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Die Lausitzer Slawen, Teil 11: Sorbische Kultur ist deutsche Kultur

Ein Plädoyer für die Anerkennung und Förderung der sorbischen Sprache, Geschichte und kulturellen Identität – vor allem für ein Ende der Ausgrenzung.

Peter Kroh
Peter Kroh
14 Min
Kennzeichen D und ganz schön viel Deater: deutsch-sorbisches Miteinander in Bautzen

Kennzeichen D und ganz schön viel Deater: deutsch-sorbisches Miteinander in Bautzen

© Steinach/Imago

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Vorwort

Seit Jahrhunderten lebt ein kleines slawisches Volk unter, neben und mit den Deutschen. Es unterscheidet sich bis heute von den Deutschen durch eine eigene Sprache, eigene Sitten, Bräuche und Traditionen sowie eine eigene Hymne und Fahne.

Vor allem die Industrialisierung sowie juristische und politische Restriktionen bewirkten, dass die slawische Mehrheitsbevölkerung in ihrem Siedlungsgebiet im Verlaufe der Zeiten zu einer ethnischen Minderheit wurde.

Mit allen deutschen „Obrigkeiten“ gab es mal mehr, mal weniger heftige Differenzen. Dabei passte sich das Verhalten vieler Lausitzer Slawen an die Verhältnisse an, ohne dass sie ihre slawische Identität vollständig aufgaben. Andererseits gab es stets Gruppen und Persönlichkeiten, die sich dafür engagierten, über die eigenen Angelegenheiten, Rechte und Interessen selbst bestimmen zu können.

Wesentliche Momente dieses Ringens aus den letzten knapp 200 Jahren sollen hier nachgezeichnet werden.

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Wenn spontan gefragt wird, was „deutsche Kultur“ ist, dann antworten die einen: „Bier trinken, Currywurst essen, Fußball gucken.“ Andere sagen: „Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald.“ Oder: „Lederhose, Schuhplattler und Oktoberfest.“ Der Nächste nennt zuerst „Gartenzaun und Nachbarschaftsstreit“, „Handtuch auf der Liege, weiße Socken in Sandalen“ oder „Schützenfest und Bürokratie“. Sehr oft wird man hören: „Pünktlichkeit, Fleiß und Disziplin.“ Andere denken an Goethe, Schiller, Lessing, Johann Sebastian Bach, Beethoven, Kölner Dom, Dresdner Frauenkirche, Hamburger Elbphilharmonie, Schloss Neuschwanstein. Manche verbinden mit deutscher Kultur „das Land der Dichter und Denker“. Andere denken eher an „das Land der Richter und Henker“. Für viele ist Kultur identisch mit Sprache, Bräuchen, Sitten und Regeln. Hinzu kommt: Der Mecklenburger definiert und praktiziert Kultur anders als der Schwabe, und beide wiederum anders als der Bayer oder Sachse.

Deutsche Kultur hat offensichtlich stets einen territorialen und „landsmannschaftlichen“ Aspekt. Nicht vergessen werden darf: Alle Kultur ist stetem Wandel unterworfen. Ein wichtiger Aspekt deutscher Kultur um die Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert bestand darin, in den Bürgern der deutschen Lande Nationalstolz zu entwickeln, vor allem, um vereint gegen Napoleon zu kämpfen. Das nur 47 Jahre existierende deutsche Kaiserreich hat vor allem durch die Dominanz Preußens zu deutscher Kultur – im Guten wie im Schlechten – beigetragen. Zur deutschen Kultur der Weimarer Republik, die nur 15 Jahre währte, zählen nicht nur die „Goldenen Zwanziger“, sondern auch der erste, letztlich missglückte Versuch der Deutschen, Demokratie zu lernen.

Die Kultur derer „da oben“ und derer „da unten“

Antisemitismus, Slawenfeindlichkeit, Völkermord, Arier- und „Untermenschen“-Ideologie sowie Krieg waren in den zwölf dunklen Jahren des Faschismus eher eine Kulturschande, ein Beitrag zur Zerstörung aller Kultur. Vieles davon war schon vorher embryonal vorhanden.

