Xi Jinping ist an diesem Samstag in Neu-Delhi gelandet, sein erster Besuch in Indien seit sieben Jahren. Dazwischen liegen zwanzig tote indische Soldaten im Galwan-Tal, vier Jahre, in denen die beiden mächtigsten Männer Asiens einander nicht sehen wollten, und ein amerikanischer Präsident, dem etwas gelungen ist, was in Delhi lange undenkbar schien. Viele Inder sind heute wütender auf Washington als auf Peking.
Suhasini Haidar hat diese Verschiebung von Beginn an beobachtet. Sie ist Chefredakteurin für diplomatische Angelegenheiten und Außenpolitik von The Hindu, einer der ältesten und angesehensten englischsprachigen Tageszeitungen Indiens und Pflichtlektüre in den außenpolitischen Zirkeln Neu-Delhis. Seit drei Jahrzehnten berichtet sie über Außenpolitik, 2011 als einzige indische Journalistin aus Gaddafis Libyen, 2006 als einzige Frau an Bord des indischen Kriegsschiffs, das Landsleute aus dem Libanon evakuierte.
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Wenn Fareed Zakaria den Amerikanern die Welt erklärt, dann erklärt sie den Indern die Welt. Nur berichtet sie aus dem globalen Süden heraus und nicht über ihn. Wir treffen sie nur wenige Stunden vor der Begegnung zwischen Xi Jinping und Narendra Modi am Rande des Brics-Gipfels 2026 in Neu-Delhi.
Wir treffen sie nur wenige Stunden vor dem Treffen zwischen Xi Jinping und Narendra Modi am Rande des Brics-2026 in Neu-Delhi.
Beide Seiten sind voneinander enttäuscht
Frau Haidar, Xi Jinping ist zum ersten Mal seit sieben Jahren in Indien. Ist das eine Annäherung, ein neues Kapitel, oder regiert weiter das Misstrauen?
Dass Xi Jinping nach Delhi kommt, ist schon deshalb bemerkenswert, weil er zum G20-Gipfel nicht gekommen ist und der SCO-Gipfel virtuell stattfand. Wichtiger aber finde ich, dass er und Premierminister Modi sich zum dritten Mal in drei Jahren treffen, seit beide Seiten begonnen haben, ihre Differenzen abzuräumen. Ich formuliere das sehr bewusst vorsichtig, denn die Beziehungen sind nicht normal. Sie versuchen, sich in Richtung einer gewissen Normalität zu bewegen.
Es bleiben drei Bereiche, in denen das Misstrauen nicht abgebaut worden ist. Der erste ist die Grenze. Im Oktober 2024 ist es zwar gelungen, sich auf eine vollständige Entflechtung zwischen indischer Armee und chinesischer Volksbefreiungsarmee zu einigen und danach an Verlauf und Markierung der Grenze zu arbeiten. Aber ein Großteil dieser Fortschritte betrifft den westlichen Abschnitt, also Ladakh, wo 2020 die Zusammenstöße ausbrachen, bei denen mindestens 20 indische Soldaten getötet wurden. Im östlichen Abschnitt ist in den vergangenen Monaten ein neues Patt entstanden, und es dauert an. Während Xi Jinping nach Delhi kommt, stehen sich indische und chinesische Soldaten an der Line of Actual Control weiter gegenüber. Ich sage das, damit man versteht, warum das Vertrauen so gering ist.
Der zweite Bereich ist die Wirtschaft, wo beide Seiten voneinander enttäuscht sind. Indien hat einige Beschränkungen für ausländische Direktinvestitionen chinesischer Unternehmen gelockert. Trotzdem laufen weiter zahlreiche Ermittlungsverfahren, zuletzt hat das Serious Fraud Investigation Office eine vollständige Untersuchung gegen Xiaomi empfohlen, wogegen China protestiert hat. Und Indien verweist beständig darauf, dass China den Export wichtiger Güter beschränkt, kritische Mineralien etwa, schwere Tunnelbohrmaschinen, Chemikalien.
Der dritte Bereich sind die Kontakte zwischen den Menschen. Die Visa sind wieder geöffnet, aber das Reiseaufkommen liegt noch längst nicht bei dem von 2019.
ZUR PERSON:
„Wir hatten das Gefühl, gegen zwei Länder zu kämpfen“
Sie nennen die Grenze, die Wirtschaft und die Menschen. Welche Rolle spielt China in Indiens Konflikt mit Pakistan, mit dem Indien im vergangenen Jahr Krieg geführt hat?
