Upcycling-Kunst

Warum Upcycling der Punk in der Kunst ist: Vom Widerstand gebrauchter Dinge

Julia Theek gibt gebrauchten Dingen ein neues Leben als Kunstwerke. In der Kommunalen Galerie Berlin erzählt die Potsdamerin mit Upcycling-Kunst von Verletzlichkeit.

8 Min
Julia Theek in ihrer Ausstellung in der Kommunalen Galerie Berlin. Die Lederjacke kaufte sie sich vom ersten Westhonorar.

Julia Theek in ihrer Ausstellung in der Kommunalen Galerie Berlin. Die Lederjacke kaufte sie sich vom ersten Westhonorar.

© Jordis Antonia Schlösser/Ostdeutsche Allgemeine

Für Julia Theek beginnt Kunst nicht unbedingt mit einer leeren Leinwand. Häufig ist das Material schon da – gebraucht, zerkratzt, verformt und voller Spuren. Die Potsdamer Künstlerin arbeitet mit Dingen, die andere wegwerfen oder übersehen. Aus Fundstücken werden Bildträger, aus Gebrauchsspuren wird Geschichte.

Derzeit sind Arbeiten von ihr in der Gruppenausstellung „Women support Women – 100 Jahre Gedok“ in der Kommunalen Galerie Berlin in Charlottenburg-Wilmersdorf zu sehen. Zum 100-jährigen Bestehen der Künstlerinnenvereinigung beschäftigt sich die Schau unter anderem mit der Sichtbarkeit von Frauen in der Kunst, mit Solidarität und gesellschaftlichen Einschränkungen.

Theek widmet sich dem Thema Verletzbarkeit – und verwendet dafür ausgerechnet alte Tabletts.

Alte Tabletts werden zu Künstlerinnenporträts

Tabletts sind für Julia Theek „ein fantastischer Bildgrund“. Einige Stücke sähen bereits so aus, als seien sie bemalt worden. Eines der von ihr verwendeten Tabletts ist zerbeult und soll die Bombenangriffe auf Berlin überstanden haben. Andere stammen von Flohmärkten oder aus dem Familienhaushalt.

Die Künstlerin stellt einen historistischen Präsentationsteller neben eine moderne Pappschale, wie sie für Currywurst oder Kuchen verwendet wird. Beide Gegenstände dienen demselben Zweck: Sie reichen etwas dar und werden dabei selbst benutzt.

Das Tablett wird so zur Metapher. Es steht für Fürsorge und Dienstleistung, aber auch für Abnutzung und gesellschaftliche Zuschreibungen. Zugleich macht es deutlich, wie stark das Material die Bedeutung eines Kunstwerks beeinflusst.

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Julia Theeks Arbeiten entstehen nicht auf einem neutralen Untergrund. Jedes Tablett bringt seine eigene Form, Herkunft und Patina mit. Die Künstlerin muss darauf reagieren. Genau darin liegt ein Grundgedanke der Upcycling-Kunst: Das Material wird nicht bloß wiederverwendet, sondern in seiner Geschichte ernst genommen.

Eine Porträtserie über körperliche Verletzungen

Die Tablett-Serie porträtiert Künstlerinnen mit körperlichen Beeinträchtigungen und gesundheitlichen Erfahrungen. Auf das Porträt einer Sängerin, die Hörstürze erlitten hat, ist ein Plastikohr geklebt. Eine andere Frau mit Grauem Star wird auf einem Jugendbild mit Brille gezeigt. Zwei kleine runde Tabletts bilden ein trübes und ein scharfes Auge ab.

Im Zentrum der Serie stehen Krankenschwestern und rote Kreuze. Ein durchgestrichenes Ohr verweist auf Hörverlust, eine Figurengruppe auf Inklusion. Eine weitere Arbeit nimmt Bezug auf Maria Callas und deren Stimmprobleme. Ein rotes Kreuz über den Lippen zitiert dabei die Oper „Turandot“.

Die Tablettserie der Künstlerin Julia Theek in der Gedok-Gruppenausstellung „Women support Women“ in der Kommunalen Galerie Berlin

Die Tablettserie der Künstlerin Julia Theek in der Gedok-Gruppenausstellung „Women support Women“ in der Kommunalen Galerie Berlin

© Jordis Antonia Schlösser/Ostdeutsche Allgemeine

Auch gesellschaftliche Anpassung wird zum Thema. Eine porträtierte Sängerin und Sprecherin mit Migrationsgeschichte habe sich lange bemüht, „nicht zu schwarz zu klingen“, und später Stimmprobleme bekommen. Dahinter steht die Frage, ob solche Anpassung eine Form der Unterdrückung ist – und ob die eigentliche Grenzüberschreitung darin bestehen könnte, die eigene Herkunft anzunehmen.

Mitten in der Serie findet sich zudem ein politisches Porträt von Ursula von der Leyen. Es greift den Begriff der Transgression auf: die Überschreitung körperlicher, sozialer oder politischer Grenzen.