Nicht übersehen werden darf bei dieser groben Skizze deutscher Kultur, dass es in ihr immer auch Unterschiede zwischen der Kultur derer „da oben“ und derer „da unten“ gab. Der Feudalherr lebte in einer anderen Kultur als die Leibeigenen. Reichskanzler Bismarcks kulturelle Werte waren andere als die des Sozialistenführers Bebel. Die Schlosser, Schweißer und Landarbeiter Krause, Schmidt und Lehmann lebten mit ihren Frauen und Kindern eine andere Kultur als die Familien Siemens, Krupp und die ostelbischen Junker. Kultur hat offensichtlich stets einen sozialen und politischen Aspekt.

Ein besonders anregendes Beispiel für die territorialen, landsmannschaftlichen, sozialen und politischen Aspekte der Kultur ist das Hambacher Fest zu Pfingsten 1832. Rund dreißigtausend Deutsche, Polen und Franzosen lehnten sich auf gegen hohe Steuern, Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit und Metternichs Spitzelsystem. Sie forderten Meinungsfreiheit, Demokratie und Volkssouveränität, Gleichberechtigung zwischen den Nationen ebenso wie zwischen Mann und Frau.

Wer zu den Feinden der „deutschen Kultur“ zählte

Besonders abstoßend und hässlich zeigten sich die verschiedenen Aspekte aller Kultur in der Tätigkeit des „Kampfbundes für deutsche Kultur“ in der Nazi-Zeit. 1928 vom späteren Nazi-Chefideologen Alfred Rosenberg gegründet, betrieb er einen antisemitisch und antislawisch ausgerichteten „Wiederaufbau der deutschen Kultur“. Was dem widersprach, wurde „niedere Kultur“, „Entartung“, „Kulturverfall“ oder „Kulturbolschewismus“ genannt und sollte beseitigt werden.

Die Kultur der nordisch-arischen Völker – so wurde behauptet – besäße einen Führungsauftrag, vor allem gegenüber den slawischen Völkern Osteuropas. In der Zeitschrift des Kampfbundes wurden die Feinde „deutscher Kultur“ beim Namen genannt: u.a. Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Thomas Mann, Bertolt Brecht, George Grosz, Ernst Toller, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz. Schlimmste „Höhepunkte“ dieser höheren „deutschen Kultur“ waren die organisierten Bücherverbrennungen im Mai 1933 und die darauffolgende planmäßige Menschenvernichtung in den KZs.

Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg entwickelte sich langsam die Haltung, Deutschland werde in die Weltgemeinschaft nur zurückkehren können, wenn es jeden Anschein vermeide, „deutsche Kultur“ diene dazu, andere auszugrenzen oder auf sie herabzusehen.

Über vier Jahrzehnte entwickelten sich – bei allem unübersehbaren gemeinsamen Erbe – unterschiedliche Kulturen in der BRD und der DDR. Nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes sucht die Bundesrepublik Deutschland nach ihrer kulturellen Identität und den bewahrenswerten kulturellen Traditionen.

Im Programm der CDU ist von „Leitkultur in Deutschland“ (Grundsätze Nr. 37 und 57) die Rede. Das Grundsatzprogramm der CSU enthält ein Bekenntnis zur „deutschen Kulturnation“ und zur „deutschen Leitkultur“. Hört man auf die zu diesem Thema gehaltenen erklärenden Reden, dann ist die deutsche Leitkultur geprägt von der Aufklärung, dem Humanismus und den universellen, unveräußerlichen und unteilbaren Menschenrechten, basierend auf dem Grundgesetz.

Die sorbische Grundschule Sula Cisinskeho in Panschwitz-Kuckau: Die Beseitigung des Lehrermangels an sorbischen Schulen ist eine hochbrisante, aktuell die bedrängendste Forderung an eine veränderte deutsche Kulturpolitik.