Chinas Unterstützung für Pakistan ist seit Jahrzehnten ein Thema, auch die für das Atomprogramm. Im vergangenen Jahr aber ist eine neue Stufe des Misstrauens erreicht worden, wegen Chinas Rolle während des viertägigen Konflikts, der Operation Sindoor, nach dem Terroranschlag von Pahalgam. Indische Regierungs- und Militärvertreter haben öffentlich gesagt, dass China Pakistan nicht nur mit Militärtechnik geholfen hat, sondern auch mit Ausbildung und Expertise, und sie haben angedeutet, dass chinesisches Personal während des Konflikts vor Ort war und in Echtzeit unterstützt hat. Ein hoher Militär sagte, man habe das Gefühl gehabt, gegen zwei Länder zu kämpfen, nicht gegen eines.
Offiziell hat Indien das bislang nicht angesprochen. Bisher gab es Erklärungen, die grenzüberschreitenden Terrorismus verurteilen und China auffordern, sich anzuschließen, auch hier bei den Brics. Dieses Mal aber hören wir von Fachleuten wie dem früheren Botschafter Ashok Kantha, der uns gegenüber sehr deutlich gesagt hat, der Premierminister müsse dieses Thema ansprechen.
Heute Abend sitzen Xi und Modi 45 Minuten zusammen. Wenn die Beziehungen nicht normal sind, was kann dabei herauskommen?
Als ich frühere Diplomaten gefragt habe, ob es ein Reset werde, hatte jeder niedrigere Erwartungen. Kein Reset, aber dieses dritte Treffen binnen drei Jahren kann durchaus dazu führen, dass manche Gespräche zwischen den beiden leichter werden. Xi und Modi haben sich zwischen 2014 und 2019 achtzehnmal getroffen. Nach den Zusammenstößen im Galwan-Tal und der Pandemie haben sie sich vier Jahre lang nicht mehr gesehen, abgesehen von einer informellen Begegnung in Indonesien. Dass sie sich wieder treffen, ist also aussagekräftig, zumal beide in ihrem Land starke Männer sind, die sich nur bei großem politischem Einvernehmen aufeinander zubewegen.
Suhasini Haidar beim Brics-Gipfel in Neu-Delhi im Interview mit dieser Zeitung.
© Alexander Dergay
Die Erwartung geht deshalb in Richtung einer erneuten Erklärung zur Grenze, denn Indien hat in der Vergangenheit gesagt, der Zustand der Grenze bestimme den Zustand der Beziehung. Am Boden ist das noch nicht zu sehen. Die Beziehung zwischen den beiden Führern läuft derzeit besser als die Lage an der Grenze.
Trotz des Patts reden sie wieder miteinander. Was hat sich verändert?
Inzwischen sieht man auch auf chinesischer Seite ein Verständnis dafür, welche Wirkung solche Scharmützel haben. Diese Kontrolllinie ist mehr als 3000 Kilometer lang, an jedem Punkt kann es einen Vorfall geben, der auf die gesamte Beziehung durchschlägt.
Das Zweite ist, dass die beiden Führer die Sache selbst in die Hand genommen haben. Modi hat 2024 als erster indischer Regierungschef überhaupt gesagt, China sei wie Familie, in einer Familie gebe es Streit, aber das ändere nichts an der Beziehung. Das wurde in China sehr positiv aufgenommen, und China hat seine Rhetorik gegenüber Indien heruntergefahren. Es gibt ein allgemeines Verständnis dafür, dass es in einer Zeit globaler Verwerfungen wenig Sinn ergibt, sie noch zu vergrößern, statt selbst eine Zone der Stabilität zu werden. Dafür kann man Herrn Trump danken, denn Indiens Erwartungen an die USA haben sich nicht erfüllt, und auch Indiens eigene Indopazifik-Politik hat gelitten.
„Das Vertrauen der Inder in die USA ist beschädigt“
Hat Donald Trump Indien tatsächlich wieder näher an China gerückt – trotz der zwanzig indischen Soldaten, die 2020 im Grenzkonflikt getötet wurden?
Das glaube ich ganz sicher. Es hat sich vor allem auf die öffentliche Meinung ausgewirkt. Eine Öffentlichkeit, die sehr wütend war über das, was mit China passiert war, und die auf eine lange Auseinandersetzung eingestellt schien, ist heute deutlich weniger wütend auf China als auf die USA.
