Jan Krauter ist ein bekanntes TV-Gesicht, gehört nach Jahren am Theater inzwischen fest zur deutschen Film- und Fernsehlandschaft. Ob in „Tatort“, „Spreewaldkrimi“ oder „Oderbruch“, wo er den querschnittgelähmten Freund der beiden Ermittler spielte – Krauters Figuren sind oft intensiv und vielschichtig, mit Ecken und Kanten.
Und so blicken wir schon gespannt gen Monatsende, wenn Krauters neuer Film anläuft. In der schwarzhumorigen Tragikomödie „Fang mich doch!“ gibt er den Georg – einen Familienvater und Profi im Improvisieren, der aus prekären Verhältnissen kommt und sich als angeblicher Eventmanager einen Platz für seine epilepsiekranke Tochter in einer schicken Leipziger Kita erschummelt.
Im Endeffekt sei seine Figur eine Art sozialer Börsenspekulant, der aufgrund seiner gesammelten Informationen eine gewagte Wette eingehe, sagt Jan Krauter im ZDF-Interview. Bei uns im Fragebogen erklärt der Schauspieler hingegen, warum er einst den Schritt nach Neukölln wagte – und ihn bis heute nicht bereut hat.
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1. Herr Krauter, Sie sind 1984 in Wilhelmshaven zur Welt gekommen und in Niedersachsen aufgewachsen. Wann hat es Sie nach Berlin verschlagen?
Sehr spät. Ich habe noch einen langen Umweg über Hildesheim und Stuttgart gemacht, dann bin ich 2017 meiner damaligen Freundin nach Berlin gefolgt, weil sie dort an einer Uni aufgenommen wurde.
2. Wie waren damals Ihre ersten Eindrücke von der Stadt?
Ich bin aus dem Umzugswagen in einen Haufen Hundescheiße gestiegen und am Ende des Tages war die Hälfte des Umzugs aus’m Hausflur geklaut. Welcome to Neukölln!
Zur Person
3. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie gewohnt – und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben?
Am Hermannplatz anzukommen, ist ungefähr so, wie in der Normandie zu landen – wenn man den Transit in den Reuterkiez übersteht, erschließt sich einem allerdings ein lebendiges und diverses Kleinod zur Belohnung. Mittlerweile will ich hier nicht mehr weg. Ich würde die Schreie vermissen. Tagsüber „Fahrradstraße, du Idiot!“, abends die Irren, die sich selbst anschreien – es würde mir fehlen.
4. Inzwischen ist die Wohnungssuche für viele hier das größte Problem. Wie war das bei Ihnen?
Es ist einfach unmöglich, auf normalem Weg eine Wohnung zu finden. Ich habe damals zwei Jahre gesucht und täglich mit 68 anderen im Hausflur auf die Massenbesichtigung gewartet – nur, um mir dann die gehobene Augenbraue abzuholen, wenn ich versucht habe zu erklären, dass ich kein regelmäßiges Monatsnettoeinkommen habe.
Jetzt suche ich gerade wieder, bereits seit einem Jahr, also wenn wer was weiß: Hey, meldet euch gerne. Ich mache ALLES für eine Drei- bis Vier-Zimmer-Wohnung!
5. In den (sozialen) Medien ist Berlin-Bashing gewissermaßen zum Volkssport geworden. Wie erleben Sie den Wandel in einer immer voller werdenden Stadt – und denken Sie manchmal daran wegzuziehen?
Ich glaub, ich bin dann mal weg, bevor die Stadt in Heimstaden-City umbenannt wird. Oder es passiert halt endlich mal was auf politischer Ebene, das verhindert, dass Berlin irgendwann nur noch von Millionären bewohnt werden wird.
6. Nach Ihrer Zeit am Schauspiel Stuttgart hatten Sie auch ein Gastengagement in Weimar. Wie hat das Ihren Blick auf Ostdeutschland geprägt?
Mir hat es immer sehr gefallen in Weimar und ich habe den Schlag Mensch dort immer als sehr freundlich und warmherzig wahrgenommen – bis auf einmal, als mein Kollege völlig grundlos von einem Neonazi verdroschen wurde.