Die sorbische Grundschule Sula Cisinskeho in Panschwitz-Kuckau: Die Beseitigung des Lehrermangels an sorbischen Schulen ist eine hochbrisante, aktuell die bedrängendste Forderung an eine veränderte deutsche Kulturpolitik.

© Imago

Der Kern des Grundgesetzes

Solchen Reden stimme ich in vollem Umfang zu. „Aufklärung“ bezeichnet bekanntlich eine geistige und soziale Reformbewegung, die darauf abzielt, durch rationales Denken Zustände zu überwinden, die Wohlstand für alle Menschen verhindern. Aufklärer bekämpfen mit Vernunft und Sachlichkeit Vorurteile, treten für religiöse Toleranz ein und sehen im Gemeinwohl eine Pflicht des Staates.

„Humanismus“ heißt, jeder und jedem zu ermöglichen, die eigene Persönlichkeit zu entfalten. Humanisten respektieren Menschen anderer Kultur, Sprache, Weltanschauung und Religion, treten für Solidarität, Gleichberechtigung der Geschlechter und friedlichen Austausch von Ideen ein. Damit einher geht Kritik an Verhältnissen, die dem entgegenstehen.

Zum unveränderlichen Kern des Grundgesetzes gehört die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen. Das bedeutet, jedem Menschen gebührt Achtung. Die Menschenwürde ist vorstaatlich gegeben. Sie kann niemandem aberkannt werden. Alle staatliche Gewalt – so bestimmt es das Grundgesetz weiter – hat die Würde aller Menschen zu achten und zu schützen. Politiker, Regierungen, Polizisten, Verwaltungsbeamte, Parlamentarier, Richter haben also durch ihre Entscheidungen dafür zu sorgen, dass kein Mensch verächtlich, sorglos oder rabiat behandelt wird, sondern in jedem Fall als Mensch respektiert wird.

Dem entspricht leider nicht immer die gesellschaftliche Wirklichkeit in der Bundesrepublik. Natürlich wäre es falsch und oberflächlich, sie mit der Weimarer Republik gleichzusetzen. Vorbei sind die Zeiten, als in Deutschland die Maxime Heinrich von Treitschkes (1834 bis 1896) galt, wonach „das für die Nationen geltende Recht durch die Macht geschaffen“ werde und „Minderheiten stets im Unrecht sind, denn die Mehrheit hat ja die Macht“. (vgl.: Pressestimmen, in: KW 2/1930, S. 51) Nein – Berlin ist nicht Weimar! Die Unterschiede sind bedeutsam und gravierend. Gleichwohl gehört an diesen Satz ein großes ABER.

An Töne von 1931 erinnert

Eine nicht kleine Gruppe der Deutschen sowie Politiker in mehreren deutschen Parteien kümmert der Bezug auf Aufklärung, Humanismus und Grundgesetz nicht. Sie sorgen sich mehr darum, wie man auf rechtsförmige Weise Menschen ausgrenzen kann.

Dazu zähle ich manche Vorschrift für die Auszahlung der Grundsicherung, Diskussionen um „Obergrenzen“ für Flüchtlinge, die mehrfache Verschärfung des Asylrechts. All das und weitere Realitäten bewirkten und bewirken seit Jahren etwas gänzlich anderes, als es die politischen Erklärungen zur deutschen Leitkultur vermuten lassen. Vergleicht man die Leitkultur-„Definitionen“ mit dem verbreiteten Umgang mit Asylbewerbern, fällt mir das Bild vom „hölzernen Ofen“ ein. Wer so ein Monstrum konstruiert, schafft einen „Scheiterhaufen“. Auch für die Praxis „deutscher Leitkultur“ gilt: „Nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten sollt ihr sie erkennen.“ (vgl.: 1. Johannes 2, 1–6)

Mitunter fühle ich mich bei einzelnen Äußerungen zu Ausländern an Töne von 1931 erinnert, als die Nazis „keine nichtdeutsche Einwanderung (wünschten)“ und „versprachen, das Reich von solchen unliebsamen Elementen zu säubern“, damit „die Nichtdeutschen nur als Gäste im deutschen Staat unter Fremdenrecht leben können“. (Unser Grenz- und Auslandsdeutschtum, Bd. 23 der Nationalsozialistischen Bibliothek, zitiert nach: Kulturwehr, Heft 10/1931, S. 360 f.)

