Jörg Schönbohm geht. Er hat viel bewegt, aber nicht alles verstanden

Pflügen im Sand

Andrea Beyerlein
5 Min

POTSDAM. Als Jörg Schönbohm vor gut zehn Jahren in Brandenburg einmarschierte, begab er sich in eine ziemlich desolate, politische Landschaft. Die in langen Oppositionsjahren auf den Grabenkampf in der eigenen Partei spezialisierte CDU brauchte gerade wieder einmal einen neuen Vorsitzenden. Und die SPD unter Ministerpräsident Manfred Stolpe hatte nach fünf Jahren Alleinregierung mächtig abgewirtschaftet. Eine ideale Ausgangslage für den quirligen, stramm konservativen Ex-General aus dem Westen, der vor Selbstbewusstsein nur so strotzte."Umpflügen" wollte Jörg Schönbohm das Land, in dem er vor fast 72 Jahren in Neu-Golm, unweit von Bad Saarow, geboren wurde. Den von Stolpe kultivierten Mief der "kleinen DDR" wollte er vertreiben. Zeitweise glaubte er sogar daran, seine CDU könnte die stärkste Kraft im Land werden und er ihr erster Regierungschef. Manches ist Schönbohm gelungen. Vieles nicht. Jetzt verabschiedet er sich von der politischen Bühne. Als Innenminister. Parteivorsitz und das Amt des Vize-Regierungschefs musste er schon 2007 abgeben. "Brandenburg ist ein sandiges Land", räumt er heute ein. "Wenn man es umpflügt, sind die Furchen auch schnell wieder zugeweht."Noch immer ist Jörg Schönbohm - neben SPD-Ministerpräsident Matthias Platzeck - der einzige brandenburgische Politiker, dessen Wort bundesweit wahrgenommen wird. Aber er hat davon in den vergangenen Jahren immer seltener Gebrauch gemacht. Wohl auch, weil er spürte, dass er zu Hause nur noch bedingt eine Basis hat.Wäre der Begriff nicht für das linke politische Lager reserviert, könnte man Jörg Schönbohm einen "Sponti" nennen. Erst 1994, nach dem Ende seiner militärischen Laufbahn, war er in die CDU eingetreten. Schon damals, das offenbarte kürzlich sein Freund Wolfgang Schäuble, liebäugelte er mit einem politischen Engagement in Brandenburg, weil ihn das Siechtum des bürgerlichen Lagers in seinem Geburtsland persönlich schmerzte.Von dieser Idee ließ sich der Partei-Novize noch einmal abbringen. Er zog mit seiner Frau Eveline zwar nach Kleinmachnow und wurde Partei-Mitglied in Brandenburg. Aber erst einmal sorgte er ab 1996 als Berliner Innensenator für Furore. Binnen kürzester Zeit setzte er die Zusammenlegung von 23 auf zwölf Stadtbezirke durch und zettelte wilde ausländerpolitische Debatten an. Als er 1998 für den Einsatz in Brandenburg zurücktrat, war sein Renommee in der Bevölkerung höher als in der Berliner CDU.In der märkischen Union wurde Schönbohm dagegen wie ein Messias gefeiert. Noch nie hatte sie einen Vormann, der derart frech und frontal die SPD mit ihren Ikonen Manfred Stolpe und Regine Hildebrandt attackierte. Schönbohm wurde für viele Sozialdemokraten zur Reizfigur. Nach seinem furiosen Wahlsieg - die CDU kletterte von unter 20 auf 27 Prozent - zogen Stolpe und der angehende Parteichef Matthias Platzeck dennoch das Bündnis mit der CDU einer rot-roten Koalition vor. Auch um den Preis von Regine Hildebrandts Rücktritt.Denn auch die SPD brauchte damals einen wie Jörg Schönbohm in der Regierung. Einen, der dazu beitragen konnte, das Zerrbild vom ausländerfeindlichen Land der Pleite-Projekte geradezurücken. Einen, der sich nicht scheut anzuecken. Schönbohm setzte die lange aufgeschobene Gemeindegebietsreform um, machte aus 1 479 Dörfern gegen heftige Widerstände 418 handlungsfähige Verwaltungseinheiten. Aus sechs wurden zwei Polizeipräsidien. Der Ministerpräsident und sein Vize fanden sogar einen so guten Draht, dass ihre rot-schwarze Koalition 2002 nicht auseinanderfiel, als bei der Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz im Bundesrat Stolpe mit Ja und Schönbohm mit Nein stimmten. Das gab es in der bundesdeutschen Geschichte noch nie.Nach fünf gemeinsamen Regierungsjahren - mittlerweile hatte Platzeck Stolpe abgelöst - lag Schönbohms CDU in Umfragen erstmals vor der SPD. Doch als die Hartz-IV-Reformen zum beherrschenden Wahlkampfthema wurden, hatte die CDU keinen Plan. Platzeck kämpfte gegen den Unmut an. Nach der Wahl, die SPD hatte knapp vor der Linken gesiegt, die CDU lag wieder bei 20 Prozent, waren die Rollen im Land neu verteilt. Auch Jörg Schönbohms. Er wurde leiser."Ich kenne nur Deutsche""Ich habe damals den Vertrauensverlust in die Politik begriffen", sagt Schönbohm heute. Die Ängste der Menschen seien ihm nahegegangen. Sein lautes Nachdenken über die Ursachen für den neunfachen Babymord von Frankfurt (Oder), den er in Zusammenhang brachte mit der erzwungenen "Proletarisierung" in der DDR, leiteten 2005 seinen politischen Rückzug ein. In der CDU war die "Ein-Mann-Schau" Schönbohm beendet. Die alten Lagerkämpfe brachen wieder aus. Und der Chef, der sich aufgrund seiner politfernen Vita einen "abartigen Landespolitiker" nennt, war dafür nicht gerüstet. Das Klein-Klein der Partei hat ihn nie interessiert. Aber unschöne Angelegenheiten vergisst Jörg Schönbohm auch gern. Als er vergangenes Wochenende zum CDU-Ehrenvorsitzenden gekürt wurde, war der sensible General doch tief gerührt.Mittlerweile ist er, dem seine brandenburgische Herkunft so viel bedeutet, der letzte Wessi im Potsdamer Kabinett. Wie er sich dabei fühlt? "Ich kenne nur Deutsche!", antwortet Schönbohm zackig und ist empört und wohl auch verletzt, weil Matthias Platzeck im nahenden Wahlkampf wieder stärker auf Ostbefindlichkeit setzt. 20 Jahre nach Mauerfall sei das spalterisch und unfair. Jörg Schönbohm nimmt keine unterschiedlichen Gefühlslagen wahr. Mit Blick auf den nahenden, politischen Abschied sagt er: "Ich fühle mich nicht immer verstanden, aber außerordentlich wohl."------------------------------Foto: Jörg Schönbohm kam 1998 nach Brandenburg. Er liebt das Land.

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