Mein Blick auf Ostdeutschland wurde aber eigentlich schon früher unter der Intendanz von Hasko Weber geprägt. Da wurde viel Ost/West aufgearbeitet, knapp die Hälfte des Ensembles kam aus dem Osten oder hatte einen starken Bezug dazu. Ich glaube für mich, dass das Thema noch nicht genug aufgearbeitet wurde, vor allem wie es weiterging nach dem Mauerfall – und ich glaube, unter anderem die stiefmütterlich behandelte Narbe zwischen alten und neuen Bundesländern fordert in diesen Tagen ihren Tribut.
7. Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?
Neben meinem Zuhause und meinem ganzen Kiez ist das wohl die Trainingshalle der Little Kung Fu School am Mehringdamm. Das ist ein alter Ballsaal auf ’nem Hinterhof. Einfach das schönste Dojo, das ich je hatte.
8. Ihre persönliche No-go-Area?
Gibt’s für mich eigentlich nicht. Es kommt immer auf den Umstand an – jeder Ort ist zu einem bestimmten Zeitpunkt der falsche oder der richtige. Und meistens ist der Ort selber da gar nicht mal schuld dran, sondern vielmehr, was wir aus ihm machen. Man kann einen Ort, den man scheiße findet, ja auch versuchen aufzuwerten. Wenn man da einfach nur nicht mehr hingeht, bleibt er ja kacke.
9. Ein Abend mit Freunden – in welchem Restaurant wird reserviert?
Ich liebe traditionelle chinesische Küche und vor allem Gerichte aus Sichuan. Früher musste man die echt suchen, aber mittlerweile haben es dann doch die meisten begriffen, dass das einfach nur ultralecker ist. Mittlerweile sprießen die Sichuan-Restaurants nur so aus’m Boden – love it.
Bei mir um die Ecke gibt’s zum Beispiel Shu Wei Fang gleich gegenüber der Ankerklause. Oder Wei Dao Jia ist auch der Wahnsinn. Man hat nicht gelebt, wenn man nicht mindestens einmal einen Gurkensalat, Mapo Tofu, Rindfleisch Bauernart und allen voran Fisch in Chilipfefferölsuppe genossen hat. Ich möchte in so einer Chilipfefferölsuppe beerdigt werden!
10. Einkaufen in der Stadt – wo kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?
Ich überlege manchmal, ob ich mich bei einer Zombieapokalypse lieber in einem Lebensmittelkaufhaus verbarrikadieren sollte oder bei Modulor. Ich bin noch unentschlossen. Man hätte halt Nahrung und Medikamente im Supermarkt, aber gar nichts zum Basteln oder Fräsen oder Streichen.
11. Der beste Stadtteil Berlins?
Na, das ist Neukölln, aber das ist ja auch bekannt – vor allem wegen des Stadtbilds!
12. Was nervt Sie am meisten an der Stadt?
Einheimische und internationale Junggesellenabschiede und andere Menschen, die sich zum ersten Mal so richtig fühlen in Berlin und auch glauben, sie seien die ersten, denen das passiert, und dass es alle wissen müssen.
13. Wie sieht Ihr perfektes Berlin-Wochenende aus – vom ersten Kaffee am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?
Flat White bei Bullys, Rumbummeln am Kanal, und am Ufer noch irgendwas trinken, dann Mittag bei Gran Casino, geile selbstgemachte Pasta oder Pizza, Eis bei Spoonful (Milkiest Chocolate-Stracciatella) oder Fräulein Frost, wenn’s noch passt, ein Stück Torte im Katulki, auf’m Rückweg Blümchen für die Liebste holen bei Blütenmädchen, abends Chili-Einlauf mit Blick auf’n Kanal bei Shu Wei Fang, danach ins Freilichtkino Hasenheide und hinterher draußen sitzen vor der Schillingbar (da gibt’s Salzstangen!) oder ins Bürkner Eck auf’n feinen Cocktail oder beides und dann treiben lassen. Oder halt einfach mit der Liebsten auf der Couch und abends die Leute einladen – eigentlich eh das Beste.
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