Die ostdeutsche Generation Z trägt ein Erbe, das sich nicht in Geld oder Besitz messen lässt: die DDR-Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern, ein brüchiges Selbstwertgefühl und die Wahrnehmung, im Zweifel weniger abgesichert zu sein. Davon geht die 29-jährige Autorin Nora Zabel in ihrem Buch „Vereint in Zerrissenheit: Die ostdeutsche Generation Z zwischen zwei Welten“ aus. Auch bei einer Lesung im Stadtmuseum Halle sprach sie darüber, wie der Unmut vergangener Generationen in ostdeutschen Familien bis heute nachwirkt.
Zabel kennt diese Erfahrungen aus der eigenen Familie: Ihr Großvater floh aus Preußen, ihre Eltern arbeiteten ihr Leben lang, ohne sich finanzielle Sicherheit aufbauen zu können. Dass aus ihren Gedanken einmal ein Buch werden würde, war zunächst gar nicht geplant. Zabel hatte einen Artikel über die ostdeutsche Generation Z für die Zeit geschrieben. Daraufhin kam der Verlag Droemer Knaur auf sie zu. Ein westdeutscher Verlag mit Sitz in München. „Schreib doch mal über die Generation Z im Osten“, sagten sie. Für solche Themen gebe es auch im Westen einen Markt, erklärte Zabel bei der Lesung. Das Interesse speise sich nicht zuletzt aus dem Wahlverhalten: „Was ist mit den Ostdeutschen komisch?“
Im Interview erklärt die Autorin, was ihre eigene Zerrissenheit ausmacht und warum sie glaubt, dass sich junge Ostdeutsche von Gleichaltrigen im Westen unterscheiden.
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Frau Zabel, Sie erzählten bei der Lesung, wie aus einem Artikel in der Zeit am Ende ein Buch wurde. Mit welcher These sind Sie gestartet – und was hat sich beim Schreiben verändert?
Ich hatte einen Plan, was ich unbedingt drinhaben möchte. Aber nach jedem Kapitel habe ich geschaut, wer ein interessanter Gesprächspartner für mich ist. Weil ich das Buch für meine Freunde geschrieben habe, sollte es auch etwas werden, das alle verstehen. Am Anfang wusste ich nicht, dass es differenzierter wird. Ich dachte, ich schreibe ein Oschmann- oder ein Kowalczuk-Buch.
Inwiefern ist es nun differenzierter geworden?
Oschmann hat mich angesprochen, weil er Missstände und Ungleichheiten aufgeworfen hat. Aber Kowalczuk hat mich auch abgeholt, indem er gesagt hat: Die Ostdeutschen müssen mehr Eigenverantwortung übernehmen. Es reicht nicht, zu meckern und AfD zu wählen, sondern man muss etwas aus seinem Leben machen, mit den Umständen, die man hat.
Zur Person
Sie sprechen von einer ostdeutschen Generation Z. Was verbindet junge Menschen aus Leipzig mit denen aus einem Dorf in Sachsen-Anhalt?
Sehr wenig, tatsächlich. Ich glaube, dass Stadt und Land sehr viel ausmachen. Was beide verbindet, sind aber die Eltern, die in der Diktatur gelebt haben. Die junge Frau in der Stadt hat vielleicht andere Möglichkeiten, Kulturveranstaltungen zu besuchen, während der Junge im Dorf seine Zugehörigkeit im Fußballverein oder in der Kneipe findet. Die Lebensentwürfe sind sehr unterschiedlich, aber die gemeinsamen Vorfahren sind gleich. Und auch das, was auf sie übertragen wurde.
Aber haben nicht auch alle Eltern unterschiedliche Erfahrungen gemacht? Auch aus dem Publikum kam der Vorwurf, dass Sie mit Ihrer These eine ganze Generation über einen Kamm scheren würden.
Ja, aber ich glaube, da muss man sagen: 80 Prozent der Leute gehörten zur Arbeitergesellschaft.
Wenn Sie immer wieder auf die besonderen Nachteile ostdeutscher Herkunft verweisen: Helfen Sie damit, Ungleichheiten abzubauen – oder schreiben Sie jungen Menschen eine Identität zu, die sie vielleicht gar nicht wollen?
Ich will gar nicht darauf herumreiten, dass wir weniger Chancen haben. Aber allein die Netzwerke, die uns fehlen, weil unsere Eltern in dieser Arbeitergesellschaft unterwegs waren, und die fehlenden finanziellen und kulturellen Ressourcen machen es auf dem Arbeitsmarkt schwieriger. Wobei ein Handwerker aus Mecklenburg-Vorpommern gerade leichter Aufträge findet als ein Akademiker einer Universität. Trotzdem herrscht das Bild vor – oder ich weiß nicht, ob sich das geändert hat –, dass Akademiker mehr wert sind als Handwerker.
Aber Handwerker und Akademiker – das sind doch zwei gänzlich andere Berufsfelder. Kann man das überhaupt vergleichen?
Ich glaube, dass eine Debatte oft vergisst, dass die Leute in Ostdeutschland aufgrund fehlender Möglichkeiten andere Wege eingeschlagen haben, wir sie aber nicht wertschätzen, sondern abwerten.
Haben junge Menschen aus Ostdeutschland grundsätzlich schlechtere Chancen im Berufsleben?
Du hast schlechtere Chancen, weil du viel länger brauchst, um aufzusteigen. Es gibt nicht diese Unternehmen in Ostdeutschland, die es in Westdeutschland gibt.
Das würde ja bedeuten, es wären weniger die ostdeutsche Herkunft als vielmehr die grundsätzlichen Berufschancen im Osten?
