Ukraine-Politik

Kanzler im Umfragetief: Jetzt sucht Friedrich Merz sogar Zuflucht in Kiew während des Luftalarms

Friedrich Merz reist nach Kiew – in die einzige Hauptstadt, in der er noch Mehrheiten hat. Über einen Kanzler zwischen Sirenen und Sonntagsfrage.

7 Min
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) trifft am Hauptbahnhof in Kiew ein. Dort begrüßt ihn Boris Ruge (l.), der deutsche Botschafter.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) trifft am Hauptbahnhof in Kiew ein. Dort begrüßt ihn Boris Ruge (l.), der deutsche Botschafter.

© Kay Nietfeld/dpa

Es gibt Orte, an denen Friedrich Merz noch beliebt ist. Er muss nur weit genug fahren. Am Sonntagmorgen stieg der Bundeskanzler in Kiew aus dem Zug, einen Tag nachdem das russische Außenministerium Ausländern eine „tödliche Gefahr“ angekündigt und zum Verlassen der Stadt aufgerufen hatte.

Während Merz mit Präsident Wolodymyr Selenskyj vor der Ruine der Akademie der Wissenschaften stand, heulten die Sirenen, eine Drohne schlug auf der Nordbrücke ein, Trümmer fielen auf ein Wohnhaus.

„Tägliche Kriegsverbrechen“, sagte Merz. Und: „Herr Putin, hören Sie diesen sinnlosen Krieg auf!“ Es war ein starker Auftritt. Er hatte nur einen Schönheitsfehler: Zu Hause hörte kaum noch jemand zu.

Merz zu Hause im freien Fall

Denn am Donnerstag zuvor hatte der ARD-DeutschlandTrend eine Zahl veröffentlicht, die in dieser Messreihe kein Kanzler vor ihm erreicht hat: Zehn Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit von Friedrich Merz zufrieden. 88 Prozent sind es nicht.

Im Juli 2025, kurz nach Amtsantritt, waren es noch 42 Prozent. Dann ging es treppab, Monat für Monat: 32 im August 2025, 24 im Januar, 16 im Mai, 13 im Juli, 14, 13 – und nun die Zehn. Die Union steht in der Sonntagsfrage bei 20 Prozent, achteinhalb Punkte unter ihrem Wahlergebnis.

Noch ein Prozentpunkt, dann ist er einstellig

Bis zum einstelligen Bereich fehlt dem Kanzler genau ein Prozentpunkt. Man kann das einen Puffer nennen. Man kann es auch ein epochales Versagen nennen.

In der Ukraine kennt man solche Werte nur von einem einzigen Politiker, und der sitzt in Moskau. 97 Prozent der Ukrainer lehnen Wladimir Putin ab, ergab im August eine Umfrage der Rating Group unter 2000 Befragten.

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Beliebt ist Merz in der Ukraine

Friedrich Merz dagegen sehen 64 Prozent positiv – mehr als Olaf Scholz kurz vor seiner Abwahl (57 Prozent), wenn auch deutlich weniger als Emmanuel Macron (79).

Ein deutscher Kanzler, der in Kiew mehr als sechsmal so viel Zustimmung erntet wie in Berlin: Das ist ein demoskopisches Kuriosum, aber auch eine politische Diagnose.

Wer in Kiew gefeiert und in Magdeburg abgestraft wird, muss sich fragen lassen, ob die Reise ins Kriegsgebiet eine Pflicht war – oder eine Flucht.

Das Missverständnis zwischen Merz und den Deutschen

Die Antwort ist unbequem: beides. Merz hat die Ukraine-Politik zum Kern seiner Kanzlerschaft gemacht. Deutschland ist größter Einzelunterstützer, im April schloss er mit Selenskyj einen Drohnendeal, am Sonntag sagte er weitere Abwehrdrohnen zu.

„Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns“, sagte er bei der Ankunft. Das ist nicht falsch: 56 Prozent der Deutschen fühlen sich laut Deutschlandtrend durch Russland stark bedroht, zumal seit dem mutmaßlichen Drohnenanschlag auf den Flughafen Leipzig am 1. September.

Keine Bereitschaft für endlose Waffenhilfe

Nur: Aus der Bedrohung folgt in den Köpfen der Wähler nicht automatisch die Bereitschaft, mehr Waffen zu schicken. Eher das Gegenteil.

Die Zahlen zeigen alle in dieselbe Richtung. 42 Prozent der Deutschen gehen die Waffenhilfe inzwischen zu weit – der höchste Wert, den Infratest dimap seit Kriegsbeginn gemessen hat.

Im Januar 2024 waren es 36 Prozent, im Dezember 2024 39. Der Anteil derer, die mehr wollen, schrumpfte im selben Zeitraum von 21 auf 14 Prozent. Noch hält eine knappe Mehrheit von 52 Prozent das heutige Niveau für angemessen oder zu niedrig. Aber das Umfrageinstitut Insa kam Anfang September auf 42 Prozent, die insgesamt weniger Unterstützung wollen, gegen nur 19 Prozent, die mehr wollen.