Julia Theek verarbeitet ihre eigene Erkrankung

Verletzlichkeit ist für Julia Theek keine abstrakte Idee. Die Künstlerin lebt mit Muskeldystrophie. Ihre Gehfähigkeit nimmt ab, ein Stock ist inzwischen ihr ständiger Begleiter. Die seltene Erkrankung macht sich zuerst an den Fußhebern bemerkbar.

In einem ihrer Werke hat Theek ein älteres Jugendporträt bearbeitet, das sie als Reiterin zeigt. Sie machte das Bild unscharf und übermalte es mit ihren Füßen. Dadurch wird es zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit körperlichen Grenzen – und mit den Hilfsmitteln, durch die Menschen solche Grenzen seit jeher zu überwinden versuchen.

Zwei Griffe verwandeln das rund 30 bis 40 Jahre alte Bild schließlich in ein Objekt zwischen Gemälde und Gebrauchsgegenstand. Theek nennt es ein „ironisches Tablett“. „Du musst halt nur Griffe dranmachen und schwupps, ist es ein Tablett“, sagt sie.

Auch ihr Asthmaspray taucht in einer Arbeit auf. Theek arbeitet häufig mit Lacken und Sprühtechniken, die für die eigene Gesundheit problematisch sein können. „Sprühen und Gegensprühen“ nennt sie dieses Prinzip. Das Hilfsmittel gegen Atemnot steht damit dem künstlerischen Spray gegenüber.

Wie die DDR Julia Theeks Upcycling-Kunst prägte

Ihren Sinn für Materialien führt Julia Theek auch auf ihre Sozialisation in der DDR zurück. In der Mangelwirtschaft habe es „eine andere Aufmerksamkeit für Material“ gegeben. Dinge wurden aufgehoben, repariert und umgestaltet, weil Ersatz nicht jederzeit verfügbar war.

Alte Stoffe hätten sich oft besser angefühlt als Dederon. Vollholzmöbel wurden abgeschliffen, abgebrannt und neu interpretiert. „Alle Leute, mit denen ich als Studentin zusammen war, haben Möbel abgeschliffen, abgebrannt, neu erfunden“, erinnert sich Theek.

Das Julia-Theek-Prinzip: Sprühen (für die Kunst) und Gegensprühen (mit dem Asthmaspray)

Das Julia-Theek-Prinzip: Sprühen (für die Kunst) und Gegensprühen (mit dem Asthmaspray)

© Jordis Antonia Schlösser/Ostdeutsche Allgemeine

Die Wiederverwendung war nicht nur eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Sie bot zugleich die Möglichkeit, Individualität zu entwickeln. Wer nicht einfach ein neues Möbelstück kaufen konnte, musste das Vorhandene verändern und sich aneignen.

Auch in ihrer Familie begegnete Theek diesem Denken. Sie wuchs überwiegend bei ihren Großeltern auf. Ihre Großmutter arbeitete Kleidung aus den 1920er-Jahren um. Ihr Großvater, der in Potsdam bekannte Künstler Paul August, dokumentierte nach dem Krieg die Ruinen der Stadt auf Fotokarton, weil Zeichenpapier fehlte und Kameras selten waren.

Aus Mangel entstanden Improvisation und eine besondere Wertschätzung für das Material. In Theeks Kunst wirkt diese Erfahrung bis heute fort.

Gegenentwurf zu Wegwerfgesellschaft und KI

Upcycling ist für Julia Theek jedoch nicht nur eine ostdeutsche Erinnerung. Sie versteht die handwerkliche Arbeit auch als Gegenbewegung zur zunehmenden Virtualität und zur Künstlichen Intelligenz.

Produkten mit geplanter Obsoleszenz, also absichtlich eingebautem Verschleiß, stellt sie Dinge gegenüber, die altern dürfen. Patina, Kratzer und Reparaturen gelten nicht als Fehler, sondern als sichtbare Lebensgeschichte eines Gegenstands.

Ihre Lederjacke kaufte Julia Theek von ihrem ersten Westhonorar. Sie trägt sie seit 38 Jahren. Irgendwann upcycelte sie das in die Jahre gekommene Stück, indem sie es besprühte. Auch robuste DDR-Gläser, die inzwischen auf Onlineplattformen gehandelt werden, stehen für sie sinnbildlich für eine andere Beziehung zu Gebrauchsgegenständen.

„Die Verantwortung gegenüber Dingen und gegenüber Kaufentscheidungen sagt manchmal mehr über Leute aus als die Entscheidung, ob sie fliegen oder einen Zug nehmen“, sagt die studierte Kultur- und Kunstwissenschaftlerin.

Upcycling wird damit zu einer Haltung. Es geht nicht nur darum, Abfall zu vermeiden. In jedem Gegenstand stecken Rohstoffe, Energie, Arbeitszeit und handwerkliches Wissen. Diese Ressourcen sollen nicht unsichtbar werden, sobald ein Objekt aus der Mode kommt oder seinen ursprünglichen Zweck verliert.

