Vom 16. bis 20. September verwandelt das Internationale Chorfest Magdeburg die Landeshauptstadt wieder in eine singende Stadt. Chöre aus sieben Ländern reisen an – darunter Ensembles aus der Ukraine, aus Ghana und Malaysia. Insgesamt werden um die 45 Chöre in der Stadt unterwegs sein.
Mitverantwortlich für das Fest ist Christel Kanneberg, Geschäftsführerin des Chorverbandes Sachsen-Anhalt. Die gebürtige Magdeburgerin ist im Kinder- und Jugendchor ihrer Heimatstadt groß geworden, studierte in Hannover Schulmusik – entschied sich jedoch gegen die Schule und für das Kulturmanagement. 2025 gründete sie den Popchor Magdeburg. Zur ersten offenen Probe kamen über 150 Anmeldungen – so viele, dass sie zwei Chöre daraus machte. Ein Gespräch über Endorphine, Vorurteile, den Wert von Kultur – und die Ungewissheit, ob das Fest eine Zukunft hat.
Das zentrale Versprechen des diesjährigen Internationalen Chorfestes ist „Singen verbindet“. Kann gemeinsames Singen tatsächlich politische oder gesellschaftliche Gräben überwinden?
Ich bin der Überzeugung, dass es das kann. Ich empfinde Chöre als demokratische Keimzellen. Da kommen Menschen zusammen, die sich im Alltag normalerweise nicht begegnen würden, und sie müssen einander zuhören – erst mal im musikalischen Sinne. Aber das hilft, sich auch in anderen Belangen zuzuhören. Dazu kommt: Singen bringt Endorphine nach oben, unsere Herzschläge synchronisieren sich beim gemeinsamen Singen. Das hat körperliche Auswirkungen, die wiederum auf die Psyche und auf das Gruppengefühl wirken.
Es kommen Chöre aus sieben verschiedenen Ländern zusammen, darunter auch aus der Ukraine. Wie politisch darf oder sollte ein Chorfest sein?
Wir stehen mit dem Chorfest sehr klar für Völkerverständigung und für Vielfalt und sind überzeugt, dass wir in der Vielfalt besser sind als ohne sie. Wir stehen auf dem Boden des Grundgesetzes, für Respekt, für Toleranz, für eine weltoffene Gesellschaft. Die Würde des Menschen ist für uns unantastbar, das ist unser Grundsatz. Chorkultur ist auf der Welt super unterschiedlich und befruchtet sich gegenseitig – wir sind dankbar, dass es diesen Austausch gibt.
Wie unterscheidet sich die Chorkultur in verschiedenen Ländern?
Vom Repertoire natürlich, weil es ganz unterschiedliche Musikkulturen gibt. Wir sind hier relativ westzentriert. Wir haben aber zum Beispiel auch einen malaysischen Chor dabei – das ist vollkommen anders. Hier ist es sehr üblich, aus Noten zu singen. Es gibt aber Kulturen, in denen sehr viel mündlich tradiert wird, deswegen ist auch die Chortradition anders.
Sie sagen, das Fest steht für Demokratie und Vielfalt. Erreicht man mit solchen Festen die Gesellschaft in ihrer Breite, oder bleibt man doch immer „unter sich“?
Erst mal würden nur die kommen, die sowieso mit einem Chor verbunden sind. Deswegen entwickeln wir neue Formate, zum Beispiel „Sing & Drink“: Da gehen wir in die Bars und Cafés am Hasselbachplatz, der Eintritt ist frei, die Chöre singen einfach dort. So wollen wir Menschen abholen, die sich normalerweise kein Chorkonzert anhören würden. Und wir versuchen immer, das gemeinsame Singen anzubahnen. In der Vorbereitung meines Chores habe ich ständig gehört: „Ich singe total gerne, aber nicht gut.“ Da wollen wir Brücken bauen.
