Pressestreit

In eigener Sache: Warum wir Jan Böhmermann 600 Euro zahlen

Froschfresse, Landgericht Köln, 600 Euro Schaden für die Berliner Zeitung. Der Spiegel macht eine Story daraus. Hier ein Friedensangebot an die Beteiligten.

9 Min
Jan Böhmermann im Park Cafe im Rheinpark vor ein paar Tagen.

Jan Böhmermann im Park Cafe im Rheinpark vor ein paar Tagen.

© IMAGO/Christoph Hardt

Liebe Kollegen,

es ist jetzt Donnerstagmittag. Ich hab' mir gerade einen Whisky eingeschenkt. Nicht euretwegen. Wegen dieser Woche voller Katastrophen: Krieg im Iran, tausende Erdbebentote in Venezuela, Bonnie Tyler ohne Erdbeben tot – und dann kommt auch noch ihr.

Aber wenn ihr gerade schon mal da seid: Setzt euch dazu. Ich hab’ noch ein Glas. Sogar zwei. Eins für dich, Jan, und eins für dich, liebe halbanonyme Spiegel-Redakteurin mit dem Kürzel atr.

Ich hätte auch der Tageszeit angemesseneren Kaffee anbieten können. Aber Kaffee wäre unangebracht bei einem Text, in dem es um 600 Euro geht. Für 600 Euro bekommt man hier in Berlin nicht mal mehr einen anständigen Kater. Aber man bekommt dafür einen Versäumnisurteilsbescheid vom Landgericht Köln. Und den kann man sich nicht mal einrahmen, ohne dass der Rahmen teurer ist als der Schaden.

„Berliner Zeitung“ verliert gegen Böhmermann im Streit über „saure Froschfresse“

Spiegel

Das ist die Schlagzeile. Das ist der ganze Vorgang. Das ist auch die kürzeste Fassung meines heutigen Textes. Wer jetzt schon genug hat, darf gehen. Alle anderen: Bleibt sitzen. Es wird interessant, glaube ich.

Der Vorgang für alle, die es bislang nicht interessiert hat

Für alle, die weder Podcasts hören noch presserechtliche Fachdatenbanken pflegen: Jan Böhmermanns Kollege Olli Schulz hat in Fest und Flauschig – dem gemeinsamen Podcast – dem ehemaligen Welt-Herausgeber Ulf Poschardt eine „saure Froschfresse“ attestiert. Wörtlich: „Wie kann man sich das mit einer so sauren Froschfresse einfach so gefallen lassen?“

Es ging um Poschardts Mimik in einem Streitformat mit der damaligen Noch-Spiegel-Vizechefredakteurin Melanie Amann. Ein Redakteur bei uns hat den Satz Böhmermann zugeschrieben. Falsch. Wir haben es gemerkt. Wir haben es korrigiert. Das Landgericht Köln hat trotzdem 600 Euro festgesetzt. Der Spiegel hat darüber gestern berichtet. Und ich schreibe jetzt darüber. So schließt sich der Kreis.

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In eigener Sache, kurz

Ich war damals sogar dabei. Nicht direkt am Desk in dieser Minute, aber in der Redaktion. Der bei uns im Haus nach wie vor geschätzte und niemals geschasste Tomasz Kurianowicz war noch Chefredakteur. Die Ostdeutsche Allgemeine gab es als Erfolgsmodell noch nicht.

Bei Tomasz im Büro saß, so erinnere ich mich, ein Nachrichtenredakteur, etwas geknickt, weil er ein Zitat verwechselt hatte. Wir haben es schnell gemerkt. Wir haben es korrigiert. Es war ein handwerklicher Fehler, wie er im Nachrichtengeschäft am Newsdesk passiert. Ich hätte ihn verhindern können. Ich habe es nicht, weil ich noch mit Einarbeitung, Kennenlernen und der Suche nach der redaktionellen Kaffeemaschine beschäftigt war. Meine Verantwortung. Ich schreibe das hier, damit niemand sagen kann, ich hätte meine Rolle in diesem Mini-Drama verschwiegen.

Und jetzt kommt der Spiegel

Fast ein Jahr später fällt dem Spiegel dieser 600-Euro-Vorgang wieder ein oder auf. Autorin: halb unbekannt. Kürzel: atr. Irgendwas mit taz und Tagesspiegel in der Bio. Und was mit Georgien. Anlass: unerfindlich. Und aus einer Meldung, die man in zwei Sätzen abhaken könnte, wird ein Text mit dem Duktus einer Presseerklärung des Bundesverfassungsgerichts.

Lieber Spiegel-Redakteurin mit dem Kürzel atr: Ich muss dir was sagen, von Postsowjetfan zu Postsowjetfan:in.

