Wenn trockenes Laub unter den Schuhen raschelt und die Abende kühler werden, beginnt für den Igel der Wettlauf gegen die Zeit. Während die meisten Menschen sich auf den Herbst einstellen, muss er sich noch eine wichtige Reserve anfressen: Fett für den Winter.
Doch ausgerechnet jetzt verändert sich die Landschaft. Felder werden gemäht und abgeerntet, Gärten aufgeräumt, Hecken zurückgeschnitten. Dabei verschwinden nicht nur Verstecke und Nahrung. Mähmaschinen und andere landwirtschaftliche Geräte können für Wildtiere zur tödlichen Gefahr werden. Igel, Feldhasen und Rehkitze suchen gern in hohem Gras und auf Wiesen Deckung – und können bei den Arbeiten verletzt oder getötet werden.
Wie groß die Landwirtschaft in der Region ist, zeigen die Zahlen: 2023 gab es in Brandenburg rund 5370 landwirtschaftliche Betriebe, in Berlin 46. Auf Brandenburger Feldern wachsen vor allem Getreide und Futterpflanzen. Auch Spargel, Einlegegurken, Kürbisse und Möhren gehören zu den wichtigen Erzeugnissen. In Berlin wird auf den vergleichsweise kleinen landwirtschaftlichen Flächen ebenfalls Getreide angebaut; ein großer Teil des Grünlands dient der Futtergewinnung.
In Petershagen/Eggersdorf zeigt die Igelstation Stachelkugel, was passiert, wenn Tiere den Eingriffen in ihren Lebensraum nicht entkommen. Dort werden verletzte Igel versorgt – und die Folgen sichtbar, die hinter den aufgeräumten Feldern und Gärten oft verborgen bleiben.
Nachts auf Futtersuche: Warum es für Igel eng wird
Der Igel ist ein nachtaktiver Einzelgänger, der sich meist erst mit Einbruch der Dämmerung aus seinem Versteck wagt. Kaum wird es dunkel, begibt er sich auf Nahrungssuche und durchstreift Gärten, Hecken und Wiesen auf der Suche nach Käfern, Würmern und anderen Kleintieren.
In einer Nacht kann ein Igel zwischen 150 und 200 Gramm Nahrung aufnehmen. Doch Futter zu finden, wird schwieriger: Der Rückgang vieler Insektenarten und der Verlust naturnaher Lebensräume schränken das Angebot ein. Davon sind nicht nur Igel betroffen. Auch zahlreiche Vogelarten und andere Tiere sind auf Insekten als Nahrung angewiesen.
Als Kulturfolger hat sich der Igel an die Nähe des Menschen angepasst. Naturnahe Gärten und Grünflächen können ihm Nahrung und Unterschlupf bieten. Wer helfen möchte, lässt Laub liegen, pflanzt heimische Gewächse und schafft geschützte Rückzugsorte. In besonderen Situationen kann zusätzliches Futter sinnvoll sein – etwa hochwertiges, ungewürztes Katzenfutter mit hohem Fleischanteil. Es sollte jedoch eine Ergänzung bleiben und die natürliche Nahrungssuche nicht ersetzen.
Die Station des Stachelkugel e.V. von außen. Der Eingang führt zur Igelrettungsstation.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Der Herbst beginnt – und für den Igel wird es eng
Die Verletzungen, die in der Igelstation behandelt werden, erzählen auch davon, wie schwer es für die Tiere geworden ist, sich in ihrer Umgebung zu bewegen. Ein Igelrevier endet nicht an der Grundstücksgrenze: Nachts streift das Tier auf der Suche nach Nahrung durch mehrere Gärten und Grünflächen. Mauern und geschlossene Zäune können diese Wege unterbrechen. Um zum nächsten grünen Fleck zu gelangen, bleibt dann oft nur die Straße.
Der Verkehr gehört zu den häufigsten Gefahren für Igel. Besonders in der Dämmerung und nachts, wenn die Tiere unterwegs sind, werden Straßen zu gefährlichen Barrieren. Der LBV weist darauf hin, dass Igel auf ihren Streifzügen weite Gebiete durchqueren und dabei häufig Straßen überqueren müssen.
Damit ein Garten dem Igel dauerhaft hilft, braucht es deshalb mehr als Futter und ein Versteck. Wichtig ist auch, dass er erreichbar bleibt: Ein Durchgang im Zaun kann den Weg in den Nachbargarten öffnen und aus einzelnen Grünflächen einen zusammenhängenden Lebensraum machen. So entscheidet sich oft schon an der Grundstücksgrenze, ob der Igel seine nächtliche Suche fortsetzen kann – oder auf eine gefährliche Strecke gerät.
