Schon als kleines Mädchen habe ich durch die heimliche Lektüre der Mode- und Frauenmagazine meiner Mutter gelernt, dass es als Frau wichtig zu sein scheint, „gut zu altern“. Dabei verstand ich auch schnell, dass es ein hochkomplexes, extrem facettenreiches und unerschöpfliches Unterfangen war, das wahlweise mit Smoothies, Trockenbürsten oder Shapewear zu tun hatte. Wie genau dieses „gute Altern“ jedoch aussehen soll, blieb meistens erstaunlich vage.
Im Gegensatz dazu ließ sich viel darüber erfahren, wie „gutes Altern“ definitiv nicht aussieht. Das hatte oft damit zu tun, dass irgendwas am Auftreten der Promis, die als Beispiele herhalten mussten, nicht „altersgemäß“ sei – alles rein oberflächliche Dinge: Haarfarbe, Make-up, Kleidung. Ich lernte, dass man als Frau – insbesondere als alternde – scheinbar ständig Gefahr lief, irgendwie „peinlich“ zu sein.
Madonna im Juni 2026 bei einem Gratiskonzert auf dem New Yorker Times Square, um ihr neues Album „Confessions II“ vorzustellen
© IMAGO/Nancy Kaszerman
Es waren die 2000er, jene Ära, die dafür bekannt ist, in der Presse besonders gnadenlos mit Frauen und Prominenten umgegangen zu sein. Doch um ehrlich zu sein, habe ich nicht den Eindruck, dass wir heute, rund 20 Jahre später, auch nur einen Schritt weiter sind, gesellschaftlich irgendeine brauchbare Idee davon zu vermitteln, wie dieses sagenumwobene „gute Altern“ aussehen soll.
Ein rotes Tuch bis heute jedoch: Schönheitseingriffe. Die meisten Menschen in Hollywood, die über Nacht schlagartig 30 Jahre jünger aussehen, beteuerten mit scheinheiliger Unschuldsmiene, dass sie „nichts“ hätten machen lassen. Dabei wissen natürlich alle: Skalpell und Spritzen sind die einzigen wirklich hilfreichen Mittel, wenn es darum geht, Spuren von Alterung verschwinden zu lassen. Dies offen zuzugeben, galt aber bis vor Kurzem als zu brutal, zu offen.
Vom Tabu zum Standard: Die Normalisierung des Eingriffs
Eine Sache hat sich jedoch verändert: Während man früher noch irgendwas von guten Genen faselte und empfahl, viel Wasser zu trinken, hat man heute angefangen, zu seinen Schönheitsoperationen zu stehen. Das ist ehrlicher, vermittelt andererseits aber den Eindruck, dass es zwingend zur Biografie jeder Frau gehören sollte, spätestens ab 30 „vorbeugend“ Botox zu spritzen – irgendwann sind schließlich die Falten zu tief und dann ist es zu spät.
In Sachen Schönheitsoperationen wird gerne auf Familie Kardashian geblickt. Regelmäßig setzt sie öffentlichkeitswirksam neue Maßstäbe, wenn es darum geht, Spuren des Alterns auszumerzen. Allen voran Familienoberhaupt Kris Jenner, die im Frühjahr 2025 mit ihrem zweiten Facelift für Aufmerksamkeit sorgte – weil es, so die verbreitete Meinung in den Medien, so „natürlich“ aussah. Also nicht wie eine operierte fast 70-Jährige, sondern wie eine maximal 40-Jährige.
Kris Jenner beim Verlassen des Ritz-Hotels in Paris im Mai 2025, kurz nachdem sie der Welt ihr „neues“ Gesicht nach dem zweiten Facelift präsentiert hatte
© IMAGO/Thibault Duboucher / Bestimage
Die genauen Details des Eingriffs sind kein Geheimnis, sondern wurden von Jenner selbst und ihrem Management offiziell bestätigt: Dabei führte der New Yorker Chirurg Dr. Steven M. Levine eine sogenannte „laterale Smasektomie“ kombiniert mit einem tiefen Halslift durch, um das tiefer liegende Muskel- und Bindegewebe der unteren Gesichtshälfte und der Halspartie effektiv zu straffen.