Nicht zu übersehen ist vor allem: Sehr oft brennt irgendwo in Deutschland ein Heim für Asylbewerber. Synagogen und jüdische Schulen oder Kindergärten müssen mit Pollern und Wasserwerfern besonders geschützt werden. Jüdische Friedhöfe werden wieder geschändet. Rund ein Drittel der Deutschen ist latent antisemitisch. Die Bereitschaft und Fähigkeit zur Entzivilisierung sind so manchem Deutschen entweder nicht abhanden gekommen oder neu ausgeprägt worden. Die „Schatten“ des Dritten Reiches fallen noch immer in unsere Gegenwart. Millionen Deutsche, viele Flüchtlinge und nicht wenige Lausitzer Slawen fühlen sich ohnmächtig, machtlos gegenüber den Verhältnissen.

Manche „erheben“ sich, indem sie andere erniedrigen. Immer mal wieder werden in Deutschland lebende Angehörige von Minderheiten in gute und schlechte, in kluge und dumme, in integrierte und integrationsunwillige kategorisiert. Das ist entweder leichtsinnig-dumm oder wohlkalkuliert-raffiniert-schlau. In jedem Fall sind hier Stichwortgeber, Einflüsterer, Türöffner, Hemmungsbeseitiger zu hören. Denn: Wie weit ist es von diesen Kategorisierungen zum „Untermenschen“ und zur „Herrenrasse“? Wie weit ist es von dieser Sortierung zur Vernichtung dessen, was nicht ins eigene Welt- und Menschenbild passt?

Deutsch-sorbisches Stelldichein: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r.) und seine Frau Elke Büdenbender (l.) posieren im Januar 2019 für ein Bild mit Babett Zenker. Letztgenannte leitete über drei Jahrzehnte das Heimatmuseum in Dissen/Dešno.

Deutsch-sorbisches Stelldichein: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r.) und seine Frau Elke Büdenbender (l.) posieren im Januar 2019 für ein Bild mit Babett Zenker. Letztgenannte leitete über drei Jahrzehnte das Heimatmuseum in Dissen/Dešno.

© Emmanuele Contini/Imago

Verlacht, beschämt, gedemütigt

Die Praktizierung von deutscher Leitkultur unterscheidet sich von dem an Aufklärung, Humanismus und Grundgesetz orientierten Verständnis wie die Standpunkte von Anhängern des ptolemäischen und des kopernikanischen Weltbildes. Beide redeten bekanntlich über Sonne, Mond und Erde. Nur einer von beiden aber liegt nahe an der Wahrheit.

Die Überbewertung und Glorifizierung deutscher Leitkultur ist, begleitet von Herabwürdigung und Diffamierung einer fremden Kultur, ein Ausdruck scharfer sozialer, ökonomischer und ideologischer Konflikte. Sie ist im Kern nichts anderes als der Wille, eine andere Kulturgattung neben sich nicht zu dulden, sondern die eigene deutsche mit allen Mitteln durchzusetzen.

Heute gibt es weder offiziell beschlossene Repressionen gegen die Sorben noch geheimpolizeiliche Überwachung. Aber es gibt eine sorbenfeindliche Radikalisierung in der Lausitz, die sich wohl auch aus Verlustängsten, vor allem aber aus nationalistischer Überheblichkeit speist.