Igel in Not: Darum benötigen die Tiere jetzt die Aufmerksamkeit der Berliner
Stachelkugel-Helfer: Der Igel rollt sich ein
Die Helfer vom Verein Stachelkugel erleben immer wieder, dass Igel durch Mähmaschinen schwer verletzt oder getötet werden. „Der Igel ist sich bewusst, wenn Gefahr auf ihn zukommt, bloß rennt er nicht weg, er rollt sich ein und hofft, dass alles gut wird. Er ist eben kein Fluchttier“, erklärt Romy Schneider, die ehrenamtlich für den Stachelkugel e.V. arbeitet.
Stachelkugel ist ein gemeinnütziger Verein in Petershagen/Eggersdorf östlich von Berlin, der sich der Pflege und Rettung hilfsbedürftiger Igel verschrieben hat. Auf einem großen, naturbelassenen Grundstück finden die Stacheltiere einen geschützten Ort, an dem sie versorgt und auf ihre Rückkehr in die Freiheit vorbereitet werden.
Unterstützt wird der Verein von derzeit 38 engagierten Menschen auf der Station. Rechnet man das gesamte Netzwerk mit den Päppelstellen, Tiertaxis und dem Präventionsteam hinzu, umfasst der Verein gegenwärtig rund 120 Helferinnen und Helfer. Stachelkugel versorgt mittlerweile mehr als 400 Igel im Jahr. Dabei arbeitet das Team eng mit wildtierkundigen Tierärzten zusammen und orientiert sich an bundesweiten Standards und Pflegeempfehlungen.
Zwei kleine Igel standen am Anfang von Stachelkugel e.V. Im Herbst 2020 nahmen die Helfer die Tiere auf. Als sie im Frühjahr 2021 wieder in die Freiheit entlassen werden konnten, war für die Beteiligten klar: Sie wollten weitermachen. Aus der ersten Pflege wurde eine dauerhafte Aufgabe. Heute hilft der Verein mit Erfahrung, Zeit und großem ehrenamtlichem Einsatz verletzten und geschwächten Igeln.
Wie sehr Mäharbeiten den Alltag der Igelhilfe prägen, zeigen die Fälle, die bei den Helfern ankommen. Die Berliner Zeitung hat mit der Vereinsgründerin Steffi Schwabe sowie den ehrenamtlichen Mitarbeitern Dan Herrmann und Romy Schneider darüber gesprochen, was sie erlebt haben, welche Folgen Mäharbeiten für Igel haben und wie sich die Tiere besser schützen lassen.
Stephan und Steffi Schwabe auf ihrem Grundstück, auf dem sich auch die Auffangstation des Vereins befindet. Als die beiden ersten Igel im Frühjahr 2021 wieder in die Freiheit entlassen werden konnten, war für sie schnell klar: Sie wollen noch mehr Tieren helfen.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Warum die Ernte für Igel tödlich enden kann
„Die geschredderten Igel sehen wir hier leider einfach viel zu häufig“, sagt Steffi Schwabe.
Für sie ist deshalb klar, dass die kleinen Tiere nicht nur medizinische Versorgung brauchen. Liebe und Empathie seien für sie genauso wichtig. Auf der Station versuchen die Helfer, den Igeln genau das zu geben und ihnen zu vermitteln, dass sie beim Menschen Schutz finden können.
Dan Herrmann erinnert sich besonders an einen Fund im Wuhletal: Dort seien eine Igelmutter und ihre drei Jungtiere nach Mäharbeiten tot aufgefunden worden. Die Wiesen würden seiner Einschätzung nach ohnehin kaum genutzt und könnten deshalb ein Rückzugsort für Tiere sein. „Es wäre nicht so schlimm, wenn die Wiese ein bis zwei Zentimeter höher wachsen würde“, sagt er.
Romy Schneider beschäftigt vor allem das Schicksal überlebender Jungtiere. Wenn sie bei Mäharbeiten ihre Mutter und Geschwister verlieren, fehlt ihnen nicht nur die Familie. Auch wichtige Erfahrungen, die sie von ihrer Mutter lernen, können sie nicht mehr sammeln. Eine Pflegestelle kann diese natürliche Prägung nur begrenzt ersetzen.
