Wenn Politiker vor sich hinkungeln, Pläne aushecken oder sich ewige Treue versprechen, dann muss meistens schnell ein Name her. Netzwerker heißt etwas einfallslos so eine Truppe bei der SPD. Bei der CDU gibt es immerhin den weltläufig klingenden Anden-Pakt, dessen Mitglieder allerdings aus der deutschen Provinz nicht mehr herauszukommen scheinen. Auch die Einstein-Runde, die im vergangenen Jahr im gleichnamigen Café gegründet wurde und dem Konservatismus in der Union Auftrieb geben sollte, ist schnell wieder eingeschlafen. Etwas mehr Aktualität hat inzwischen die Pizza-Connection, zu der sich Unions- und Grünen-Politiker vor über zehn Jahren in Bonn zusammenfanden. Und gemessen an der öffentlichen Aufregung, die sie verursacht hat, muss sich nun auch die Truppe, die sich vor ein paar Wochen im Walden zum Abendessen getroffen hat, einen Namen geben oder geben lassen.Es war eine rot-rote Tischgesellschaft. Weil die SPD seit Monaten hin und her überlegt, ob und wie sie nun mit der Linkspartei regieren kann oder nicht, wird so ein Treffen aufmerksam registriert. Zur selben Zeit kam die Spekulation auf, dass Andrea Nahles darauf hinarbeite, sich mit den Stimmen der Linken zur Bundeskanzlerin wählen zu lassen. Ob das schon so konkret besprochen wurde an diesem Frühsommerabend im Walden, ist ungewiss, genauso wie die Essensvorlieben der angeblichen Verschwörer. Kartoffelpuffer sind die Spezialität des Hauses. Kartoffelpuffer-Seilschaft klingt allerdings wenig bedrohlich.Klar ist, dass im hinteren Raum des Lokals ein Strauß roter Stoffnelken in einer Vase steht. Das muss ein Hinweis sein auf Revolution. Direkt daneben steht ein altes Schild mit der Aufschrift "Bitte die Tischordnung einhalten". Das ist kein Widerspruch.Und ist nicht das Walden benannt nach dem Roman von Henry David Thoreau? Thoreau schildert darin seinen Versuch des Rückzugs auf einen alternativen Lebensstil, um "dem wirklichen Leben näher zu treten". Gandhi hat sich auf Thoreau berufen und die 68er. Da haben wir es.Vielleicht sind SPD und Linkspartei aber einfach auch nur ins Walden gekommen, weil es ein schönes Lokal ist, optisch mehr Kneipe als Restaurant. Am Eingang wuchert der Knöterich. Drinnen stehen solide Holztische, die Wand ist hellgrün bemalt, mit zarten Pfauen, Farnen und Bäumen, altmodisch idyllisch.Und dann ist auch noch das Essen gut. Die Karotten-Ingwer-Suppe (2 Euro), die wir bestellten, war angenehm leicht und scharf. Die Fischsuppe (2 Euro) von der Tageskarte gut gewürzt mit viel frischem Gemüse. Wir ließen die Kartoffelpuffer für mögliche Kanzler-Aspiranten übrig und entschieden uns für die Minirouladen vom Schweinerücken mit Rucola-Schafskäse-Füllung (9,60 Euro), eine schmackhafte Zusammenstellung, und von Mini war nichts zu sehen. Auch die Speckbohnen und der Kartoffelbrei, mit Knoblauch abgeschmeckt, kamen reichlich. Mein kritischer Begleiter war hochzufrieden und mäkelte nur ein wenig am Tunfischsteak (8,80 Euro) herum. Tunfischfang sei ja alles andere als ökologisch korrekt, sagte er. Der Fisch war dennoch schön saftig, das Linsen-Zwiebelgemüse eine angenehme Beilage.Der Johannisbeerstrudel, den wir gerne als Nachtisch gehabt hätten, war leider schon aufgegessen. Wir begnügten uns mit den nach einem Rechtschreibfehler klingenden Blintschicki mit Vanillequark und heißen Kirschen (3,70 Euro), die sich als Pfannkuchen entpuppten. Es schmeckte wie zu Hause, was gut ist, wenn man Pfannkuchen mag. Der Quark war allerdings nicht wirklich vanillig, dafür die Portion wieder so groß, dass sie alleine als Essen gereicht hätte. Und die Kellnerin freute sich über unsere Bestellung: "Es riecht köstlich", schwärmte sie.Die Kartoffelpuffer-Seilschaft war an diesem Abend nicht anwesend. Vielleicht hat sie sich aufgelöst. Oder sie hat das Lokal gewechselt. Oder sie hat sich verkleidet: Als Mitarbeiter eines Ministers. Die nämlich saßen am Nebentisch.------------------------------Weitere Restaurantkritiken unter:www.berliner-zeitung.de/restaurants------------------------------WaldenAdresse: Choriner Straße 35Tel.: 449 00 25Öffnungszeiten: Mo-Sa ab 17 Uhr, So ab 10 UhrKreditkarten: EC, Amex
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