Brandenburg, Land der Alleen. In der bundesweiten Rangfolge steht es ganz oben, noch vor Mecklenburg-Vorpommern. Doch obwohl Bäume gepflanzt werden, gingen allein seit 2006 unterm Strich mehr als 600 begrünte Straßenkilometer verloren. Die neueste Statistik zeigt, dass 2021 über dreimal so viele Alleebäume gefällt als neu gepflanzt wurden. Baum für Baum verschwindet, die Landschaft wird ärmer. Doch im neuen Jahr soll eine Institution ins Leben gerufen werden, die den Schwund aufhalten, Behörden beraten, Alleen eine Zukunft geben soll. Wie jetzt bekannt wurde, bekommt Brandenburg das erste Alleen-Kompetenzzentrum Deutschlands. Es soll auch Berlin nützen.
„Straßenbäume und Alleen sind ein wichtiger Teil der Kulturlandschaft Brandenburg“, sagt Reinhold Dellmann, Vorstandsmitglied beim Förderverein Baukultur Brandenburg. Das soll auch so bleiben, fordert der frühere Infrastrukturminister von der SPD. Der Wandlitzer gehört zu den Experten, die, mithilfe des geplanten Kompetenzzentrums Straßenbäume und Alleen, die negative Entwicklung bremsen sowie umkehren wollen.
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Offizielle Daten belegen, wie weit der Schwund in den vergangenen Jahren vorangeschritten ist. „Derzeit gibt es 1737 Kilometer Alleen an Bundes- und Landesstraßen außerhalb von Ortschaften. 2006 hatten wir 2344 Kilometer Alleen“, sagt Simone Engler, Sprecherin des jetzigen Brandenburger Infrastrukturministers Guido Beermann (CDU). „Damit sind rund 600 Kilometer Alleen verlorengegangen, obwohl von 2008 bis 2019 über 200 Kilometer neu angelegt wurden.“
Warum Neupflanzungsprojekte oft kompliziert und kostspielig sind
Die jüngsten Zahlen bestätigen, dass der Trend andauert. Danach wurden 2021 im Land Brandenburg 937 Bäume an Bundesstraßen gefällt, aber lediglich 288 Bäume gepflanzt. An Landesstraßen fielen sogar 2079 Bäume der Säge zum Opfer, dort wurden 603 gepflanzt. Unterm Strich ist das Verhältnis zwischen Fällungen und Neupflanzungen schlechter als im Jahr davor. Die neuen Alleen summierten sich an den Bundesstraßen auf 1690 Meter, an den Landesstraßen auf 2815 Meter Länge. Geht es um die Standorte, wurden an diesen Straßen 3,2 Kilometer außerorts und 1,3 Kilometer innerorts gepflanzt.
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Längst nicht in allen Fällen werden Alleenbäume gefällt, weil sie dem Straßenbau im Weg sind oder als Unfallgefahr eingestuft werden. Nicht zuletzt dank neuer Leitplanken ist der Zahl der schweren Baumunfälle deutlich gesunken. Es sind andere Faktoren, die immer schwerer wiegen. „Das Alter der Bäume, Probleme in der Flächenverfügbarkeit und nicht zuletzt der Klimawandel machen seit vielen Jahren den Straßenbäumen und Alleen zu schaffen“, analysiert Reinhold Dellmann. Durften Bäume früher 75 Zentimeter von der Straßenkante entfernt gepflanzt werden, sehen aktuelle Normen einen Mindestabstand von 4,5 Metern vor. Nicht selten muss Gelände erworben werden, was Neupflanzungsprojekte kompliziert und kostspielig machen kann.
Totalausfälle durch Ulmensplintkäfer und Rußrindenkrankheit
Alter ist in der Tat ein Problem, heißt es im Potsdamer Ministerium. Ein großer Anteil der Straßen- und Alleebäume stamme aus den 1930er-Jahren. „Viele dieser Bäume haben heute das natürliche Lebensende erreicht“, sagt Simone Engler.
Bei immer mehr Bäumen machen sich außerdem die Belastungen bemerkbar, denen sie an den meist exponierten Standorten ausgesetzt sind. „Bei den Straßenbäumen sind Trockenheitsschäden zu beobachten. Hinzu kommen die Sturmschäden der vergangenen Jahre. Dürreperioden setzen insbesondere den Neu- und Jungpflanzen empfindlich zu“, erklärt die Sprecherin.