In der Station werden nicht nur körperlich verletzte Igel versorgt. Schwabe möchte auch dafür sensibilisieren, dass die Tiere leiden und seelische Belastungen davontragen können. „Wir können zwar die Wunden heilen und das Tier wieder gesund machen, aber wir haben hier auch ganz viele Tiere, die von solchen Situationen einfach traumatisiert sind.“ Wie gut ein Igel die Folgen übersteht, hängt laut Schwabe auch von seinem Alter und dem Entwicklungsstand ab: „Je kleiner der Igel und je weniger Muttermilch der kleine Igel bekommen hat, desto geringer sind seine Überlebenschancen“, erklärt die Vereinsgründerin.
Igelmutter trauerte um den Verlust
Die Erinnerung an die Igelmutter Hannah geht Steffi Schwabe bis heute nahe. Sie hatte drei Junge. Bei Mäharbeiten kamen sie ums Leben; Hannah überlebte zunächst. Sie habe erlebt, wie sehr der Verlust die Mutter belastete, berichtet Schwabe. Trotz aller Bemühungen konnte auch Hannah nicht gerettet werden.
Schwabe wünscht sich, dass Menschen Tieren mit mehr Empathie begegnen und nicht nur das verletzte oder getötete Tier sehen. „Wenn wir einfach mal kurz reinfühlen, das würde vieles ändern“, sagt sie.
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Der Igel ist auf der Roten Liste angekommen
Wie viele Igel jedes Jahr bei Mäharbeiten sterben, lässt sich nicht verlässlich beziffern. Viele Tiere werden nie gefunden. „Wir bekommen die Igel hier zu sehen, die sich tagaktiv in irgendwelche Gärten schleppen. Wir wissen aber nicht, wie viele sich in die Hecken schleppen und dort sterben“, sagt Steffi Schwabe.
„Wenn man einfach drunterschaut und sieht, dass sich da ein paar Blätter oder Stöckchen zusammengefunden haben, dann lässt man es einfach da liegen, weil es ein gutes Zeichen dafür ist, dass da ein Igel wohnt“, ergänzt Romy Schneider.
Auch die bundesweit verfügbaren Zahlen zeigen nur einen Ausschnitt. Das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung wertete 370 dokumentierte Fälle von Schnittverletzungen durch elektrische Gartengeräte aus. Fast die Hälfte der zwischen Juni 2022 und September 2023 gefundenen Tiere überlebte die Verletzungen nicht. Die Forscher vermuten eine hohe Dunkelziffer, weil viele verletzte oder tote Igel unentdeckt bleiben. Die Zahlen beziehen sich auf elektrische Gartengeräte, nicht auf sämtliche Mäh- und Erntearbeiten.
In der Igelstation erkundet ein Igel neugierig die Umgebung.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Zwischen Hoffnung und Leid: Wie Igel gerettet werden
Wie ein Igel versorgt wird, hängt davon ab, in welchem Zustand er in der Station ankommt. Bei Schnittverletzungen prüfen die Helfer zunächst, wie schwer die Wunden sind und welche Behandlung nötig ist. Reicht die Versorgung vor Ort nicht aus, ziehen sie einen Tierarzt hinzu.
Besonders kritisch ist der Zustand traumatisierter Tiere. Sie können auskühlen und müssen behutsam aufgewärmt werden. Je nach Befund bekommen sie außerdem Infusionen. Erst wenn ein Tier stabil genug ist, geht es darum, es wieder zu Kräften zu bringen. Dafür setzen die Helfer hochkalorische Aufbaunahrung ein, etwa geeignetes, hochwertiges Katzenfutter, und ergänzen sie bei Bedarf mit Vitaminen. „Wir versuchen, sie aus der Situation, in der sie sich gerade befinden, zu stabilisieren“, sagt Steffi Schwabe.
Doch nicht jeder Igel überlebt. Manche Tiere kommen so schwer verletzt in der Station an, dass ihnen nicht mehr geholfen werden kann. Ist ein Igel bereits verendet, empfiehlt Schwabe, ihn an einem geschützten Ort, etwa unter einer Hecke, abzulegen und so in den natürlichen Kreislauf zurückzugeben. Ob ein verletztes Tier eine Chance hat, hängt vor allem vom Ausmaß der Verletzungen ab. „Ob Gliedmaßen abgetrennt werden, Schnauzen aufgeschlitzt werden oder auch ganze Gesichter fehlen – wir sehen hier alles“, erzählt Schwabe.
Manchmal sind die Verletzungen so schwer, dass ein Igel zwar noch lebt, aber keine Aussicht auf Heilung besteht. „Wir sehen hier furchtbare Verletzungen, während der Igel uns ansieht und noch am Atmen ist“, sagt Schwabe. Umso dankbarer sei das Team, wenn ein Tierarzt das Leiden beenden könne.
