Der Senator hat ein Loch im Strumpf. Linker Fuß, auf der Sohle, direkt am Ballen. An einem ganz normalen Freitagmittag im Dienst wäre das nicht weiter aufgefallen - auch nicht an einem Sonntag, an dem Ehrhart Körting, Berlins Innensenator von der SPD, gelegentlich zum evangelischen Gottesdienst in die Kirche geht. Aber heute ist kein normaler Freitagmittag. Heute kniet Körting gemeinsam mit ein paar Hundert Muslimen in einer Moschee und betet. Er hat, wie alle, seine Schuhe am Eingang ausgezogen. Er hockt, wie alle, auf dem grünen Teppichboden. Er verbeugt sich, wie alle, gen Mekka, als der Imam zum Gebet ruft. Mekka, die heiligste Stadt, liegt von hier aus ungefähr in Richtung Schönefeld.Die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm, ein prachtvoller Neubau mit zwei Minaretten, betrieben vom türkischen Religionsverein Ditib, hat den 63-jährigen Christen zum Freitagsgebet eingeladen, dem für Muslime wichtigsten Gebet der Woche. Gemeinsam wollen sie beten für die Freilassung der kürzlich im Irak entführten Deutschen Susanne Osthoff - die selbst Muslima ist. Körting betritt gegen zwölf Uhr den reich verzierten und schon voll besetzten Saal und hockt sich mit seinem Begleiter Ali Gülcek, dem Generalsekretär von Ditib, rechts an die Seite in einen der Bogengänge. Links unter der hohen Kuppel steht der Imam, im dunklen Umhang, eine weiße Kappe auf dem Kopf, und trägt mit lauter Stimme eine Predigt auf Türkisch vor.Weiches Licht fällt von oberhalb der Galerie durch die Fenster aus rotem, blauem und weißem Glas. In der Mitte des Saales hängt ein gewaltiger goldener Leuchter, vorne an der weißen Wand stehen arabische Schriftzeichen auf einer Bordüre, gold auf dunkelblauem Grund. In diesem Raum sitzen nur Männer, sie heben die Hände, streichen sich übers Gesicht, sie legen mit geöffneter Hand die Daumen an die Ohren, sie knien nieder, beugen den Oberkörper nach vorn, legen die Stirn auf den Boden und stehen wieder auf, einmal, zweimal, dreimal, viermal. "Allahu akbar" singt eine Stimme durch Lautsprecher, Gott ist groß. Körting macht alles mit, fast alles. Er imitiert einfach seinen Begleiter, er kniet nieder und steht auf, den Kopf aber senkt er nicht ganz auf den Boden - und statt der vielen Handbewegungen faltet er lediglich seine Hände wie ein Christ zum Gebet.Der Senator ist nicht zum ersten Mal in einer Moschee, aber es ist das erste Mal, dass er an einem Freitagsgebet teilnimmt. "Ich habe einfach gebetet", sagt er hinterher, als er sich mit den Ditib-Leuten kurz zusammensetzt. "Es war natürlich ein anderes Gebet mit anderen Worten als die, die um mich herum waren." Er freue sich über die Einladung, sagt der Senator, dies sei ein sehr gutes Signal der muslimischen Gemeinde. Heute werde in vielen Berliner Moscheen gegen den Terrorismus gepredigt. "Das ist etwas, das uns verbindet." Hüseyin Midik vom Ditib-Vorstand liest eine Erklärung der Gemeinde vor, in der die Freilassung von Susanne Osthoff gefordert wird. Viele Journalisten, sagt er, hätten ihn heute nach dem Grund für die Einladung gefragt. "Aber wir brauchen keine Begründung, es ist eine Selbstverständlichkeit", sagt er. Die Moschee sei immer offen für alle. "Es ist ein Stück Normalität", sagt Körting.Das ist es nicht, noch nicht, und natürlich weiß das auch der Senator, der anschließend noch in die Emir-Sultan-Moschee der Islamischen Föderation fährt. Kurz vorher wird er nach Yakup Tasci gefragt, dem Imam der Kreuzberger Mevlana-Moschee, den Körting wegen seiner Predigten ausweisen will. Tasci setzte jetzt durch, dass er nicht mehr Hassprediger genannt werden darf. Er habe dennoch keine Zweifel an seiner Kritik an dem Imam, sagt Körting. "Wie diese Sache ausgeht, wird jetzt vor Gericht geklärt."------------------------------Foto : Körting auf Knien: Der Senator betete für die im Irak entführte Deutsche.
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