Es ist tatsächlich das, was Herr Trump in den vergangenen zwei Jahren getan hat, das dem Vertrauen der Inder in die USA wirklich geschadet hat. Dahinter liegen 25 Jahre, in denen sich die Beziehungen Jahr für Jahr verbesserten und die USA deutlich machten, dass sie ein Interesse am Aufstieg Indiens haben und dass dieser Aufstieg gut für die Welt sei. Man war kein Verbündeter und würde es auch nicht werden, aber dieses Zugehen hat enorm viel Wohlwollen erzeugt.
Und dann Trumps Äußerungen über Indien, die Zölle, bei denen Indien und Brasilien am härtesten getroffen wurden, der Entzug von Visa, die sehr gezielten Angriffe auf indische Einwanderer, von den H-1B-Visa bis zu den jüngsten Werbekampagnen des Heimatschutzministeriums. Dazu der Eindruck, dass die USA nicht mehr daran interessiert sind, in Indien zu investieren, sondern nur noch in sich selbst.
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Und schließlich die amerikanischen und amerikanisch-israelischen Angriffe auf den Iran. Die Schließung des Handelswegs durch Hormus hat in Indien erhebliche wirtschaftliche Schmerzen verursacht und das Gefühl, dass man den USA nicht zutrauen kann, eine verantwortungsvolle Supermacht zu sein. Die USA haben zudem ein iranisches Schiff im Indischen Ozean bombardiert, was hier fast als Beleidigung empfunden wurde. Das geschah nicht in Indiens maritimer Zone, sondern in der sri-lankischen, aber es war eine Herausforderung für Indiens Stellung als dominierende Macht in der Region.
Seither haben die Führungen vieles bereinigt, Modi und Trump haben telefoniert, sich auf ein Freihandelsabkommen verständigt und sich in Évian wiedergesehen. Von wiederhergestelltem Vertrauen sind wir aber weit entfernt. Die Welt insgesamt beginnt, sowohl die USA als auch China als unzuverlässige Supermächte zu sehen. Der Aufruf, den Mark Carney Anfang des Jahres an die Mittelmächte gerichtet hat, findet Widerhall, auch wenn Indien sich nicht als Mittelmacht versteht, sondern immer als Platz an der obersten globalen Tafel. Es setzt sich immer stärker durch, dass es weder klug noch strategisch ist, sich auf die Spitzenpolitiker dieser Welt zu verlassen.
Indiens Premierminister Narendra Modi trifft EU-Ratspräsident António Costa und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Rande des G7-Gipfels in Évian am 17. Juni 2026.
© IMAGO/ANI
„Indien braucht Europa wirklich“
Trump hat Indien nicht nur von den USA entfremdet, sondern zugleich näher an Europa gerückt. Im Januar wurde nach zwanzig Jahren Verhandlungen das Freihandelsabkommen mit der EU abgeschlossen. Beginnt damit tatsächlich ein neues Kapitel – oder bleibt es bei einer strategischen Annäherung auf dem Papier?
Indien und die Europäische Union haben vieles gemeinsam. Beide sind im Kern demokratische Mächte, und Indien versteht sich als Föderation vieler Staaten, in einer Weise, wie Europa es irgendwann anstrebt. Allerdings haben Indien und die EU acht Jahrzehnte lang aneinander vorbeigeschaut. Beide gehören unterschiedlichen Regionen an und müssen sich mit einer geografischen Großmacht auseinandersetzen. Wenn Indien sich um China gesorgt hat, dann hat sich die EU um Russland gesorgt. Hinzu kommt das Gefühl, dass viele EU-Staaten Teil der Nato sind und dass die EU wieder wegschauen wird, sobald sich die Beziehungen zu den USA beruhigen.
Drei Dinge haben sich verändert. Erstens die Einsicht, dass die globalen Supermächte nicht mehr verlässlich sind, nicht nur geopolitisch, sondern auch wirtschaftlich. Zweitens die Einsicht, dass Indien und die EU einander ergänzen. Indien hat den Markt, die EU hat die Produktion. Europäische Länder können Indien helfen, technologische Sprünge zu machen. Indien kann erneuerbare Energien hochfahren, aber der neueste Stand der Technik kommt weiterhin aus Europa. Indien braucht Europa wirklich.
Aber Indien könnte diese Technologien auch aus China beziehen. Warum macht Neu-Delhi das nicht?