Die Versorgung kostet Geld: Medikamente, Futter und das nötige Material müssen bezahlt werden. Möglich wird die Arbeit des Vereins durch die Hilfe vieler Menschen. „Ohne Spender oder Unterstützung könnten wir uns unsere Arbeit hier nicht leisten“, so der Verein.
Drei Igel, die gerade in der Dämmerung aufgewacht sind und ihre Umgebung erkunden. Bei dem Igel in der Mitte kann man eine Kopfverletzung erkennen.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Es gibt Möglichkeiten, die Igel zu schützen
Dan Herrmann weiß, dass sich nicht jeder für den Schutz der Igel gewinnen lässt. Manche zeigten wenig Verständnis, andere scheuten den Aufwand, genauer hinzusehen. Umso wichtiger sei Aufklärung. „Aufklärung ist hier aber das A und O“, sagt er.
Auch Steffi Schwabe setzt auf mehr Achtsamkeit – und auf Präventionsarbeit mit Kindern. „Wir arbeiten viel mit Kindern zusammen, weil Kinder noch die Beziehung zur Natur haben“, sagt sie. Viele Erwachsene hätten diesen Bezug verloren. Bei Kindern dagegen lasse sich das Bewusstsein für die Tiere noch stärken.
Bei Mäharbeiten spielt nach Einschätzung der Vereinsmitglieder häufig auch Zeitdruck eine Rolle. „Der Arbeiter macht am Ende bloß das, was der Chef ihm sagt“, sagt Schwabe. Der Verein habe Landschaftspflegefirmen bereits mehrfach eingeladen, sich in der Station selbst ein Bild von den Folgen für die Igel zu machen. Die Einladungen seien jedes Mal abgelehnt worden.
Schwabe sieht Möglichkeiten, die Tiere besser zu schützen: Flächen ließen sich vor dem Mähen mit Wärmebildkameras oder Suchhunden absuchen, auch mehrere Personen könnten sie kontrollieren. Doch zusätzlicher Aufwand koste Zeit und Geld. „Es sind Dienstleistungsunternehmen, heißt: Zeit ist Geld. Und ich glaube nicht, dass da noch ein Gedanke zum Schutz der Tiere übrig bleibt.“
Wie kontrovers das Thema sein kann, hat Schwabe selbst erlebt. Nachdem sie sich in einem Ortsblatt kritisch zu Mährobotern geäußert hatte, hätten sich zahlreiche Leser bei ihr beschwert. „Mein Handy klingelte Sturm, wo sich Leute bei mir beschwerten, wie ich bloß so schlecht über Mähroboter sprechen könnte“, erinnert sie sich.
Auch kleine Maßnahmen können helfen. Romy Schneider empfiehlt, eine flache Schale mit Wasser aufzustellen, wenn eine Igelfamilie im Garten vermutet wird. Davon profitierten auch andere Tiere. „Am Ende kommen da aber nicht nur die Igel, sondern alles, was Durst hat – Insekten, Eichhörnchen oder auch die Igel, und das ist doch was Schönes“, sagt sie.
Für Schwabe und ihr Team ist die Versorgung der Tiere längst zum Alltag geworden. Der Tagesablauf richtet sich nach den kleinen Schützlingen. „Der ganze Tagesablauf dreht sich bloß darum: Wie geht es den Igeln?“, erzählt sie.
Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Stachelkugel e. V. hält einen Igel in der Hand.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Ein kurzer Blick unter die Hecke reicht manchmal
Was kann man gegen das Igelsterben tun? Bevor die Mähmaschinen anrücken, können Drohnen die Flächen absuchen und Tiere aufspüren, sagen die Igel-Helfer. Für Steffi Schwabe ist das ein entscheidender Schritt: Die Kontrolle schützt Wildtiere und gibt den Landwirten zugleich Sicherheit, dass sie mit der Mahd beginnen können. Auch viele Bauern unterstützten den Einsatz, sagt sie. „Es ist eine wahnsinnige Unterstützung, dass die Felder mit Drohnen vorher abgesucht werden, und dann können sie entspannt mähen.“
Schwabe wünscht sich, dass solche Erfahrungen künftig über die Station hinaus genutzt werden. Stachelkugel e.V. könne dazu beitragen, den Schutz von Wildtieren besser zu organisieren und ehrenamtliche Pflegestellen zu entlasten, sagt sie. Denn jedes Tier, das rechtzeitig entdeckt und vor den Mäharbeiten in Sicherheit gebracht wird, muss später nicht in einer Station versorgt werden. „Das würde die gesamte ehrenamtliche Wildtierrettung wahnsinnig entlasten“, sagt die Igel-Retterin.
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