Am 1. September unterzeichneten in Bischkek die Staats- und Regierungschefs von zehn Ländern ein Papier, das die Militärschläge gegen iranisches Territorium verurteilt, der Regierung und der Bevölkerung Irans das Beileid zum Tod des Obersten Führers Ali Chamenei ausspricht und Irans Souveränität bekräftigt. Wer die Schläge geflogen hat, steht nicht in dem Text.
Unter den Unterzeichnern der Erklärung von Bischkek: Chinas Xi Jinping, Russlands Wladimir Putin, Irans Präsident Massud Peseschkian, Pakistans Regierungschef Shehbaz Scharif. Und der indische Premierminister Narendra Modi.
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Anlass war der 26. Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO), zu dem am 31. August und 1. September Regierungen zusammenkamen, die mehr als die Hälfte der Menschheit vertreten. Das Bündnis begann 1996 als Grenzregime zwischen China und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und trägt seit 2001 seinen heutigen Namen. Heute ist es das wichtigste Forum chinesischen Einflusses in Eurasien. Indien gehört ihm seit 2017 an.
Indien, enger Partner Washingtons und Israels, hatte sich bis dahin jede Kritik an den USA versagt. Als amerikanische und israelische Kampfflugzeuge am 28. Februar Chamenei töteten, schwieg Neu-Delhi. Es verurteilte die iranischen Vergeltungsschläge gegen Saudi-Arabien und die Emirate, kondolierte nicht, benannte keinen Verantwortlichen und überließ die Empörung der Opposition im Parlament. Sechs Monate später hat Modi in einem kirgisischen Konferenzsaal zwei dieser drei Unterlassungen nachgeholt. Die dritte nicht.
Denn die Erklärung von Bischkek ist vorsichtiger als ihre Vorgängerin. Im September 2025 unterschrieb Modi in Tianjin ein SCO-Dokument, das die Militärschläge Israels und der USA gegen Iran vom Juni jenes Jahres ausdrücklich verurteilte. Ein Jahr und einen ungleich größeren Krieg später ist die Schuldzuweisung aus dem Text verschwunden. Die indische Unterschrift unter eine SCO-Verurteilung ist also nichts Neues. Neu ist, dass der Text, den Indien mitträgt, weicher geworden ist, ausgerechnet in dem Jahr, in dem Neu-Delhi Washington braucht.
Narendra Modi traf am 25. Februar 2026 in Israel Premierminister Benjamin Netanjahu zum Auftakt seines zweitägigen Staatsbesuchs.
© Seshadri Sukumar
Für sich genommen wäre das eine Kuriosität. Im Zusammenhang des indischen Jahres ist es Teil einer systematischen Neupositionierung. Ein Land, das zwei Jahrzehnte lang seine Regionalstrategie um die Vereinigten Staaten herum gebaut hat, versichert sich gerade überall sonst. An diesem Wochenende erreicht dieser Prozess Neu-Delhi selbst: Am 12. und 13. September richtet Modi den 18. Brics-Gipfel aus.
Aufstieg und Fall eines amerikanischen Ankers
Zwanzig Jahre lang richtete Indien seine strategische Architektur am amerikanischen „Pivot to Asia“ aus, und es zahlte dafür einen realen Preis.
Im Westen legte Neu-Delhi seine, wie es selbst sagt, „zivilisatorische“ Beziehung zu Teheran auf Eis und trat zwei von Amerika entworfenen Formaten bei: I2U2, gemeinsam mit Israel, den USA und den Emiraten, sowie IMEC, dem beim G20-Gipfel im September 2023 verkündeten Wirtschaftskorridor zwischen Indien, dem Nahen Osten und Europa. Beide beruhten auf der Annahme, Saudi-Arabien werde seine Beziehungen zu Israel im Rahmen der Abraham-Abkommen normalisieren. Im Osten war Indien tragende Säule des Quad, der Gruppe mit den USA, Japan und Australien, die sich gegen China richtet. Diese Strukturen bestimmten Indiens strategische Vorstellungswelt. SCO und Brics waren Nebenschauplätze.
Dann kam die zweite Amtszeit Donald Trumps und mit ihr eine verschärfte „America First“-Außenpolitik, die Indien strategisch im Regen stehen ließ. Der Quad hat seit zwei Jahren keinen Gipfel mehr abgehalten. Indien führt seit 2025 den Vorsitz, doch das Treffen, das es ausrichten sollte, fand nie statt, weil Trump die Reise absagte. Und IMEC ist faktisch tot: Der Gaza-Krieg legte das Projekt auf Eis, die saudische Normalisierung mit Israel kam nie zustande, und nach dem israelischen Angriff auf Katar im September 2025 schloss Riad stattdessen einen eigenen Verteidigungspakt mit Pakistan.