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Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels und der Erderhitzung. Sie verschärfen die Probleme, was dazu führt, dass viele Baumarten an ihre Grenze kommen. „Wärme und Trockenheit führen zur Besiedlung durch neue Schädlinge“, heißt es im Infrastrukturministerium. Alte Eichenalleen bieten Eichenprozessionsspinnern ideale Möglichkeiten zur Vermehrung. Wo Ulmensplintkäfer massenhaft auftreten oder an Bergahornbäumen die Rußrindenkrankheit grassiert, sind Totalausfälle möglich.
Grünes Zentrum vor den Toren Berlins
Was ist zu tun, damit neue Alleen fit für die Zukunft sind? „Um die Bäume möglichst gut vorzubereiten, sollte darauf geachtet werden, dass die Anzucht auf ähnlichen Böden stattfindet. Darüber hinaus sind Bodenanalysen wichtig, um die Bäume entsprechend des Standortes auszuwählen“, heißt es in Potsdam. Wenn Bäume mehrerer Arten gepflanzt werden, verringert das die Gefahr, dass ein Schädling Tabula rasa machen kann. Anfang dieses Jahres soll ein Gutachten zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels vorliegen, das der Landesbetrieb Straßenwesen in Auftrag gegeben hat.
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Das geplante Kompetenzzentrum soll den Verantwortlichen helfen, Straßenbäume zu erhalten und neue Alleen zu konzipieren. „Es soll Wissen aus Forschung und Praxis bündeln und vermitteln, gute Beispiele zur Verfügung stellen, Aus- und Weiterbildung anbieten, Öffentlichkeitsarbeit leisten und Netzwerkarbeit betreiben“, kündigt Reinhold Dellmann an. Stärker als in der Vergangenheit sollen auch Alleenbestände jenseits der Bundes- und Landesstraßen in den Blick genommen werden. „Viele Gemeinden haben Interesse an ihren und an neuen Alleen, brauchen jedoch umfassende fachliche Begleitung“, so der frühere Minister. „Ideal geeignet für die Trägerschaft dieser Aufgabe ist die Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau und Arboristik in Großbeeren. Sie verfügt über einen hervorragenden Ruf im Bereich der Aus- und Weiterbildung.“ Außerdem finden dort viele Forschungen und Versuche statt – auch mit Alleebäumen.
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Die Idee für das grüne Kompetenzzentrum südlich von Berlin wird von 14 Vereinen und Verbänden getragen, Verwaltungen und Politikern wurde sie vorgestellt, so Dellmann. „Die Idee kam an“, stellt er fest. Dellmann dankt der CDU-Landtagsfraktion Brandenburg, die bei den Beratungen zum Doppelhaushalt 2023/24 den Vorschlag einbrachte, pro Jahr jeweils 250.000 Euro zur Verfügung zu stellen. Die Koalitionsfraktionen SPD und Grüne haben dies unterstützt, das Geld wird bereitgestellt.
Minister: „Wichtig und zukunftsweisend“
„Nächstes Ziel ist die Einbeziehung von Berlin. Gespräche laufen bereits. Die Reaktionen aus den angesprochenen Berliner Fraktionen sind sehr positiv“, sagt Reinhold Dellmann. Auch in Berlin werden seit Jahren weitaus mehr Straßenbäume gefällt als gepflanzt. Erderhitzung und Rückgänge der Niederschlagsmengen sind auch in der Hauptstadt ein Problem – gesundes Stadtgrün ist Teil der Lösung.
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Ziel ist es, das Landeskompetenzzentrum Straßenbäume und Alleen Anfang Juni 2023 zu eröffnen, so Dellmann. Die Träger- und Finanzierungsstruktur sei allerdings noch zu klären, heißt es im Infrastrukturministerium. Doch Guido Beermann begrüßt die Initiative. Dort könne wertvolle Unterstützungsarbeit für die künftige Brandenburger Alleenkonzeption geleistet werden, deren nächste Aktualisierung Mitte dieses Jahres vorliegen soll. „Die Verankerung eines solchen Zentrums in Brandenburg ist wichtig und zukunftsweisend“, sagt der CDU-Politiker.
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