In Deutschland sitzt ein Unternehmen, das Tunnelbohrmaschinen in China produziert. Monatelang hat China nicht zugelassen, dass diese Maschinen gebracht werden, obwohl Indien sie vertraglich gebunden hatte. Es ist also der Wunsch, sich von dem wegzubewegen, was China tut, und sich zugleich gegen das zu schützen, was die USA tun.
Der dritte Grund ist eine politische Entscheidung, bei den Problemfeldern wegzuschauen. Die Europäische Union hat aufgehört, Indien bei Themen unter Druck zu setzen, die Irritationen ausgelöst haben, etwa Menschenrechtsverletzungen. Dafür gibt es jetzt einen eigenen Dialog, aber er ist nicht Teil der Gespräche über das Freihandelsabkommen.
Auch über Indiens Verhältnis zu Russland hat Europa sich entschieden hinwegzusehen. Und umgekehrt hat die EU dort nachgegeben, wo Indien sagte, es könne aus kulturellen Gründen nicht zustimmen, bei Milchprodukten, bei gentechnisch veränderten Organismen. Verlieren würden am Ende nur Indien und die EU selbst, wenn sie einander weiter übersähen.
Sie beschreiben Europa als eine Föderation, die Indien längst ist. Kann Europa dann auch von der indischen Diplomatie lernen?
Indiens Bündnisfreiheit wurzelt nicht nur in der Geschichte, sondern in der Geografie, denn kontinental ist hier jedes Land Teil einer Koalition mit Russland und China, während die Meere sich in die andere Richtung geneigt haben. Indien kann sich davon nicht wegbewegen, nur nennt man es heute strategische Autonomie, und auch Europa spielt seit anderthalb Jahren mit diesem Gedanken. Umgekehrt kann Indien von Europa lernen, was die eigene Region angeht, denn das Prinzip der Nachbarn zuerst ist bei uns schwächer geworden. Es ist also nicht so, dass nur Europa von Indien lernen kann.
„Die G7 sind ein Klub, in den man nicht hineinkommt“
In Bischkek hat Indien eine Erklärung der SCO mitgetragen, die im Nahostkonflikt nah an der russischen und chinesischen Position liegt. Für viele Beobachter in Deutschland gelten die Brics als antiwestlicher Block. Wird Indien Teil davon?
Modi ist bewusst, dass diese Wahrnehmung existiert. Einer seiner ersten Sätze in seiner Erklärung war ja, wir sind nicht gegen irgendjemanden, wir sind für Einheit und für Frieden.
Brics begann als wirtschaftlicher Zusammenschluss. Die Idee ist vor 25 Jahren entstanden, 2009 ging es los, nicht so sehr als antiwestliche, sondern als alternative Gruppierung aufstrebender Volkswirtschaften. Und selbst nach der Erweiterung von fünf auf elf Länder ist kein einziges Mitglied in den G7 aufgenommen worden. Die G7 werden von diesen Ländern inzwischen als elitäre Clique gesehen, als ein Klub, in den sie nicht hineinkommen. Indem die G7-Staaten Länder wie China und Indien übergehen, wirken sie in Wahrheit so, als ginge es sehr viel mehr um Rasse und Ethnie und alte Machtdominanz als um Repräsentation. Denn Brics repräsentiert mit diesen elf Ländern 50 Prozent der Weltbevölkerung und 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, mehr als die G7.
US-Präsident Donald Trump und Indiens Premierminister Narendra Modi bei einem bilateralen Treffen am Rande des G7-Gipfels in Évian am 17. Juni 2026.
© MANDEL NGAN
Die SCO halte ich nicht für vergleichbar. Indien ist ihr gemeinsam mit Pakistan erst 2017 beigetreten, sie ist eine eurasische Sicherheitsorganisation mit einer ganz anderen Ausrichtung. Bei Brics geht es darum, eine alternative Art aufzubauen, Geschäfte zu machen. Zu den Mitgliedern gehören einige der größten Energieexporteure der Welt, aber auch die Länder, die am stärksten unter einseitigen Sanktionen des Westens stehen.
Wenn man den Preis für den Krieg eines anderen zahlt, wird es notwendig, Wege zur Zusammenarbeit zu finden. Daher der Zahlungsmechanismus in nationalen Währungen, daher die Neue Entwicklungsbank. Das heißt nicht, dass Indien prochinesisch, prorussisch und antiamerikanisch wird. Es sagt schlicht, dass es das beste Geschäft machen muss, das es bekommen kann.
Sie beschreiben Brics also nicht als antiwestliches Projekt. Trotzdem klingt da auch Kritik an Indiens bisherigem Kurs an, oder?