RIAS Kammerchor Berlin: „Ein Chorsänger ist wie ein Hochleistungssportler“
Musik und Historie: 63. Choriner Musiksommer in Kloster Chorin
Chorgesang hat bei vielen Menschen ein bestimmtes Image: relativ bieder, ältere Generationen, mehr Vereinsheim als moderne Kulturszene. Wie viel Wahrheit steckt in diesen Vorurteilen?
Natürlich ein Quäntchen Wahrheit. Ich glaube aber, dabei wird oft nicht gesehen, was alles dahintersteckt: das ganze Engagement, die Gruppenzugehörigkeit, die Selbstwirksamkeit, weil man ja selber singt. Und es gibt mittlerweile so viele unterschiedliche Chöre, auch in Sachsen-Anhalt. In Mansfeld-Südharz zum Beispiel den MSH-Partychor: über 100 Leute, große Open-Air-Konzerte, Auftritte mit eigener Band. Der macht vor, dass man Chor ganz anders denken kann.
Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Kriege herrschen und die Gesellschaft sich zunehmend spaltet, wird der Kultur gerne die Aufgabe zugeschrieben, Menschen wieder zusammenzubringen. Ist das manchmal auch eine überfordernde Aufgabe?
Ich glaube nicht. Das Problem ist eher, dass Kultur immer als Beiwerk dargestellt wird. Dabei bedeutet Kultur immer Austausch, Dialog, sich mit anderen Sachen konfrontieren. Wenn wir das von Anfang an mehr wertschätzen würden – auch in der Kita und dann durch die ganze Bildungslandschaft hindurch –, dann wären wir eine zufriedenere und zusammenhaltendere Gesellschaft. Und gar nicht so angreifbar für die Spaltung und vor allem für das, was leider sehr wirksam ist: Angst, die uns gemacht wird.
Deswegen bräuchten wir einen höheren Stellenwert der Kultur – und eine entsprechende Förderung. Es ist ja immer noch so, dass Kultur nichts kosten darf. Viele verstehen gar nicht, dass das Arbeit ist, dass Honorare gezahlt werden müssen. Auch als Chorleiterin: Natürlich macht mir das Spaß, aber es ist etwas, wofür ich eine Ausbildung gemacht habe und hart arbeite. Menschen haben Mitgliedschaften in Fitnessstudios – und der Chor darf keine drei Euro im Jahr kosten. Das ist eine Verzerrung.
Der Magdeburger Chor „Gospel Connection“ beim „Sing'n'Drink“ im Café M2 am Hasselbachplatz.
© Viktoria Kuehne
Sind Chöre in Sachsen-Anhalt stärker vertreten als in anderen Bundesländern?
An der reinen Anzahl ist das nicht abzulesen, wir sind ja ein kleines Bundesland. Aber wir haben eine große, historisch gewachsene Chorkultur. Zwei Schulen haben ein Extra-Profil in Richtung Chor: das Landesgymnasium in Wernigerode und die Landesschule Pforta. Und im ländlichen Raum sind Chöre oft eine der letzten Kulturbastionen, die wir haben.
Die Sonne hat ihre Klänge zurück: 63. Choriner Musiksommer eröffnet
Politikberater am Dirigentenpult: Eigentlich analysiert Werner Patzelt Parteien, hier leitet er eine Musikwoche
Welche Botschaft soll von diesem Chorfest ausgehen?
Es gibt immer noch Chöre, die sich nicht trauen, zu solchen Veranstaltungen zu gehen, weil sie Angst haben, dass sie dort nicht hingehören. Ich würde alle ermutigen, das als Chance zu begreifen – so ein gemeinsames Event schweißt noch mal ganz anders zusammen. Und: Wir können dieses Projekt nur in einer offenen und freien Gesellschaft weiterführen. Wir werden unseren Beitrag dazu leisten, dass unsere Gesellschaft wieder näher zusammenrückt. Es sind schwere Vorzeichen, auch für uns und für das Chorfest. Aber wir müssen weitermachen und wir werden weiterkämpfen.
Glauben Sie, es könnte das letzte Internationale Chorfest sein?
Wenn es hart auf hart kommt, ja.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]