Was die Umfragen verraten

Im ZDF-Politbarometer fiel die Zustimmung zu stärkerer europäischer Militärhilfe zwischen Februar und Juni von 43 auf 32 Prozent; im Juli lag „weniger“ mit 34 Prozent vorn. Die Körber-Stiftung maß 2023 noch 66 Prozent für militärische Unterstützung, 2025 waren es 59. Das ist kein Einbruch. Es ist Erosion. Und Erosion hat die unangenehme Eigenschaft, dass man sie erst bemerkt, wenn der Boden nachgibt.

In Sachsen-Anhalt hat er bereits nachgegeben. Knapp 44 Prozent für die AfD am 6. September, zusammen mit Linken und BSW rund 60 Prozent für Parteien, die der Ukraine-Hilfe skeptisch bis feindlich gegenüberstehen. 54 Prozent der Ostdeutschen gehen die Waffenhilfe zu weit, im Westen sind es 39.

Die AfD sieht ihre Chance

Alice Weidel forderte im Bundestag „günstiges Erdgas aus Russland“, ihr Abgeordneter Jürgen Koegel sprach vom „geschätzten Präsidenten Wladimir Putin“. Merz antwortete, diesen Weg gehe „die Mehrheit der Bevölkerung“ nicht mit. Das stimmt, noch. Die Frage ist, wie lange ein Kanzler mit zehn Prozent Zustimmung glaubwürdig für Mehrheiten sprechen kann.

Geht Merz also mit der Ukraine unter – oder die Ukraine-Politik mit Merz? Der Hallenser Politikwissenschaftler Johannes Varwick warnt, man dürfe keinen „aussichtslosen Abnutzungskrieg ohne tragfähige politische Strategie“ befeuern, das „verheize die Ukraine“.

Wohin soll das alles führen?

Sein Jenaer Kollege Sven Leunig sieht eher eine „Reaktion der Angst“ als grundsätzliche Ablehnung. Beide Lesarten treffen sich in einem Punkt: Die Deutschen wollen wissen, wohin das führt.

Und darauf hat diese Bundesregierung und hatte die vergangene Bundesregierung seit viereinhalb Jahren keine Antwort außer „Kurs halten“, wie Außenminister Wadephul es zuletzt formulierte. Kurs halten ist eine Tugend auf See. In der Demoskopie kann es dereinst eine Ursache des Untergangs sein.

Dabei liegt der Ausweg in den Umfragen selbst. Als Insa im Februar fragte, ob der Westen mehr helfen solle, falls Russland Waffenstillstand und Verhandlungen verweigert, sagten 52 Prozent Ja. 78 Prozent der Deutschen glauben laut ZDF ohnehin nicht an ein ernsthaftes russisches Friedensinteresse.

72 Prozent sagen im Eurobarometer, die EU solle die Ukraine unterstützen, bis ein gerechter Frieden erreicht ist. Die Grundsolidarität ist intakt – sie verlangt nur nach einer Bedingung, einem Ziel, einer Geschichte.

Die Deutschen sind nicht gegen Hilfe. Sie sind gegen Hilfe ohne Ende.

Wer die Waffenlieferungen als Teil einer Verhandlungsstrategie erzählt statt als moralische Pflicht ohne Ablaufdatum, gewinnt die Mitte zurück, die Merz gerade verliert. Sein Satz in Kiew – „Wir sind bereit zu Gesprächen“ – war ein Anfang. Er ging im Sirenengeheul unter.

Bleibt die Frage, ob dieser Kanzler noch hört, was das Land sagt. Die internationale Public-First-Studie vom Dezember nannte als wichtigstes Argument der Deutschen gegen mehr Hilfe nicht Putin-Sympathie, sondern die Belastung der eigenen Wirtschaft: 46 Prozent wollten die Finanzhilfe kürzen.

Eine Studie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr misst, dass der Zuspruch zu einer aktiven deutschen Außenpolitik auf 51 Prozent gefallen ist, minus sieben Punkte. Das ist die Stimmung vor dem fünften Kriegswinter – der in Kiew ohne Heizkraftwerke droht, in Deutschland mit Heizkostenabrechnungen. Bert Brecht hätte es heute so gesagt: Erst kommt das Tanken, dann kommt die Moral.

Merz indes nahm Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und eine Wirtschaftsdelegation mit nach Kiew. Vielleicht war das ein Zeichen, dass er die Verbindung begriffen hat. Vielleicht war es auch nur eine größere Entourage für das Foto.

Es sagt viel über das Jahr 2026, dass Merz in Indien, am Golf, in Peking und Washington war, bevor er in Kiew ankam – und dass er sich ausgerechnet dort am sichersten fühlen durfte. Die Botschaften Deutschlands, Italiens, Spaniens und Schwedens erklärten trotzig: „We stay in Kyiv.“

Der Kanzler konnte das nicht sagen. Er musste zurück in die Stadt, in der die Zustimmung nicht fällt wie Drohnentrümmer, sondern wie ein Vorhang. Der nächste Deutschlandtrend kommt im November.

Zwischen der Zehn und der Neun liegt in Berlin ein Prozentpunkt. In Kiew lagen dazwischen in einer einzigen Nacht 135 Drohnenattacken.

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