Im August 2025 erzählte die damals 69-jährige Kris Jenner im Interview der Vogue Arabia, dass dieser Schritt für sie die persönliche Definition von „würdevoll altern“ sei – es ginge ihr schlicht darum, die beste Version ihrer selbst zu bleiben, anstatt sich der biologischen Zeit zu fügen.
Der Horror des Alterns
Natürlich ist Kris Jenner nicht die Einzige, da wären auch die Madonnas, Chers, Nicole Kidmans oder Demi Moores dieser Welt, die allesamt rückwärts zu altern scheinen. Ich kann gut verstehen, warum sie den Weg des Jungbrunnens gewählt haben: Sie üben Berufe in einer Öffentlichkeit aus, die alternde Frauen abstraft.
Demi Moore hat exakt jenen Mechanismus im Horrorfilm „The Substance“ verkörpert: Sie spielt darin Elisabeth Sparkle, einen Hollywood-Star und Moderatorin einer Fitnessshow, die an ihrem 50. Geburtstag wegen ihres Alters gefeuert wird. Um ihre Jugend und Schönheit zurückzuerlangen, greift sie zu einer dubiosen, auf dem Schwarzmarkt erworbenen Substanz.
Durch diese teilt sich ihr Körper zellulär, und es entsteht eine jüngere Version ihrer selbst. Im Verlauf der Handlung führt der missbräuchliche Umgang mit dieser Substanz jedoch zu gravierenden Nebenwirkungen, bis ihr Körper auf ekelerregende Weise mutiert und sie wortwörtlich an der Substanz zerfällt.
Gefeiert für eine Rolle über den gnadenlosen Jugendwahn in Hollywood: Demi Moore mit ihrem SAG-Award für „The Substance“ im Februar 2025
© IMAGO/Xavier Collin/Image Press Agency
Ich kann mich an keinen anderen Film erinnern, nach dem es mir so schlecht ging wie nach diesen 141 Minuten. Denn außer der (noch) nicht existierenden Substanz war dieser Horror ziemlich real, weil er in seiner ganzen Brutalität zeigt, was Frauen alles auf sich nehmen, um nicht aufgrund eines alten Äußeren in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Ich ertappte mich selbst dabei, wie ich mich vor dem rapide gealterten Körper von Demi Moores fiktivem Charakter ekelte. Das war beinahe die schlimmste Erkenntnis: dass wir alle (ja, ich schließe hier einmal frecherweise von mir auf andere) diese sozial erzeugte Abneigung in uns tragen.
„Botox ist die modernere gute Hautcreme“: Warum die Rapperin Ikkimel damit recht hat
„Da müssen Sie jetzt durch“: Warum Frauen in den Wechseljahren noch immer alleingelassen werden
Pragmatismus statt Moralkeule
Nun kann man den Zeigefinger erheben und auf jene prominenten Frauen schimpfen und ihnen vorwerfen, schlechte Vorbilder, „unfeministisch“ oder dem Jugendwahn verfallen zu sein. Oder man gibt einfach zu, dass ihr Verhalten menschlich ist.
Wer denkt, dass Frauen sich all diesen Strapazen aus reiner Eitelkeit unterziehen, ist ziemlich naiv. Ich bin der festen Überzeugung, dass für Madonna und Co. diese Eingriffe überwiegend pragmatischer Natur sind – eine geschäftliche Entscheidung.
Bis wir also in einer Gesellschaft leben, die vom Jugendwahn befreit ist, führt für eine Frau der einfachste Weg, um einigermaßen in Würde zu altern, direkt unters Messer. Und das gilt nur für die wenigen Glücklichen, die sich den Eingriff leisten können.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]