Kriminalität

„Handelt es sich um eine Trophäenjagd?“: Judenstern aus Chemnitzer Gedenkstätte gestohlen

In Chemnitz ist ein originaler Judenstern gestohlen worden. Er stammt aus dem Nachlass von Ernst Sander. Die Polizei sucht jetzt Zeugen.

4 Min
Aus einer Chemnitzer Gedenkstätte wurde ein Judenstern gestohlen.

Aus einer Chemnitzer Gedenkstätte wurde ein Judenstern gestohlen.

© Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Aus einer Chemnitzer Gedenkstätte ist ein originaler Judenstern aus der NS-Zeit gestohlen worden. Das gelbe Stoffstück in Form eines Davidsterns verschwand samt Rahmen aus der Dauerausstellung des Lern- und Gedenkorts Kaßberg-Gefängnis. Es stammt aus dem Nachlass von Ernst Sander, der während des Nationalsozialismus wegen seiner jüdischen Herkunft in dem Gefängnis inhaftiert war.

Nach Polizeiangaben wurde der Diebstahl am Donnerstag bekannt, der Tatzeitraum liegt demnach zwischen dem 16. und 23. September. Wer das Exponat entwendet hat, ist bislang unklar. Die Ermittler suchen nach Zeugen.

Ein Original aus dem Nachlass von Ernst Sander

Bei dem verschwundenen Objekt handelt es sich nach Angaben des Lern- und Gedenkorts in einer Pressemitteilung um ein echtes Zeugnis der NS-Zeit, nicht um eine Nachbildung.

Angehörige hatten den Stern der Ausstellung überlassen. Er gehörte einst Ernst Sander aus Chemnitz. Sander saß während der NS-Zeit wegen seiner jüdischen Herkunft im Kaßberg-Gefängnis. Sein Lebensweg wird in der Dauerausstellung im früheren Hafttrakt B erzählt.

Die Gedenkstätte betont, das Stück habe neben seinem historischen Wert vor allem eine kaum zu ersetzende persönliche Bedeutung.

Der „Judenstern“ war ein öffentliches Zwangskennzeichen des NS-Regimes. Er wurde am 19. September 1941 per Polizeiverordnung eingeführt. Betroffen waren alle Menschen über sechs Jahre, die nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 als Jüdinnen und Juden galten. Sie mussten das gelbe Kennzeichen sichtbar an der Kleidung tragen.

Offenbar mehrere Objekte betroffen

Es blieb offenbar nicht bei einem einzelnen Stück. Im gesamten Ausstellungsbereich zur NS-Diktatur seien Spuren von Manipulationen erkennbar, teilte der Lern- und Gedenkort mit.

Nach seiner Darstellung wurde versucht, mehrere Ausstellungsobjekte zu entwenden – teils mit Erfolg. Der gerahmte Judenstern gehörte zu den entwendeten Stücken.

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Die Gedenkstätte reagiert mit scharfen Worten und hat Strafanzeige gestellt. Dabei verwies sie auf den Verdacht einer politisch motivierten Straftat.

„Jedes unserer Objekte steht mindestens symbolisch für einen Leidensweg“, sagt Hanka Kliese, Vorstandsmitglied des Trägervereins. „Wer einen ‚Judenstern‘ entfernt, aus welchem Grund auch immer, rührt am Andenken an die Opfer der Shoah.“

Fassungslos zeigt sich auch Hermann Brudner, Sohn des Holocaust-Überlebenden Max Brudner. „Als Zeitzeuge zweiter Generation und als Mensch mit demokratischen Werten kann ich eine solche Handlung nicht verstehen“, sagt er und fragt: „Handelt es sich um eine Trophäenjagd?“

Die wissenschaftliche Leiterin Dr. Steffi Lehmann bittet um Hinweise. „Wir wollen dieses wertvolle Exponat zurückbekommen“, sagt sie. Der Diebstahl sei „ein unwürdiger Angriff auf unsere Erinnerungskultur“ – gerade in Zeiten, in denen die Demokratie unter Druck stehe.

Polizei sucht Zeugen – Tatzeitraum im September

Bei der Polizei wurde der Fall am Donnerstag aktenkundig. Als Tatzeitraum nennen die Ermittler nach bisherigem Stand die Tage zwischen dem 16. und 23. September.

Wer den Judenstern aus der Chemnitzer Gedenkstätte gestohlen hat, ist weiterhin unklar. Die Polizei sucht Zeugen. Hinweise nimmt neben der Polizei auch der Lernort selbst entgegen, telefonisch unter 0371 5248 6880 oder per E-Mail an [email protected].

Das Kaßberg-Gefängnis: ein Ort mit mehreren Gewaltgeschichten

Der Lern- und Gedenkort erinnert an einen Ort, an dem sich mehrere Unrechtsgeschichten überlagern. In der NS-Zeit war das Kaßberg-Gefängnis auch ein Schauplatz der Judenverfolgung; unter den Häftlingen waren zudem politische Gegner und später Zwangsarbeiter aus dem besetzten Europa.

Nach 1945 nutzte zunächst die sowjetische Geheimpolizei den Komplex, später die DDR-Staatssicherheit. Gemessen an den Haftplätzen war es die größte Untersuchungshaftanstalt der Stasi.

Von hier aus lief außerdem der Häftlingsfreikauf aus der DDR: Rund 30.000 politische Gefangene gelangten über den Kaßberg in die Freiheit. Die Dauerausstellung im früheren Hafttrakt B wurde 2023 eröffnet.

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