In der einzigen Frage, in der beide Länder wirklich auseinanderliegen, dem russischen Öl, agierte Washington so unbeholfen, dass seine Politik sich am Ende selbst zerstörte. 2025 verhängte die Trump-Regierung Zölle von 50 Prozent auf indische Waren, angeblich, um Indien vom Kauf russischen Öls abzubringen. Im Februar 2026 wurden sie auf 18 Prozent gesenkt. Das Weiße Haus begründete das mit der „Zusage Indiens, kein Öl der Russischen Föderation mehr zu kaufen“. Die indische Seite hat eine solche Zusage nie bestätigt.
Indiens diplomatische Gratwanderung: Zwischen Blockfreiheit und Partnerschaft mit dem Westen
Noch im selben Monat schloss die amerikanisch-israelische Offensive gegen Iran die Straße von Hormus, durch die normalerweise rund 40 Prozent der indischen Rohöleinfuhren laufen. Washington senkte also einen Zoll gegen das Versprechen, russisches Öl zu meiden, und machte russisches Öl wenige Tage später unverzichtbar. Im Juni erreichten seine Rohölimporte mit rund fünf Millionen Barrel pro Tag einen Rekord, davon kamen nach Daten des Analysehauses Kpler etwa 2,6 Millionen aus Russland: 54 Prozent aller Einfuhren und der höchste je gemessene Wert im russisch-indischen Handel. Im Februar, unter maximalem amerikanischem Druck, waren es 1,1 Millionen gewesen. Binnen vier Monaten hat Washingtons erratische Politik Indien tiefer in die Abhängigkeit von Moskau getrieben, als es der russischen Diplomatie in vier Jahren gelungen ist. Die amerikanische Antwort war ein Sanktionsgesetz, das Käufern russischer Energie Zölle von bis zu 100 Prozent androht und im vergangenen Monat den Senat passierte.
Ein Premier auf Dauerreise
Indiens Antwort besteht darin, alle anderen Partnerschaften auszubauen. Bis Mai 2026 hatte Modi in seiner Amtszeit 99 Auslandsreisen absolviert. Allein im Mai bereiste er in sechs Tagen die Emirate, die Niederlande, Schweden, Norwegen und Italien, im Juli Indonesien, Australien und Neuseeland. Die Reisefreude des Premiers ist im Inland ein Ziel des Spotts, doch sie hat sich ausgezahlt. Zwischen 2021 und 2026 schloss Indien mehr Handelsabkommen als in den beiden Jahrzehnten zuvor zusammen: EFTA, in Kraft seit Oktober 2025, Großbritannien im Juli 2025, Oman im Dezember 2025, Neuseeland im April 2026 und, am bedeutsamsten, das Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union samt Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft, abgeschlossen am 27. Januar dieses Jahres. Für Europa war das der wichtigste außenpolitische Erfolg des Jahres. Zustande kam er, weil Washington den Platz geräumt hatte.
Noch bedeutsamer ist Indiens vorsichtige Entspannung gegenüber China. Nach dem Zusammenstoß im Galwan-Tal im Juni 2020, bei dem indische und chinesische Soldaten starben, war Neu-Delhis Chinapolitik härter als die Washingtons: Rückzug aus dem Handelsblock RCEP, Verbot von TikTok und mehreren hundert chinesischen Apps, Genehmigungspflicht für chinesische Investitionen, stiller Ausschluss chinesischer Anbieter aus dem 5G-Netz. Die schwierigste Beziehung der Region bewegt sich wieder: Die 25. Runde der Gespräche der Sonderbeauftragten am 25. August in Peking brachte eine gemeinsame Erklärung, zwei neue militärische Direktleitungen und die Absprache, zunächst die weniger umstrittenen Grenzabschnitte zu markieren. Direktflüge verkehren wieder, die Investitionsauflagen der sogenannten Press Note 3 wurden im März gelockert, drei Grenzmärkte haben erneut geöffnet.
Narendra Modi im Gespräch mit Irans Präsident Massud Peseschkian am Rande des SCO-Gipfels in Bischkek am 31. August 2026.
© IMAGO/Pib/Press Information
Die Funktion des Störenfrieds
Vor diesem Hintergrund sind Indiens Auftritt in Bischkek und sein Brics-Vorsitz zu lesen, nicht als Richtungswechsel. Historisch war Indiens Rolle in diesen Organisationen die des Störenfrieds, nicht die des Enthusiasten. Indien ist das einzige SCO-Mitglied, das die Neue Seidenstraße nie gebilligt hat. Seit dem Gipfel von Qingdao 2018 muss die Organisation die zustimmenden Staaten einzeln aufführen, weil Indien nicht unterschreibt. 2023 verweigerte Neu-Delhi die Unterschrift unter die Wirtschaftsstrategie der SCO, weil der Text zu viele chinesische Formulierungen enthielt. Im Juni 2025 unterzeichnete Verteidigungsminister Rajnath Singh das Kommuniqué seines Ressorts nicht, weil darin der Anschlag von Pahalgam fehlte. Da die SCO im Konsens entscheidet, endete das Ministertreffen ohne Dokument. Die China Academy, ein Pekinger Thinktank, nannte Indiens Verhalten in der SCO „obstruktiv und störend“.
