Der Blick auf Resultat des FC Schalke 04 war nicht mehr notwendig. Konnten die Fans und Spieler von Hertha BSC lange auf den Klassenerhalt hoffen, so war diese Hoffnung durch den Ausgleich des VfL Bochum in der Nachspielzeit zerstört.
Während die Bochumer mit dem mitgereisten Anhang den wichtigen Punkt bejubelten, war nach diesem 1:1 (0:0) das Schicksal der Berliner besiegelt: Hertha BSC hat nach dem vorletzten Spieltag keine Chance mehr, steht als erster Absteiger in die 2. Bundesliga fest.
Hertha-Fans sprechen schon von Dresden, Rostock und Hamburg
Die Frustbewältigung gab es für viele Fans bereits auf dem Weg zum Schicksalsspiel. Mal ganz offensichtlich mit Bier aus Flaschen oder Dosen, mal als alkoholisches Mix-Getränk getarnt in Colaflaschen oder jugendlich frisch als Biermix in den verschiedensten Geschmacksrichtungen. Manch einer witzelte in der Regionalbahn Richtung Ostkreuz schon, dass er auf dieses Verkehrsmittel in der kommenden Saison bei den Reisen nach Hamburg, Rostock oder Dresden zurückgreifen würde und verfolgte auf dem Weg ins Olympiastadion bereits die Zwischenstände der 2. Bundesliga. Nein, das war keine Folge des Genussmittels in Flaschen oder Dosen, sondern die über zuvor 32 Spiele gewachsene realistische Lageeinschätzung vieler Hertha-Fans.
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Der Glaube an den Klassenerhalt war im Laufe der Saison Stück für Stück geschrumpft, der Klassenerhalt hätte selbst bei einem Sieg gegen Bochum zu wenig sein können. Wut über die Leistungen der Mannschaft hat es vielleicht vergangene Saison noch gegeben und äußerte sich in offenen Anfeindungen aus der Ostkurve. In Harmonie zwischen Spielern und Anhängern ging es durch die laufende Saison – möglichweise bis in die zweite Liga.
Der personifizierte Hoffnungsträger dafür, dass es vielleicht doch noch zum Wunder, zum Klassenerhalt über die Relegation reichen könnte, trug an diesem schicksalshaften Nachmittag im mit 70.692 Zuschauern gefüllten Olympiastadion die Nummer 27 und wurde von den Fans lautstark begrüßt. Kevin-Prince Boateng, die Verkörperung des Berliner Weges schlechthin, hatte es doch vergangene Saison im Schlussakt gegen den Hamburger SV geschafft, warum nicht auch diesmal?
Und Boateng schien in seinem letzten Bundesliga-Heimspiel gewillt, die Hoffnung für Hertha BSC am Leben zu halten. Hatte in der 17. Minute einer dieser belebenden Momente, als er mit einem Direktpass das Spiel schnell machte und so einen gefährlichen Vorstoß einleitete. Auch die vermeintliche 1:0-Führung von Lukebakio, die nach Überprüfung der Videobilder wegen eines vorangegangen Foulspiels aberkannt wurde, hatte Boateng eingeleitet (19.) und mit seiner Kreativität Einfluss auf die so oft in dieser Saison ideenlose Offensive der Berliner. Als Sechser, als Abräumer vor der Abwehr aber verteilte der 36-Jährige nicht nur clever die Bälle, sondern ordnete lautstark die Viererabwehrkette, positionierte seine Mitspieler und war des Trainers verlängerter Arm auf dem Platz.
Forderte während des Spiels immer wieder energisch den Ball: Hertha-Profi Kevin-Prince Boateng (Mitte).
© City-Press
Hertha war bemüht, hatte mehr Spielanteile und die besseren Chancen. Aber: Hertha musste auch hinten immer wieder aufpassen, war anfällig, wenn Bochum den Ball in die Spitze auf die flinken Takuma Asano oder Christopher Antwi-Adjei spielte oder der robuste Philipp Hofmann für Unruhe im Strafraum sorgte. Beide Teams, das war mit zunehmender Spieldauer zu sehen, wussten um die Bedeutung der Partie. Die erste Hälfte endete torlos, bot aber reichlich Spannung, da beide Mannschaften im Abstiegskampf unbedingt gewinnen mussten.
Lucas Tousart trifft zur umjubelten Führung für Hertha BSC
Ob der Leistungen hüben wie drüben verzichteten beide Trainer auf Wechsel, waren offenbar zufrieden mit dem, was sie in Durchgang eins gesehen hatten. Auf dem Rasen änderte sich erst einmal nicht sehr viel. Hertha war präsenter, hatte Möglichkeiten wie den Schuss von Stefan Jovetic (54.) oder den Versuch von Marco Richter (59.).
So langsam aber entwickelte sich ein offener Schlagabtausch, in dem Bochum plötzlich gefährlich im Strafraum auftauchte, aber die Berliner das Tor erzielten. Nach einem Eckball von Richter stieg Lucas Tousart mit voller Überzeugung zum Kopfball hoch und traf zum umjubelten 1:0 (64.). Für Boateng, der sich zuvor sichtbar über den Platz schleppte, war die Partie nach dem Torjubel beendet. Für seine aufopferungsvolle Leistung im vielleicht doch noch nicht letzten Heimspiel gab es ein Küsschen von Pal Dardai auf die Stirn und tosenden Applaus von den Rängen.
Das erste Tor des Tages wirkte auf die Berliner befreiend und inspirierte zu weiteren Torchancen, der VfL befand sich fast ausschließlich im Rückwärtsgang, kam kaum noch zu Entlastung. Das Manko aus Sicht der Hertha-Fans: Das zweite Tor wollte nicht fallen. Ganz nah dran waren in der 87. Minute aber die Bochumer, als ein Kopfball von Keven Schlotterbeck an den Außenpfosten ging und kurz Chidera Ejuke mit seinem Aluminum-Treffer auf Berliner Seite. Zum Entsetzen des Großteils im Stadion aber durfte Schlotterbeck noch einen weiteren Anlauf nehmen. In der vierten Minute der Nachspielzeit traf der Ex-Unioner zum 1:1-Ausgleich und köpfte Hertha BSC in die 2. Bundesliga.
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