Lausitzer Slawen, die ihre Muttersprache in der Öffentlichkeit nutzen, werden verlacht, beschämt, gedemütigt, ja auch geschlagen. Rechtsextremistisch-antislawische Schmähungen finden sich an Bushaltestellen, auf Sportplätzen, an den Außenmauern sorbischer Kultureinrichtungen. Tafeln der Sorbischen Kulturinformation wurden in Brand gesteckt, christliche Wegkreuze mit sorbischer Inschrift werden zerstört. Lausitzer Slawen sind konfrontiert mit beschmierten sorbischen Ortsnamenschildern, mit Nazi-Symbolen und rassistischen Parolen an sorbischen Einrichtungen. Sorbische Beschriftungen an Gebäuden der öffentlichen Verwaltung wurden überklebt. Offensichtlich schlägt hier eine menschenfeindliche Interpretation deutscher Leitkultur in blinden Hass und physische Gewaltexzesse um.

Kultur ist für jedes Volk, erst recht für ein kleines wie die Lausitzer Slawen, von fundamentaler Wichtigkeit. Diesbezüglich sind im Umgang mit den Sorben, mit Staatsbürgern der Bundesrepublik Deutschland also, Probleme nicht zu übersehen. Schwer tut sich der deutsche Staat mit einer gesicherten, kontinuierlichen und dynamisierten Zuweisung finanzieller Mittel. Noch immer gibt es kein Klagerecht sorbischer Vertretungen in Angelegenheiten, die sie direkt betreffen. Für die deutsche und die sorbische Kultur gilt gleichermaßen: Wer der Kultur die Mittel kürzt, wird in Zukunft sozial verarmen und politisch verkümmern.

Das gilt insbesondere in der Bildung. Es ist scheinbar zu wenig Geld da, um mehr sorbische Lehrer, Erzieher und Kindergärtnerinnen auszubilden. Die Beseitigung des Lehrermangels an sorbischen Schulen ist eine hochbrisante, aktuell die bedrängendste Forderung an eine veränderte deutsche Kulturpolitik. Es mangelt zudem an verbindlichen Zusagen, die die Existenz sorbischer Schulen garantieren. Zu oft wurden und werden sie aus rein finanzpolitischen Erwägungen geschlossen. Jede Schließung einer sorbischen Schule aber ist minderheitsfeindlich und kulturzerstörerisch, weil sie schleichende Assimilierung bewirkt – gewollt oder nicht.

Die für deutsche Schulen geltende Klassenstärke von mindestens 20 Schülern ist für Schulen der Minderheit de facto ungerecht, denn Ungleiches wird gleich behandelt. Der allgemeine Gleichheitsgrundsatz besagt bekanntlich: Wesentlich Ungleiches ist ungleich und wesentlich Gleiches ist gleich zu behandeln. Nebenbei: In Tschechien liegt die Klassenstärke für Schüler aus nationalen Minderheiten bei zehn, in Rumänien sogar bei acht. Und in der BRD soll nicht genügend Geld für eine ähnliche Regelung da sein?

Der Bund ist in hohem Maße gefordert

Die Kultur der Lausitzer Slawen ist ein lebendiger Teil der Kultur Deutschlands. Die Sorben belegen ihr kulturelles Niveau unter anderem mit ihrer Zweisprachigkeit. Sie achten und respektieren die Sprache der Mehrheitsbevölkerung. Sie kennen auch die deutsche Fahne und Hymne. Wie viele Anhänger „deutscher Leitkultur“ aber wissen, dass die Lausitzer Slawen nicht nur eine eigene Sprache haben, sondern auch eine offiziell anerkannte Fahne und Hymne haben?

„Naša chorhoj módra, čerwjena, bĕła“ (Unsere Fahne ist blau, rot, weiß) dichteten und komponierten 1947 Jurij Brĕzan und Jurij Winar. Den Text der Hymne Rjana Łužica (niedersorbisch „Rědna Łužyca“) verfasste 1827 der damals 23-jährige sorbische Theologiestudent Handrij Zejler. Korla Awgust Kocor komponierte 1845 eine Melodie und brachte die Hymne auf dem 1. Sorbischen Sängerfest am 17. Oktober 1845 in Bautzen zur Uraufführung.

