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Irans neue Machtstrategie: Von der „Achse des Widerstands“ zum Netzwerk

Das Regime in Teheran und seine Verbündeten sind angeschlagen, doch nicht am Ende. Eine Neuordnung könnte ein noch resilienteres Geflecht hervorbringen.

Christoph Leonhardt
Christoph Leonhardt
8 Min
Militärparade der Revolutionsgarde in Teheran am 18. September dieses Jahres

Militärparade der Revolutionsgarde in Teheran am 18. September dieses Jahres

© Morteza Nikoubazl/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Teheran hat in der Region über Jahrzehnte bewaffnete Verbündete aufgebaut, die tief in die politischen und gesellschaftlichen Strukturen ihrer Länder eingebettet sind – von der Hisbollah im Libanon und der Hamas im Gazastreifen über den Islamischen Widerstand im Irak bis zu den Huthi im Jemen. Doch diese Gruppen sind keine bloßen Befehlsempfänger. Sie unterscheiden sich erheblich in ihrer religiösen und ideologischen Nähe, ihrer organisatorischen Bindung an Iran und ihren eigenen politischen Interessen.

Gerade diese Mischung aus Abhängigkeit und Eigenständigkeit könnte ein zentraler Mechanismus iranischer Regionalmacht sein: Teheran muss seine paramilitärischen Partner nicht vollständig kontrollieren, solange ihre strategischen Interessen ausreichend übereinstimmen. Das macht das Netzwerk zwar weniger steuerbar, aber möglicherweise auch widerstandsfähiger gegen den Ausfall einzelner Akteure.

Wie belastbar dieses Modell ist, zeigt sich an seinen jeweiligen Schauplätzen.

Syrien verloren, Hisbollah geschwächt

Mit dem Sturz von Baschar al-Assad am 8. Dezember 2024 verlor Teheran den wichtigsten Landkorridor zur Hisbollah. Über Syrien liefen jahrzehntelang Geld, Waffen, Munition und militärisches Gerät in den Libanon. Die neue Führung unter Ahmed al-Sharaa versucht seither, iranische Nachschubwege über syrisches Territorium zu unterbinden.

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Die Hisbollah, einst das „Kronjuwel“ der iranischen Regionalstrategie, ist militärisch deutlich angeschlagen. Der Krieg mit Israel hat ihre Führung, Infrastruktur und militärischen Fähigkeiten dezimiert und ihre Abschreckungswirkung geschwächt. Anhaltende Schläge gegen ihre militärische Infrastruktur, wie die jüngste Zerstörung eines unterirdischen Kommandozentrums am Bergrücken Ali al-Taher am 10. September, verdeutlichen, wie stark die Hisbollah inzwischen unter Druck steht.

Trotz dieser Verluste bleibt die schiitische Bewegung dank ihrer gesellschaftlichen, politischen und institutionellen Verankerung ein zentraler Machtfaktor. Ihr militärischer Bedeutungsverlust bedeutet daher nicht automatisch den Verlust des iranischen Einflusses im Libanon.

Für Teheran ist der Verlust Syriens deshalb vor allem ein Verlust an logistischer und strategischer Tiefe. Geld und Waffen können weiterhin auf anderen Wegen transportiert werden, doch Nachschub und Koordination werden schwieriger, teurer und anfälliger. Zugleich verliert Iran die Möglichkeit, ein Bedrohungsszenario unmittelbar bis an die nordöstliche Grenze Israels zu tragen.

Hamas geschwächt, nicht besiegt

Auch die Hamas an der südwestlichen Grenze ist militärisch und organisatorisch schwer geschwächt. Israel hat Führung, Infrastruktur und Waffenarsenal erheblich dezimiert. Zugleich ist die Organisation trotz des massiven israelischen Vorgehens als politischer und gesellschaftlicher Akteur im Gazastreifen nicht verschwunden.

Ihre Beziehung zu Iran beruht im Wesentlichen auf gegenseitigen strategischen Interessen. Der Bruch über Syrien im Jahr 2012, als die Hamas sich gegen das Assad-Regime und damit gegen die Mullahs stellte, sowie die spätere Wiederannäherung an Iran 2022 zeigen, dass die Bewegung flexibel auf veränderte strategische Rahmenbedingungen reagiert.