Fehler passieren. Auch bei euch. Erinnerst du dich an den Auschwitz-Beitrag bei euch? Snapchat, Holocaust-Gedenktag: Ihr habt geschrieben, die US-Armee habe das Lager befreit. Nur: Es war die Rote Armee. 27. Januar 1945. Sowjetische Truppen. Ihr habt euch entschuldigt und von einem „peinlichen Fehler“ gesprochen. Peinlich ist eine sehr milde Vokabel dafür, den zentralen Erinnerungsort der deutschen Geschichte im Rahmen des Gedenktages an ihn selbst falsch zu erzählen. Aber gut. Handwerklicher Fehler an der Elbe, an der sich am 25. April 1945 die US-Befreier mit den US-Befreiern getroffen haben. Kommt vor, Zwinker-Smiley.

Bad Kleinen 1993. Ihr habt geschrieben, ein GSG-9-Beamter habe Wolfgang Grams regelrecht hingerichtet. Todesschuss. Titelgeschichte. Eine eigene Aufarbeitungskommission des Spiegels kam viel später zu dem Schluss: unzureichend überprüft, falsche Zeugenaussage, journalistischer Fehler. Ihr habt Verantwortung übernommen. Viel, viel später. Auch das: Kommt vor.

Und Claas Relotius. Muss ich nicht ausbreiten. Ein systematischer Betrug eines eurer meistdekorierten Reporter. Jahrelang. Erfundene Personen, erfundene Szenen, erfundene Zitate. Der größte Reportageskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ihr habt einen Untersuchungsbericht veröffentlicht, Artikel zurückgezogen, Kontrollmechanismen verändert. Alles richtig. Alles nötig.

Das ist der Rahmen, in dem euer Text über eine 600-Euro-Verwechslung stattfindet. Die Rote Armee. Bad Kleinen. Relotius. Und „Berliner Zeitung verliert gegen Böhmermann“. Ihr merkt selbst, dass da eine Sache aus dem Rahmen fällt.

Ich schreibe das übrigens nicht, weil ich euch treffen will. Ich schreibe das, weil Fehler passieren. Bei uns. Bei euch. Bei allen. Und weil ich mich frage, warum ihr aus unserem 600-Euro-Vorgang ein Ereignis macht, während ihr selbst schon dreimal an Grenzen wart, an denen keine Anmerkung der Redaktion mehr reichte. Ich sage das nicht triumphierend. Ich sage das kollegial. Wirklich. Das nächste Mal, wenn wir uns treffen, gebe ich einen aus. Das nächste Mal, wenn ihr etwas verwechselt, halte ich die Klappe. Versprochen. Vielleicht.

Der Spiegel und seine Innenpolitik

Und jetzt wird's interessant, denn Melanie Amann, die jetzt wieder ausgepackt wird, ist ja beim Spiegel, sagen wir, rausgeflogen worden. Die Frau, in deren Streitformat mit Poschardt der Ursprungssatz überhaupt fiel. Kurbjuweit hat sie kaltgestellt. Erst die Leitung des Berliner Büros. Dann die Politik. Dann die Investigativ-Koordination. Zwei Jahre lang häppchenweise. Klassische Salamitaktik, nur ohne Salami – am Ende blieb als letzte Scheibe das Aufhebungspapier.

Amann ist also raus. Sie ist inzwischen bei der Funke-Mediengruppe. Das ist, finde ich, ein wenig Poschardts publizistische Nachbarschaft. So etwas nennt man wohl Ironie der Mediengeschichte.

Und doch findet der Spiegel jetzt Zeit, einen Text über eine „saure Froschfresse“ zu produzieren, in dem Amanns Name dreimal vorkommt. Ich will das nicht überinterpretieren. Ich will nur festhalten: Es sieht aus wie eine harmlose Meldung. Aber sie riecht nach Redaktionsflur. Nach Kaffeeküche. Nach jemandem, der eine Rechnung offen hat.

Ich kann mich irren. Ich habe mich, siehe oben, auch schon geirrt.

Die Zahlen, weil sie helfen

Jan, ich mag dich nicht in Kostenrechnungen ziehen. Aber du hast angefangen. Nicht mit mir. Mit anderen.

Dein Honorar für das ZDF Magazin Royale wird auf 651.000 Euro plus Mehrwertsteuer geschätzt. Welt am Sonntag, 2023. Du hast das auf X als „komplett falsch“ abgetan. Auf X. Der Plattform, auf der Menschen inzwischen die Biobäckerei mit dem Verweis auf Nürnberg rezensieren. Das ZDF schweigt. Norbert Himmler bekommt offiziell 372.000 Euro brutto im Jahr, plus Dienstwagen, plus Altersversorgung. Eine Folge Magazin Royale kann laut ZDF-Budgetrahmen bis zu 465.000 Euro kosten. Ich behaupte nicht, dass sie so viel kostet. Ich sage: bis zu.