Die Herkunft insofern, als es in den Medien immer negativ konnotiert wird, dass du aus Ostdeutschland kommst.
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Ausrangiert und ausradiert: Welche Rolle spielt die Literatur der DDR heute?
Ich finde diese Schubladen nötig wie unnötig.
Nora Zabel, Autorin
Wenn ostdeutsche Herkunft in den Medien häufig negativ dargestellt wird: Wie vermeiden Sie selbst, Menschen in Ost und West einzuteilen?
Ich glaube, wir Ostdeutschen müssen das mehr als Westdeutsche. Die sind davon frei, weil sie damit nichts zu tun hatten, ihre Eltern in der Demokratie groß geworden sind und sie nie gefragt werden: „Ey, du bist ja westdeutsch, was hat das mit dir gemacht?“ Ich nehme eher ein Gefühl auf, als dass ich darauf herumreite. Es ist okay, dass deine Eltern in der DDR gelebt haben und du zufällig in dieses Gebiet hineingeboren wurdest. Ich finde diese Schubladen nötig wie unnötig. Wir haben eine andere Geschichte, und in den Familien schlummert noch viel Unmut, der weitergegeben wird. Gleichzeitig erlebe ich oft, dass ich keinen Unterschied mehr zwischen meinen westdeutschen Kommilitonen und mir mache.
In einer Passage im ersten Teil der Lesung haben Sie geschildert, dass Sie sich selbst oft die Frage gestellt haben, ob die Aufrechterhaltung kultureller Traditionen in der DDR – wie Dorffeste, Simsonfahren oder das Vereinsleben – die Diktatur dahinter verharmlost. Haben Sie darauf eine Antwort gefunden?
Ich glaube, wir haben es immer noch nicht hinbekommen, die Opfer der Diktatur in den Mittelpunkt der Aufarbeitung zu stellen. Die Menschen, die an der Mauer erschossen wurden, bei Fluchtversuchen starben oder in einer Gummizelle landeten. Darüber wird noch viel geschwiegen. Meine Generation hat die Verantwortung, genauer hinzuschauen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir unsere Simson und unsere Erntefeste nicht politisieren lassen – weder von links noch von rechts.
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Die AfD erzielt gerade unter jungen Menschen in Teilen Ostdeutschlands hohe Zustimmungswerte. Wo endet für Sie die Erklärungskraft der Nachwendeerfahrung, und wo beginnt die persönliche Verantwortung für politische Entscheidungen?
Steffen Mau hat gesagt, 80 Prozent des Wahlergebnisses ließen sich durch Vermögens- und Lohnunterschiede erklären, 20 Prozent durch das DDR-Erbe. Ich glaube, es geht gerade um sachliche Fragen und materielle Dinge. Gleichzeitig fehlt jungen Menschen der Sinn: Warum sollen sie ackern, sich engagieren und die Welt besser machen, wenn es kaum noch ein Zukunftsversprechen gibt?
Ich glaube auch, dass die demokratischen Parteien zu wenig angeboten und sich lange nicht um junge Leute gekümmert haben. Heute stiftet es Sinn und schweißt Menschen zusammen, gegen etwas zu sein.
Was ist Ihr persönlicher Sinn?
Mein Opa gehörte zur Kriegsgeneration, war aus Preußen geflohen und sagte immer, er sei froh, dass wir nicht im Krieg aufwachsen müssen. Das war lange Zeit ein Antrieb, auch unbewusst. Dazu kommen meine Eltern, die ihr Leben lang gearbeitet haben. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie nicht die Chance hatten, das zu werden, was ich heute werden kann. Ich habe Freiheiten, die sie nicht hatten: Ich kann studieren, was ich will. Diese freie Gesellschaft soll erhalten bleiben. Ich bin außerdem in einem Frauenhaushalt aufgewachsen, in dem die Frauen mehr oder weniger das Sagen hatten. Gleichberechtigung wurde mir so ein bisschen in die Wiege gelegt.
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Wenn die sozialen und wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West verschwänden: Würde dann auch die ostdeutsche Identität verschwinden?
Nein, es gibt eine politische Kultur, die anders ist. Es wird anders über Politik gesprochen. Wenn die materiellen Sorgen weg wären, würden sich, glaube ich, mehr Menschen nach der Arbeit engagieren. Das tun sie gerade nicht, weil ihnen die Ressourcen fehlen. Aber die Art, wie man über Politik und Politiker denkt, wird erst einmal bleiben, weil das Misstrauen noch da ist. Ich habe auch das Gefühl, dass offener gesprochen wird. Das ist eigentlich etwas Gutes, wenn man dem Gegenüber offen sagt, was man von ihm hält. Geld ändert einiges, aber nicht die politische Kultur.
Was sagen Sie jungen Menschen, die sich weder als ostdeutsch noch als westdeutsch verstehen und mit dieser Debatte nichts anfangen können?
Dann würde ich fragen, woher sie kommen. Wenn jemand aus Kaiserslautern kommt, würde ich sagen: Auf der anderen Seite des Landes gibt es eine ganze Generation, die anders aufgewachsen ist, noch etwas mit sich herumträgt, aber vielleicht auch andere Sorgen hat. Wenn jemand aus Rostock kommt, würde ich sagen: Frag mal in deiner Familie, was da passiert ist. Es gibt keinen geschichtsfreien Raum. Es liegt auch in der Verantwortung junger Menschen, das herauszufinden, damit sie im Leben klarkommen.
Ich möchte niemandem zuschreiben: Du bist westdeutsch, du bist ostdeutsch. Das möchte ich auf keinen Fall. Ich möchte dazu animieren, sich damit zu beschäftigen.
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