Diese Eigenständigkeit prägt auch die gegenwärtige Waffenfrage: Für die Hamas sind ihre bewaffneten Strukturen nicht nur ein Instrument gegen Israel, sondern Teil ihrer eigenen Machtbasis im Gazastreifen. Eine Entwaffnung würde daher nicht nur Irans militärische Reichweite beschneiden, sondern auch die politische Stellung der Hamas grundlegend erschüttern.

Entsprechend ist ihre Zustimmung vom 31. Juli 2026 zu einer möglichen Entwaffnung mit Vorsicht zu bewerten: Sie könnte ebenso Ausdruck taktischer Anpassung wie eines tatsächlichen strategischen Kurswechsels sein.

Trauerfeier für Ahmed al-Batsh, den Kommandeur der Jabalia-Brigade des bewaffneten Flügels der Hamas, am 15. September in Gaza-Stadt

Trauerfeier für Ahmed al-Batsh, den Kommandeur der Jabalia-Brigade des bewaffneten Flügels der Hamas, am 15. September in Gaza-Stadt

© Saeed M. M. T. Jaras/Imago

Irak als bleibender Anker

Anders als in Syrien verfügt Iran im Irak über ein tief verankertes Geflecht von Einflussstrukturen. Die Hashd al-Shaabi (Volksmobilisierungskräfte) sind seit 2016 Teil der staatlichen Sicherheitsarchitektur; ihre mächtigsten Fraktionen unterhalten eigene politische, militärische und wirtschaftliche Netzwerke. Zum harten Kern des Islamischen Widerstands im Irak gehören die Kataib Hizbullah (Hisbollah-Brigaden) und die Harakat Hizbullah al-Nujaba (Bewegung der edlen Hisbollah).

Doch die irakische Regierung unter Premierminister Ali al-Zaidi will die pro-iranischen Milizen stärker unter staatliche Kontrolle bringen. Der nahende Abschluss des Abzugs der US-geführten Anti-IS-Koalition am 30. September 2026 macht die Frage nach der Kontrolle über die bewaffneten Gruppen im Land zusätzlich dringlich. Ihre vollständige Entwaffnung erscheint – ähnlich wie bei der Hisbollah im Libanon – politisch kaum durchsetzbar. Die mächtigsten Fraktionen lehnen die Aufgabe ihrer Waffen bislang strikt ab.

Ihre Bindung an Teheran ist eng, aber nicht grenzenlos. Für Bagdad geht es daher um mehr als die Frage des staatlichen Waffenmonopols: Von zentraler Bedeutung ist, ob es die politischen und wirtschaftlichen Machtbasen der Paramilitärs zurückdrängen kann. Denn ihre Einbindung in den Staat könnte ihre Macht nicht schwächen, sondern langfristig institutionalisieren.

Geostrategisch können die pro-iranischen Milizen mit den jemenitischen Huthi kooperieren, ohne dass dafür eine durchgehende territoriale Verbindung über Syrien nötig ist. Diese Logik zeigt sich in der Fähigkeit der verschiedenen Akteure, über voneinander getrennte Räume hinweg koordiniert zu agieren. So attackierte der Islamische Widerstand im Irak zuletzt die wichtige Ost-West-Ölpipeline in Saudi-Arabien, während die Huthi die Durchfahrt zum Roten Meer bedrohten – mit globalen Folgen für Energie und Handel.

Huthi als Hebel

Im Jemen liegt der strategische Wert der Huthi für Iran vor allem in ihrer geografischen Position. Mit der Einnahme von Mokha und der strategisch zentralen Insel Perim haben die Huthi Mitte September 2026 ihre Position am Zugang zum Bab al-Mandab erheblich verbessert. Die Meerenge ist eine zentrale Handelsroute zwischen Asien und Europa.

Der Vorteil liegt in der Asymmetrie: Teheran kann über die Huthi seine Gegner unter Druck setzen, ohne selbst eine weitere Front eröffnen zu müssen. Die Huthi können Schifffahrt und Infrastruktur bedrohen und ihre Gegner damit zu erheblichen militärischen und wirtschaftlichen Aufwendungen zwingen.