600 Euro sind in dieser Welt kein Schaden. 600 Euro sind das Trinkgeld für den heimlichen und (natürlich!) mutmaßlichen Puffgang mit deinem Anwalt, damit er bei Laune bleibt.

Und trotzdem lässt du sie eintreiben. Ist dein gutes Recht.

Ein Vorschlag zur Güte

Aber, Jan, weil ich es kollegial meine: Investier die 600 Euro sinnvoll.

Ich hab kurz recherchiert. Die Akademie für Publizistik in Hamburg bietet Seminare zu Medienethik und Verdachtsberichterstattung an. Das Erich-Brost-Institut in Dortmund macht Fortbildungen zu journalistischer Sorgfaltspflicht. Das Nürnberger Medien Institut hat Kurse zum Thema Persönlichkeitsrechte im Reportagejournalismus. Das ZDF selbst könnte dir vermutlich einen Platz bei der ARD.ZDF Medienakademie in Nürnberg buchen. Da geht es unter anderem um das Grundrecht auf den Schutz der Persönlichkeit gegenüber der Presse. Ein sehr aktuelles Thema, wie ich finde.

Nimm die 600 Euro und melde dich an. Mit Blick auf den Fall Arne Schönbohm. Du erinnerst dich: Cyberclown. Elf Tage später ohne Job. Verfassungsschutz ermittelt. Ergebnis: nichts. Landgericht München I untersagt vier Aussagen. Oberlandesgericht München bestätigt. „Bestenfalls schlampige Recherche.“ Schönbohms Kinder wurden auf dem Schulhof gefragt, ob Putin das Haus bezahlt hat. Morddrohungen im Briefkasten.

Für so einen Fall reichen 600 Euro nicht. Aber für ein Wochenendseminar reichen sie. Falls dir das noch zu wenig ist: Die Ostdeutsche Medienholding prüft sogar gerne einen weiteren Zuschuss. Aber nur, wenn du auch bestehst. Das würden wir schon wissen wollen.

Was wir daraus lernen können

Jan, du wolltest recht haben. Du hast Recht bekommen. Wir haben unseren Fehler zugegeben. Das ist mehr Transparenz, als du bei den meisten Menschen aufbringst, deren Namen du in deiner Sendung durchziehst.

Liebe Redakteurin atr: Wenn ihr wollt, dass der Spiegel wieder für das gelesen wird, was er mal war, dann berichtet über die 651.000 Euro plus Mehrwertsteuer. Berichtet über Arne Schönbohm. Berichtet über den Konflikt zwischen Kurbjuweit und Amann, den ihr im eigenen Haus verhandeln lasst, während ihr Kritik lieber am Kölner Landgerichtssaal parkt.

Berichtet über etwas, das eure 600 Euro wert wäre.

Ich mach's dann demnächst wieder. Ohne Konjunktiv. Mit richtiger Zitatzuweisung diesmal. Ich hab dazugelernt.

PS: Jan, falls du dich für ein Medienethik-Seminar entscheidest – schick mir eine Bestätigung. Ich veröffentliche sie. Ohne Häme. Ohne Konjunktiv. Als Anmerkung der Redaktion. Und zum ersten Mal in diesem Text ohne Fußnote.

PPS: ძვირფასო atr – თუ ისეთ სარედაქციო ოფისში მუშაობ, სადაც შემდეგ ჯერზე, როცა წითელ არმიაზე დაწერ, მას აშშ-ის არმიით ჩაანაცვლებ, სიამოვნებით შემოგთავაზებ სტაჟირებას. ყავა აქ არც ისე კარგია. ფაქტების გადამოწმება უკეთესია. Უმეტესად.

Harald Neuber

Nachrichtenchef der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Berliner Zeitung

Redaktionelle Richtigstellung

In einer früheren Version dieses Beitrags hatten wir geschrieben, Melanie Amann sei beim Spiegel nicht geschätzt gewesen und dort „geschasst“ worden. Frau Amann legt Wert auf die Feststellung, dass beides nicht zutreffe. Bitte sehr.

Wir stellen klar: Frau Amann war beim Spiegel geschätzt. Wie sehr, wissen wir nicht – sie selbst offenbar auch nicht so genau, sonst müsste man es nicht eigens richtigstellen lassen. Und geschasst wurde sie natürlich nicht. Sie ging freiwillig zum Jahresende 2025 – so freiwillig, wie man geht, wenn einem erst das Berliner Büro, dann die Politik, dann die Investigativ-Koordination abhandenkommen und Kollegen von einem Machtkampf mit Chefredakteur Kurbjuweit raunen. Reiner Zufall. Wir bedauern, dies je anders angedeutet zu haben.

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