„Der Anspruch der Dinge“

Diesen Gedanken hat Julia Theek auch theoretisch ausgearbeitet. Ihr Buch trägt den Titel „Der Anspruch der Dinge – Upcycling als Kunst“. Darin beschäftigt sie sich mit der Frage, welche Ansprüche gebrauchte Gegenstände an Menschen stellen.

Sie plädiert dafür, Dinge nicht nur nach ihrem Preis oder ihrer unmittelbaren Funktion zu beurteilen. Materialien besitzen Eigenschaften, Geschichten und kulturelle Bedeutungen. Die Aufgabe der Kunst kann darin bestehen, diese sichtbar zu machen.

Dieses Werk auf einer alten Kredenz aus Holz thematisiert, dass Künstler in der Antike keine Brillen zu Hilfe nehmen konnten, wenn sie zunehmend schlechter sahen.

Dieses Werk auf einer alten Kredenz aus Holz thematisiert, dass Künstler in der Antike keine Brillen zu Hilfe nehmen konnten, wenn sie zunehmend schlechter sahen.

© Jordis Antonia Schlösser/Ostdeutsche Allgemeine

Als internationale Referenz nennt die Künstlerin unter anderem das japanische Kintsugi. Bei dieser Technik werden Bruchstellen nicht versteckt, sondern hervorgehoben – häufig mit goldfarbenem Material. Der Schaden wird so zum Bestandteil von Schönheit.

Vom Upcycling-Kunstpreis bis nach Barcelona

Julia Theeks Bedeutung für die deutsche Upcycling-Kunst reicht über ihre eigenen Werke hinaus. In Lübz in Mecklenburg-Vorpommern initiierte sie ein Zentrum für zirkuläre Kunst. Dort wurde 2021 der erste deutsche Upcycling-Kunstpreis vergeben. Mehr als 1200 Einreichungen machten sichtbar, wie vielfältig die Szene inzwischen ist.

Die Preisträgerin Ramona Seyfarth wurde zur Drap-Art nach Barcelona eingeladen. Die ausgezeichneten Werke wurden später auch in Berlin präsentiert. Julia Theek wirkte zudem im Umfeld des europäischen Upcycling-Kunstpreises in Paris mit.

Damit gehört sie in Deutschland zu den Künstlerinnen, die nicht nur mit wiederverwendeten Materialien arbeiten, sondern auch Strukturen für andere Kunstschaffende aufgebaut haben. Ihre besondere Stellung beruht auf der Verbindung von künstlerischer Praxis, theoretischer Vermittlung, Ausstellungsarbeit und internationaler Vernetzung. Sie zählt zu den profilbildenden Initiatorinnen der deutschen Upcycling-Kunst.

Warum Upcycling der Punk der Kunst ist

Julia Theek kommt aus der Streetart und arbeitet mit Schablonen und Lacken. Das Prinzip des Readymades, das besonders mit Marcel Duchamp verbunden wird, habe sie sofort verstanden: „Es geht mir ganz oft so, dass ich Dinge angucke und denke, meine Güte, wie schön, du musst es nur gut inszenieren.“

Schon eine minimale Intervention kann für sie Kunst sein. Ein Fundstück verändert seine Bedeutung, sobald es aus seinem gewohnten Zusammenhang gelöst, bearbeitet und neu präsentiert wird.

Theek versteht dieses Vorgehen als Gegenentwurf zu einem skalierbaren Kunstmarkt. Wegen des individuellen Malgrunds ist beim Upcycling jede Arbeit ein Unikat. „Meine Galeristin kann nicht sagen: Kannst du mir davon noch zehn machen?“ Auch ihre Schablonen verwendet sie nach eigener Aussage höchstens fünf- oder sechsmal.

Julia Theek mit der Potsdamer Oberbürgermeisterin Noosha Aubel bei der Eröffnung ihrer Gemeinschaftsausstellung mit Werken ihres Großvaters Paul August im Juni 2026

Julia Theek mit der Potsdamer Oberbürgermeisterin Noosha Aubel bei der Eröffnung ihrer Gemeinschaftsausstellung mit Werken ihres Großvaters Paul August im Juni 2026

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Upcycling sei deshalb „der Punk in der Kunst“. Es ist rau, widerspenstig und nur begrenzt reproduzierbar. Es entzieht sich der Vorstellung, Kunstwerke wie beliebige Produkte vervielfältigen zu können.

Zugleich drückt diese Kunst Respekt gegenüber den Menschen aus, die einen Gegenstand hergestellt haben. Werke der Upcycling-Kunst bewahren nicht nur Material vor dem Wegwerfen. Sie machen sichtbar, dass in jedem Ding Arbeit, Erinnerung und kulturelles Erbe stecken.

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