Für Iran besteht damit die Möglichkeit, in Verbund mit seinem Partner an zwei strategischen Engpässen anzusetzen: direkt über die Straße von Hormus und indirekt über die Huthi am Bab al-Mandab. Damit kann Teheran zentrale Knotenpunkte des globalen Handels und der Energieversorgung beeinflussen, ohne an beiden Schauplätzen unmittelbar präsent sein zu müssen.

Zugleich verfolgen die Huthi eigene strategische Interessen und lassen sich von Teheran nur begrenzt steuern. Gerade diese relative Eigenständigkeit macht sie für Iran strategisch bedeutsam: Sie erweitern dessen Fähigkeit, Gegner über mehrere Schauplätze hinweg unter Druck zu setzen und deren politische und militärische Kosten zu erhöhen. Damit verdeutlichen die Huthi die Logik des iranischen Netzwerks, das weniger auf vollständiger Kontrolle als auf der Abstimmung strategischer Interessen beruht.

Tausende Menschen versammeln sich im Februar 2026 in Sanaa auf dem Sebeen-Platz, der von der vom Iran unterstützten Huthi-Bewegung kontrolliert wird, um gegen Israels Angriffe auf den Gazastreifen zu protestieren.

Tausende Menschen versammeln sich im Februar 2026 in Sanaa auf dem Sebeen-Platz, der von der vom Iran unterstützten Huthi-Bewegung kontrolliert wird, um gegen Israels Angriffe auf den Gazastreifen zu protestieren.

© Mohammed Hamoud/Imago

Neue Form iranischer Macht

Irans Regionalmacht steht vor einer Neuordnung. Nun entscheidet sich, ob aus den voneinander getrennten Machtzentren ein belastbares Netzwerk entsteht. Voraussetzung dafür ist, dass Teheran die unterschiedlichen Interessen seiner Verbündeten auf gemeinsame Ziele ausrichten kann.

Das wäre allerdings nicht gleichbedeutend mit neuer Stärke, denn Resilienz ist nicht dasselbe wie Macht. Ohne Syrien als logistisches Bindeglied werden Nachschub und Koordination schwieriger und teurer. Gleichzeitig wird das Netzwerk schwerer zu zerschlagen, weil der Ausfall eines einzelnen Akteurs nicht zwangsläufig das gesamte System zum Erliegen bringt.

Für Teheran liegt darin ein strategisches Paradox: Je eigenständiger seine Verbündeten werden, desto weniger kann Iran sie einerseits steuern, zugleich wird sein Netzwerk andererseits als Ganzes widerstandsfähiger.

Die alte Achse des Widerstands wird kaum in ihrer früheren territorialen Geschlossenheit zurückkehren. Die Herausforderung für Teheran besteht vielmehr darin, aus diesen Bruchstellen eine neue Form regionaler Zusammenarbeit zu entwickeln, in der die einzelnen Akteure auch ohne gemeinsame Landbrücke zusammenwirken.

Für Irans Gegner bedeutet das: Nicht allein die militärischen Fähigkeiten dieser bewaffneten Gruppen sind entscheidend. Besonders auch ihre politischen und wirtschaftlichen Machtbasen tragen zu ihrer Widerstandsfähigkeit bei. Wer sich ausschließlich auf militärische Maßnahmen konzentriert, könnte deshalb einen Teil des Problems verfehlen.

Die territoriale Achse ist beschädigt, aber Irans Regionalstrategie ist es nicht. Entscheidend wird sein, ob Teheran auf der einen Seite aus weniger Kontrolle mehr strategische Wirkung erzielen kann und ob seine Gegner auf der anderen Seite lernen, ein resilientes Netzwerk auch jenseits seiner territorialen Verbindungen in der Tiefe zu bekämpfen.

Christoph Leonhardt ist Leiter von Okzident-Orient und stellv. Geschäftsführer von Middle East Minds. Nach seinem Studium in Berlin und Beirut hat er an der Universität der Bundeswehr München über paramilitärische Gruppen im Syrien-Krieg promoviert.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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