Herr Meine, nach dem Auslaufen der Abwrackprämie wird es für die Autobauer enger werden. Die Nachfrage nach Neuwagen sinkt, und das belastet die Konzerne. Trotzdem fordert die IG Metall für die VW-Mitarbeiter satte Lohnerhöhungen. Ist das in dieser Situation durchsetzbar?Ja, weil Volkswagen in dieser Wirtschaftskrise eine Ausnahmestellung hat und sogar Marktanteile gewinnt. Der Laden brummt. Deshalb heißt unsere Forderung, wir wollen mindestens denselben Abschluss wie in der übrigen Automobil- und Metallindustrie. Dort wurden Ende 2008 Lohnsteigerungen von zwei Mal 2,1 Prozent und zwei Sonderzahlungen vereinbart. Unterhalb dessen wird die IG Metall nicht abschließen. Es ist den Beschäftigten nicht zu vermitteln, dass sie weniger haben sollen als Beschäftigte von Audi oder Porsche.Die Ausgangslage ist inzwischen überholt. Für 2010 erwarten Experten ein hartes Jahr. Kann da der alte Abschluss noch als Vorbild gelten?Ich denke ja. Es wird zwar auch bei Volkswagen ein anspruchsvolles Jahr, aber einen dramatischen Einbruch wird es nicht geben. Schon jetzt hat der Konzern eine stabile Auslastung bis ins erste Halbjahr hinein. Die Abwrackprämie, von der VW profitiert, läuft in anderen EU-Ländern weiter und wird den Absatz fördern.Mit einem solchen Ergebnis wäre das Gehaltsniveau bei VW wieder deutlich höher als in der Branche.Nach der Tarifrunde 2006 ist der eigenständige VW-Haustarifvertrag auf dem Niveau des Flächentarifvertrages - vielleicht einen Schnaps besser. Das kann sich Volkswagen leisten. Wir ziehen mit den 4,2 Prozent nur nach und liegen dann auf demselben Niveau wie Daimler oder Audi. Dadurch werden gleiche Wettbewerbsbedingungen hergestellt.Neben der Lohnerhöhung fordern Sie die Zusage, pro Jahr 1 250 Auszubildende einzustellen und eine Verlängerung der betrieblichen Altersteilzeitregelung. Warum ist Ihnen das wichtig?Die Arbeitsbedingungen sind viel zu hart, um bis zur gesetzlichen Rente durchzuhalten. Das ist bei Volkswagen jedem Beschäftigten klar. Das ist schon jetzt so, erst recht hält keiner bis 67 durch. Gleichzeitig haben bei Wiederbesetzung des Arbeitsplatzes junge Menschen die Chance auf ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Wenn der Gesetzgeber die geförderte Altersteilzeit fortschreiben würde, hätten wesentlich mehr junge Menschen die Chance auf einen Arbeitsvertrag. Die Altersteilzeit wirkt wie eine Beschäftigungsbrücke, von der alle profitieren. Auch Volkswagen hat so den Vorteil einer ausgewogenen Altersstruktur.Umgekehrt fordert VW in den Verhandlungen, die 90 000 Beschäftigten künftig stärker nach ihrer Leistung zu bezahlen.Im Gespräch sind Beurteilungen durch Vorgesetzten anhand von festgelegten Kriterien wie Qualifizierungen. Wir können uns eine Prämie vorstellen, legen aber Wert darauf, dass diese zusätzlich bezahlt wird. Nicht wie VW sich das erhofft, dass Teile des tariflichen Lohns variabel gestaltet werden.Sie drohen mit Warnstreiks, wenn es bei den heutigen Verhandlungen zu keinem Ergebnis kommt. Ist eine Streikdrohung in solchen Krisenzeiten überhaupt geeignet, das Management zu beeindrucken?Auf jeden Fall - die Händler rufen im Moment nach Fahrzeugen. In Wolfsburg werden Sonderschichten gefahren. Wenn wir dort Warnstreiks machen, ist das ein erhebliches Druckpotenzial. Das würde Volkswagen richtig weh tun. Ich sehe aber eine Chance, dass wir zu einem Ergebnis kommen.Die VW-Mitarbeiter sollen nach Ihrer Vorstellung auch direkt am Konzern beteiligt werden. Wie stark soll diese Beteiligung ausfallen?Das hat nichts mit der Tarifrunde zu tun. Darüber sprechen wir jetzt nicht. Anschließend werden in der nächsten Zeit dazu Gespräche der Arbeitnehmerseite mit dem Unternehmen geführt.Ergeben sich dann nicht Interessenkonflikte bei kommenden Tarifauseinandersetzungen? Schließlich werden die Beschäftigten dann auch auf den Aktienkurs schauen.Eine mögliche Arbeitnehmerkapitalbeteiligung heißt nicht, dass der Einzelne die Aktien in den Händen hält. Nur eine Bündelung macht Sinn. Aber wie gesagt, über eine mögliche Arbeitnehmerkapitalbeteiligung sprechen wir in der Tarifrunde nicht. Das Tarifentgelt ist für die Beschäftigten entscheidend.Die Übernahme von Porsche durch VW hat die ganze Republik in Atem gehalten. In letzter Zeit hört man aber nur noch wenig über die Integration von Porsche. Herrscht zwischen den Belegschaften jetzt eitel Sonnenschein?Zwischen den Belegschaften gab es keine wirklichen Differenzen. Bei dem Übernahmeversuch durch Porsche hatten die Allmachtfantasien des Konzernchefs Wendelin Wiedeking bei den VW-Beschäftigten Befürchtungen ausgelöst. Nach dem Ausscheiden von Herrn Wiedeking wollen beide Seiten dieses Zusammengehen, auch die Familien Porsche und Piëch. Der Streit ist beendet, und alle Beteiligten gucken jetzt nach vorne. Wir rücken zusammen. Der integrierte Automobilkonzern ist auf einem guten Weg.In dem Zulieferer Magna sieht VW nach dem Opel-Deal zunehmend einen Konkurrenten. Werden demnächst die Komponenten, die bei Magna geordert werden, von VW selbst hergestellt werden?Zulieferer sind in die Terminplanungen der Automobilhersteller in der Regel eingebunden. Die Sorge ist groß, dass sich das bis zu Opel herumsprechen könnte. Deswegen sind mehrere Automobilhersteller beunruhigt.Das Gespräch führte Ruprecht Hammerschmidt.------------------------------Foto: Hartmut Meine (57) ist Bezirksleiter der IG Metall für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Er führt die Verhandlungen der Gewerkschaft für die VW-Beschäftigten.Foto: Lager-Turm für Neuwagen von Volkswagen: Der Konzern kam in der Krise bisher glimpflich davon.
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