Neben den Ländern Brandenburg und Sachsen ist vor allem der Bund in hohem Maße gefordert. Nicht die Regierungen der Bundesländer, sondern die Bundesregierung hat am 5. November 1992 die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (ECRM) unterzeichnet, am 16. September 1998 ratifiziert und zum 1. Januar 1999 in Kraft gesetzt. Dieser völkerrechtliche Vertrag dient dem Ziel, die sprachkulturelle Vielfalt in Europa zu schützen und zu fördern sowie geschichtlich gewachsene Sprachen vor dem Aussterben zu bewahren.

Die Bundesrepublik steht deshalb in der Pflicht, sorbische Volkskunst in Lied, Tanz, Poesie und bildender Kunst zu schützen und zu fördern, weil damit ein beständiger Beitrag zur Identität der Lausitzer Slawen geleistet wird. Geschützt und gefördert werden muss auch das „Serbski ludowy ansambl“ (Sorbisches Nationalensemble). Es pflegt mit Ballett, Chor und Orchester kulturelle Traditionen der Sorben und macht sie auf allen Kontinenten bekannt. Schutz und Förderung braucht das „Nemsko-Serbske ludowe dźiwadło“ (Deutsch-Sorbisches Volkstheater), weil es das einzige professionelle Theater ist, in dem Schauspiel und Puppenspiel auch in sorbischer Sprache inszeniert werden. Zu schützen und zu fördern ist die Gestaltung der sorbischen Bräuche des Jahresablaufs, aber auch von kirchlichen Festen.

Förderung und Schutz braucht der Erhalt spezifischer Architektur, etwa die vor allem in der Schleifer Region anzutreffende Blockbauweise. Zu schützen und zu fördern ist das Volksmusikantentum mit dem sorbischen Dudelsack. Zu schützen und zu fördern sind Personen und Vereine, die sich um die Bewahrung der vielfältigen sorbischen Trachten und den dafür notwendigen „Techniken“ verschiedenster Stickereien sorgen. Stetige Förderung, das heißt eine solide und auskömmliche Förderung, benötigen sorbische Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen, z.B. im Bereich der Leipziger Universität oder beim so zukunftszugewandten „WITAJ“-Projekt.

Was festzuhalten bleibt

Um das Thema nicht unzulässig auszuweiten, soll hier einmal davon abgesehen werden, dass auch andere Staatsbürger zu Deutschlands Kultur beitragen. Auch der Beitrag anderer ethnischer Minderheiten, die deutsche Staatsbürger sind, zu Deutschlands Kultur bleibt hier unbeachtet. Festzuhalten bleibt vielmehr: Deutschlands Kultur ist also – mindestens – die Kultur deutschsprachiger und anderssprachiger deutscher Staatsbürger.

Das wird im Alltag umso deutlicher, je weniger deutsche Politiker die Kultur ethnischer Minderheiten als Neben- oder „Verschlusssache“ behandeln und je deutlicher deutsche Leitkultur nach den Maximen von Aufklärung, Humanismus und dem Grundgesetz im Alltag gestaltet wird. Dabei geht es nicht um eine Alternative für ganz Deutschland, sondern um die dringend notwendige, alltagswirksame Ausprägung eines menschenfreundlichen Umgangs miteinander. Wir sollten vorausschauend die Unsitte verhindern, dass das Kind erst im Brunnen ertrinken muss, ehe der Brunnen zugedeckt wird.

Peter Kroh, 1944 in Namslau (Schlesien) geboren, Enkel und Biograf des sorbischen Poeten, Journalisten und Minderheitenpolitikers Jan Skala, veröffentlichte 2014 das Buch „Minderheitenrecht ist Menschenrecht. Sorbische Denkanstöße zur politischen Kultur in Deutschland und Europa“.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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