Ja. 2019 hat Indien unter einseitigen US-Sanktionen zugestimmt, sein gesamtes Öl aus dem Iran aufzugeben, billigeres Rohöl, süßeres Rohöl, aus viel größerer Nähe, nur weil die USA es so wollten. Dann sagten die USA, gebt das venezolanische Öl auf, auch ein großer Lieferant. Ein paar Jahre später sagte der Westen, gebt das russische Öl auf. Vor Kurzem hieß es, jetzt kauft venezolanisches Öl. Dann hieß es, jetzt greifen wir den Iran an, also geht zurück zum russischen Öl, ihr könnt sogar iranisches kaufen. Dazwischen haben die USA noch eine Sanktion auf den Hafen Tschahbahar verhängt.
Hätte Indien diesem Druck nicht nachgegeben, hätte es das einzige Land sein können, das beim Schließen des Handelswegs durch Hormus über eine Pipeline außerhalb der Straße an iranisches Öl gekommen wäre. Aber Indien hat das aufgegeben. Im Westen gibt es kein Verständnis dafür, was Indien inzwischen aufgegeben hat. Und wer ist der Nutznießer? Der Nutznießer ist in Wahrheit Russland. Indien bezieht heute mehr als 50 Prozent seines Öls aus Russland. Es ist deutlich schwerer, wie die Deutschen ja wissen.
Ist das Ergebnis westlichen Drucks am Ende ausgerechnet eine stärkere Bindung Indiens an Russland?
Ich würde nur sagen, wenn man Menschen immer weiter drängt und sie manchmal nachgeben, wird es für sie beim nächsten Mal noch schwerer, und beim übernächsten erst recht. Ist Indien deshalb antiamerikanisch? Nein. Der amtierenden Regierung wird praktisch täglich vorgeworfen, sich für die USA zu weit zu verbiegen. Aber Indien hat auf die harte Tour gelernt, dass es nicht hilft, alles auf eine Karte zu setzen. Strategische Autonomie ist der einzige Weg, und eine gewisse Distanz zu allen Supermächten.
Russlands Präsident Wladimir Putin, Indiens Premierminister Narendra Modi (M.) und Chinas Präsident Xi Jinping pflanzen beim 18. BRICS-Gipfel am Bharat Mandapam in Neu-Delhi gemeinsam Bäume.
© ALEXANDER KAZAKOV
„Zehn Millionen Inder leben in dieser Region“
Es gibt Bilder von Modi, wie er Massud Peseschkian an der Hand hält, und Bilder von Modi mit Benjamin Netanjahu. Wie hält Indien diese Balance?
Das ist eine traditionelle indische Position, zu der Modi zurückgekehrt ist. In den vergangenen sechs Jahren hatte Indien sich davon wegbewegt, jedenfalls was den Iran angeht. Trotz Händehalten und Umarmungen hat Indien jeden Handel mit dem Iran eingestellt: alles Öl, alle Projekte, den Hafen, wegen des westlichen Drucks. Und dann, zwei Tage vor Kriegsbeginn, ist Modi nach Israel gereist und hat dort gesagt, wir stehen Schulter an Schulter mit euch im Konflikt. Als er zurückkam, gab es einen tatsächlichen Konflikt. Das hat in Indien zu einem Rückschlag geführt, weil es so aussah, als neige sich das Land zu stark auf eine Seite.
Sie war immer die Fähigkeit, auf alle zuzugehen und nach dem eigenen Interesse zu schauen, nicht transaktional, sondern danach, wo Indiens Perspektiven liegen. Zehn Millionen Inder leben in dieser Region. Die größte Diaspora sitzt nicht im Iran und nicht in Israel, sondern am Golf, in Saudi-Arabien, Katar, den Emiraten, Kuwait. Würde Indien in einer so schwierigen Landschaft den Eindruck erwecken, Partei zu ergreifen, dann läge es ständig mit der jeweils anderen Seite über Kreuz. Das ist Pragmatismus, und ein sehr traditioneller dazu.
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Eines will ich noch ergänzen. Indien hat auch immer eine besondere Beziehung zu Palästina gehabt, es gehörte zu den Ländern, die die Teilung nicht akzeptierten, und war das erste nichtarabische Land, das Palästina anerkannt hat. Ich spreche von den 1970er-Jahren, nicht von heute. Diese Position ist durch indische Enthaltungen etwas erodiert, und wieder sehen wir jetzt eine Annäherung.
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