem Recycling zugeführt werden. Doch wer macht sich schon die Mühe?

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Allein der Umwelt zuliebe müsste den Visitenkartenterroristen also das Handwerk gelegt werden. Zumindest sei ihnen klipp und klar in Behördendeutsch gesagt: „Das Anbringen von Werbematerial an Kraftfahrzeugen, etwa an Windschutzscheiben oder Spiegeln, ist ausdrücklich nicht genehmigungsfähig, weil sich bei dieser Verteilform die zu erwartende Verschmutzung objektiv nicht beseitigen lässt.“ Gemacht wird es trotzdem.

Das ist kein Spaß, aber vielleicht mache ich mir trotzdem einen draus, wenn in meiner Straße die nächste Runde Nervkarten ausgegeben wird. Diesmal bin ich es dann, der das Telefongespräch beendet. Und zwar frei nach einem kultigen Werbespot für Cappuccino von 1992, mit italienischem Akzent: „Isch ’abe gar keine Auto!“

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