Juventus Turin, Lazio Rom und der AC Florenz müssen in die Zweite Liga absteigen

Erdbeben in der Serie A

Oliver Meiler
5 Min

ROM. Alles schaute am Freitagabend zum Hotel Parco dei Principi, einem Römer Nobelhotel. Ganz Italien. Und da las Cesare Ruperto, 81 Jahre alt, ehemaliger Präsident des italienischen Verfassungsgerichts, als Vorsitzender eines Sportgerichts am Abend aus einem Urteil vor, das noch vor zweieinhalb Monaten niemand in Italien für möglich gehalten hätte. Juventus Turin, der erfolgreichste und beste, der beliebteste und traditionsreichste Fußballverein im Land, muss in die Serie B, Zweite Liga, und bekommt obendrein 30 Minuspunkte aufgebrummt.In der Serie B waren die Turiner in ihrer glorreichen Geschichte noch nie. Das alte Management von Juve um Luciano Moggi (ehedem Sportdirektor) und Antonio Giraudo (Geschäftsführer) wurde also des Sportbetrugs schuldig gesprochen. Diese Herren sollen in der untersuchten Meisterschaft 2004/2005 Spiele verschoben haben, indem sie die Zuteilung der Schieds- und Linienrichter zusammen mit den befreundeten Oberen des Refereeverbands und der Spitze des Fußballverbandes manipuliert hatten. Die Justiz hörte Moggi beim Mauscheln zu, ein ganzes Jahr, insgesamt 100 000 Mal. Manchmal telefonierte Moggi mit seinen sechs Handys an einem Tag mehr als 460 Mal.Die Geier kreisen schonIn den Protokollen der abgehörten Telefonate, von denen viele in die Zeitungen gelangten, erschienen auch die Vereinsspitzen von Lazio Rom und Florenz in einem kompromittierenden Licht. Sie sollen mit unlauteren Absprachen gegen den drohenden Abstieg gekämpft haben und die gleichen Kanäle wie "Lucky Luciano" angezapft haben. Beide Klubs müssen in die Serie B, ihre Manager werden Jahre gesperrt. Außerdem werden dem AC Florenz 12 und Lazio Rom 7 Punkte abgezogen. Nur der AC Mailand entgeht der Verbannung, beginnt die nächste Serie-A-Saison aber mit 15 Minuspunkten und darf nicht an der Champions League teilnehmen, für die er sich als Meisterschaftszweiter qualifiziert hatte.Milan geriet wegen seines Zuständigen für Schiedsrichterfragen, Leonardo Meani, der offenbar Linienrichter beeinflusst hatte, ins Zwielicht. Doch schien es den Richtern nicht erwiesen, dass Meani exekutive Kompetenzen hatte. Darum die relative Milde.Die Urteile fallen nur ein bisschen milder aus, als es der Chefankläger des Verbands, Stefano Palazzi, nach seiner Ermittlung gefordert hatte. Gemäß Palazzi hätte Juventus die Serie C 1 oder C 2 verdient gehabt und die drei anderen Vereine die Serie B mit hohen Punkteabzügen für Lazio und Florenz. Klar scheint, dass Juventus Turin nicht früher als in zwei Jahren in die höchste Spielklasse zurückkehren wird. Noch steht nun aber das Appellationsverfahren aus. Es bleiben den vier Vereinen fünf Tage Zeit, um ihre Reaktionen einzureichen. Bereits am 25. Juli erwartet die Uefa aber vom Fußballverband das Serie-A-Klassement der vergangenen Saison, um am 27. Juli die Auslosung der europäischen Wettbewerbe vornehmen zu können. Sollte bis dann kein definitives Urteil stehen, würde der Notverwalter des Verbands, Guido Rossi, dafür das erstinstanzliche Verdikt heranziehen - ohne Juve, Lazio, Florenz und Milan. Eine kleine Revolution, bis vor kurzem absolut unvorstellbar.Der Zeitpunkt der Urteilsverkündung war kein Zufall. Die Mailänder Börse Piazza Affari sollte zuerst schließen, der Handel mit den Papieren von Juventus Turin und Lazio Rom eingestellt sein. Der Calcio ist ein Milliardenbusiness - und er lebt seit Jahren über seinen Verhältnissen. Nun drohen den vier erstinstanzlich verurteilten Vereinen die Einnahmen einzubrechen. Was sind dem Pay-TV-Sender Sky Italia wohl die Übertragungsrechte von Juventus in der Serie B noch wert? Die Turiner erhielten bisher 80 Millionen Euro im Jahr. Viele ihrer elf Millionen Fans dürften zwar treu bleiben. Doch kostet zweitklassiger Fußball auch mit Juve nur eine magere Summe. Gleiches gilt für Florenz und Lazio Rom, die schon davor einen Bruchteil der Juve-Quote erhielten. Bei Milan ändert sich wenig, zumal der Klub in Silvio Berlusconi einen potenten Mäzen hat.Die Sponsoren dürften auch auf ihre Verträge zurückkommen. Wahrscheinlich gibt es Klauseln, die den Ausstieg oder eine Minderung der Zahlungen im Falle eines Abstiegs vorsehen. Sicher ist hingegen, dass sich der Marktwert der Spielerkader schmälern wird - ausgerechnet jetzt, da viele Spieler von involvierten Vereinen Weltmeister geworden sind.Nehmen wir Gianluigi Buffon, den Torhüter von Juventus und der Nationalmannschaft. Buffon wird seinem Verein wohl nicht in die Serie B folgen, wo ihm Juve einen Großteil seines Gehalts (4,5 Millionen Euro) streichen müsste.Sein Marktwert wird auf 30 Millionen Euro geschätzt. Das Interesse an ihm im Ausland soll groß sein. Nur: Da mit ihm eine Reihe anderer Juve-Stars abgeschoben werden müssen oder selbst gehen, wird sein Transferpreis sinken. Es steht ein Ausverkauf an. Ein Spielervermittler nannte es kürzlich so: "Geier aus dem Ausland kreisen über dem Calcio." Am aktivsten soll Real Madrid sein, das neuerdings von dem ehemaligen Juve-Trainer Fabio Capello gecoacht wird. Die Schulden der Vereine, die ihre Stars teuer eingekauft hatten, werden steigen.------------------------------Milan nicht in der Champions LeagueAbstieg: Juventus Turin, Lazio Rom und der AC Florenz wurden in die Serie B zurückgestuft. Juve wurden zudem die Titel von 2005 und 2006 aberkannt. In die neue Saison startet der Klub mit 30 Minuspunkten.Abzug: Dem AC Mailand werden für die vergangene Saison rückwirkend 44 Zähler abgezogen. Damit darf der Klub nun nicht in der Champions League starten. Die nächste Saison beginnt Milan mit 15 Minuspunkten.Verbot: Der ehemalige Juventus-Manager Luciano Moggi sowie der frühere Geschäftsführer Antonio Giraudo dürfen fünf Jahre nicht im Fußballbereich arbeiten. Von acht Schiedsrichtern wurden fünf freigesprochen.------------------------------Foto (2): Kurze Freude: Im Mai 2006 jubelte Juventus Turin noch über die Meisterschaft - jetzt ist der Titel aberkannt worden, Juve muss zwangsabsteigen.Ausverkauf der Weltmeister: Der Marktwert von Keeper Buffon wird sinken.

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