In den Brics wiederholt sich das Muster. Indien lehnt die Idee einer „Brics-Währung“ offen ab, Außenminister S. Jaishankar hat wiederholt erklärt, sein Land verfolge keine Politik der Ablösung des Dollars. Am indischen Widerstand scheiterte die gemeinsame Währung bereits beim Gipfel in Kasan, und vor dem Außenministertreffen im Mai bekräftigte das Ministerium, dass Entdollarisierung nicht auf Indiens Agenda steht.
Unter Indiens eigenem Vorsitz ist dieselbe Funktion bereits sichtbar. Vier Tage nach der amerikanischen Operation in Caracas im Januar verzichtete Indien als Vorsitzland auf jede Kritik an Washington, während Russland, China, Brasilien und Südafrika sie äußerten. Auch nach den Schlägen gegen Iran, ein Mitglied der Brics, endete ein Treffen der stellvertretenden Außenminister zu Westasien am 24. April in Delhi ohne gemeinsame Erklärung. Der Vorsitz legte einen eigenen Text vor, der weder Iran noch einen Verantwortlichen nannte.
Was in Delhi auf dem Spiel steht
Am 12. und 13. September empfängt Indien die Staats- und Regierungschefs der Brics-Staaten im Bharat Mandapam. Putins Teilnahme steht fest, Peking hat die Xi Jinpings am Donnerstag bestätigt. Es ist sein erster Besuch in Indien seit 2019 und der erste seit den tödlichen Zusammenstößen im Galwan-Tal. Drei Fragen entscheiden über den Ausgang des Gipfels.
Erstens die Sprache zum Iran-Krieg. Das Außenministertreffen im Mai endete mit einem von Indien vorgelegten Vorsitzdokument, dessen 63 Absätze zwei Vorbehalte in Fußnoten und einen Hinweis auf „unterschiedliche Auffassungen“ zu Westasien enthielten. Präsident Peseschkian reist selbst nach Delhi und wird, ermutigt durch Bischkek, auf schärfere Formulierungen drängen. Ob Indien sie als Vorsitzland und in der eigenen Hauptstadt zulässt, ist der eigentliche Test.
Zweitens die Zahlungssysteme. Indiens Agenda lautet: Abrechnung in Landeswährungen, Interoperabilität der Zahlungssysteme, Verknüpfung digitaler Zentralbankwährungen. Das ist Risikostreuung, keine gemeinsame Währung, und auf dieser Unterscheidung beruht Indiens Position.
Modi im Gespräch mit Chinas Präsident Xi Jinping und Russlands Präsident Wladimir Putin beim SCO-Gipfel in Tianjin am 1. September 2025.
© ANI/imago
Drittens die Folgen der Hormus-Krise. Brent-Öl hat erstmals seit 2022 die Marke von 100 Dollar überschritten, die Kriegsrisikoversicherung für eine einzelne Passage durch die Straße stieg von rund einer Viertelmillion Dollar vor dem Krieg auf bis zu zehn Millionen. Iran hat öffentlich erklärt, es lasse Handelsschiffe aus Indien, China und Russland passieren, jene seiner Gegner dagegen nicht. Washington warnt zugleich, kein Land dürfe Iran bei der Umgehung von Sanktionen helfen. Indische Diplomaten lassen durchblicken, dass ihnen an praktischen Absprachen zu Handel und Finanzen gelegen ist, nicht an einer Liste von Beschwerden über den Westen.
Was in Delhi nicht zu erwarten ist, ist die Verfestigung der Brics zu einer antiwestlichen Front. Indien wird das nicht zulassen, nicht auf Wunsch Washingtons, sondern um seine eigene strategische Autonomie zu sichern. Derselbe Impuls erlaubte es Neu-Delhi, trotz Trumps Drohungen nach Bischkek zu reisen, dort die Erklärung mitzutragen und Putin am selben Tag ins Gesicht zu sagen, man müsse „vom endlosen Krieg zum Ende des Krieges“ kommen. Ob Modi Ähnliches gegenüber Trump gelingt, ist offen.
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Erst Brics-Gipfel, dann Scholz-Besuch: Wo steht Indien in der neuen Weltordnung?
Für Europa ist das keine ferne Angelegenheit. Dass die Brics bislang kein antiwestlicher Block geworden sind, verdankt sich weniger europäischer Diplomatie als indischem Eigeninteresse: ein öffentliches Gut, das Europa jahrelang konsumiert hat, ohne dafür zu zahlen. Die Frage ist, ob es bereit ist, mehr zu zahlen als ein Handelsabkommen, wenn Washington den Druck auf Neu-Delhi erhöht. Indiens Antwort auf amerikanische Willkür bestand darin, sich Optionen zu verschaffen. Europa hat dieselbe Lektion noch vor sich, und weniger Zeit dafür.
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