Im Zollpackhof in Mitte

Jochen Arntz
3 Min

An diesem Abend hätten wir gerne einen Gast aus der Fremde bei uns gehabt, einen Menschen aus Manhattan, Petersburg oder Mali, oder einfach jemanden, der lange nicht mehr in Deutschland war. Wir hätten für Deutschland werben können, für ein gemütliches, funktionierendes Land, in dem die Sterne leuchten. Und in dem man gleich hinter dem Kanzleramt, am anderen Ufer der Spree, in einem Gasthaus sitzen und gut essen kann. Die Sterne sind zwar nur glitzernde kleine Lämpchen, eingelassen in die Fassade des Kanzleramtes, doch das Feuer im Kamin des "Zollpackhofes" ist echt und die bürgerliche Zufriedenheit der Gäste ist es ebenfalls.An einem langen Tisch am Fenster feierte eine große Familie, drei, vielleicht sogar vier Generationen saßen an der Tafel, die Kinder hatten Spielzeug mitgebracht, die Erwachsenen Erfolgsgeschichten aus ihrem Berufsleben. Alles wirkte wie ein Werbespot der Bundesregierung für eine neue Offensive in der Familienpolitik.Der Kellner des "Zollpackhofes" ist wahrscheinlich ebenfalls freier Mitarbeiter des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. Mit einer weichen süddeutschen Färbung in der Stimme fragte er nach den Wünschen und erfüllte sie prompt. Wie höflich und humorvoll die Kellner in Deutschland doch sein können, hätten wir unserem Gast aus der Fremde erklärt. Die tiefgefrorene Butter, die die Bedienung dann zum Brot brachte, hätten wir schnell versteckt.Wahrscheinlich wäre es unserem Gast auch gar nicht aufgefallen, denn in diesem Moment kamen mehrere Ehepaare mit vielen, vielen pubertierenden Kindern in den "Zollpackhof". Sie setzten sich an einen der gescheuerten Holztische; und die pubertierenden Kinder waren von solcher Artigkeit, dass selbst ihr Schlürfen mit den Strohhalmen kaum zu hören war. Der Stolz der Eltern auf ihre Kinder war nicht zu übersehen; und wahrscheinlich hätten wir noch ein wenig länger zu ihrem Tisch herübergeschaut, hätten uns noch einmal gefragt, ob Ursula von der Leyen das nicht sehen sollte. Solche Familien in Deutschland. Aber dann kamen die Garnelen-Korianderbällchen. Und Vitello Tonnato.Vorspeisen, die unserem Gast aus der Fremde einerseits gezeigt hätten, dass die Deutschen mit Koriander mittlerweile ganz gut umgehen können, andererseits aber gewisse deutsche Grundtugenden wie Sparsamkeit auch beim Vitello Tonnato für zehn Euro hochhalten. Das Fleisch war gut, die Soße schlicht zu knapp bemessen.Mit dem Hauptgang hätten wir unserem Gast ein weiteres Stück bürgerlicher Erwartungskultur näher gebracht. Lamm muss sein zu Ostern, oder an Ostern, wie immer man es auch sagen will im vereinten Deutschland. Dieses Lammkarree mit Thymiansauce und breiten Bohnen (18,50 Euro) hätten wir allerdings auch an jedem anderen Tag genommen. Und die dazu gereichten römischen Nocken liegen gelassen. Sie waren schlicht zu salzig.Woody Allen hat einmal gesagt, er hasse die Wirklichkeit, aber sie sei der einzige Ort, an dem man ein gutes Steak bekomme. Man muss ja solche klassisch soliden Restaurants wie den Zollpackhof auch nicht lieben, aber man kann zumindest sagen, dass die Tournedos vom Rind mit Sauce Béarnaise einen mit der Wirklichkeit sehr versöhnen.Andererseits ist hier alles so gediegen, dass man sich fast ein wenig freut, wenn am Nebentisch mal Leute arg qualmende Zigaretten rauchen, was man ja in Deutschland auch bald nicht mehr darf. Das hätten wir unserem Gast dann auch verraten - dass die Deutschen nicht nur immer höflicher und immer familienfreundlicher, sondern auch immer gesünder werden.Der Kellner sagte am Ende, er wisse jetzt genau, was wir noch wollten: Tiramisu. Für 6,50 Euro. Aber die Bayerische Crème mit einer köstlichen Himbeere war besser. Deutscher Nachtisch eben. Als wir gegen halb elf gingen, waren die meisten Tische schon leer. Man isst hier zeitig, hätten wir unserem Gast noch gesagt. Und eigentlich nichts dagegen gehabt.------------------------------ZollpackhofAdresse: Elisabeth-Abegg-Str. 1Tel.: 33099720Öffnungszeiten: täglich 10-20 UhrKreditkarten: American Express, MasterCard, Visa

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner