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Am Strausberger Platz fehlt das Wasser. Der Ring aus kupferverkleidetem Stahl, den der Kunstschmied Fritz Kühn 1966 gemeinsam mit dem Architekten Heinz Graffunder entwarf und über dessen Becken von dreißig Metern Durchmesser die Fontäne achtzehn Meter hoch stieg, wurde 2024 abgebaut, weil darunter der U-Bahn-Tunnel saniert werden muss. Zurückkehren soll er frühestens 2027. Bis dahin ist der Platz genau das, was das Bezirksamt in seinen eigenen Unterlagen einräumt: vorrangig ein Verkehrsknoten und weniger ein öffentlicher Platz.
Ich wohne an der Karl-Marx-Allee und gehe täglich an dieser Leerstelle vorbei, und es hat gedauert, bis ich verstanden habe, dass sie keine Ausnahme ist, sondern beinahe der Normalzustand einer Straße, die von Anfang an mehr versprochen hat, als sie halten konnte.
Neunzig Meter misst der Straßenraum zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor, im zweiten Bauabschnitt werden es bis zu hundertfünfundzwanzig. Diese Breite war kein Zugeständnis an das Licht, sondern an den Aufmarsch: eine Bühne, auf der ein Staat sich selbst zusehen konnte.
Die Autorin Brenna Hughes Neghaiwi hat im Paris Review geschrieben, diese neunzig Meter nähmen einem jede Lust auf ein zufälliges Gespräch, und sie hat recht damit; man ruft hier niemandem etwas zu, man winkt allenfalls. Und trotzdem wohnen hier seit über siebzig Jahren Menschen, mit Balkonen und Wäscheständern und Fahrrädern in den Höfen.
2027 soll die Totalsanierung der Brunnenanlage „Schwebender Ring“ abgeschlossen sein.
© Peter Meißner/Imago
Keine Frage, das Werk von Fritz Kühn und Heinz Graffunder war sanierungsbedürftig.
© Enters/Imago
Sie hieß Große Frankfurter Straße, ein mittelalterlicher Handelsweg nach Osten, bis sie am 21. Dezember 1949 umbenannt wurde, pünktlich zu Stalins siebzigstem Geburtstag. Was danach entstand, wurde als Arbeiterpalast verkauft: großzügige Wohnungen mit Bad und Zentralheizung für Menschen, die aus Kellern kamen, verkleidet mit Meißner Keramik und überwölbt von einer Formensprache, die sich ausdrücklich auf Schinkel berief. Am 3. August 1951 wurde ein Stalindenkmal aufgestellt. Zehn Jahre später verschwand es wieder, und die Straße bekam am 13. November 1961 den Namen, den sie bis heute trägt.
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Pannen bei der Premiere mit Walter Ulbricht
Dazwischen lag der Juni 1953. Am 15. verabredeten Bauarbeiter auf zwei Großbaustellen, die Arbeit niederzulegen: auf dem Neubau des Krankenhauses Friedrichshain und auf dem Block 40 der Stalinallee am Weidenweg. Am 16. streikten beide, ein zunächst kleiner Zug formierte sich und wuchs auf dem Weg zum Regierungssitz in der Leipziger Straße rasch an; am 17. war daraus ein Aufstand geworden, den sowjetische Panzer beendeten. Die Arbeiter, die den Boulevard des Sozialismus errichteten, waren die ersten, die sich gegen ihn erhoben. Bertolt Brecht fragte daraufhin in zehn Zeilen, die zu seinen Lebzeiten nicht erschienen, ob es nicht einfacher wäre, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes.
An das, was hier begann, erinnert ein Rosengarten an der Nordseite der Nummern 103 bis 105, zwischen den beiden Ausgängen des U-Bahnhofs Weberwiese, etwa hundert Meter lang, Anfang der Fünfzigerjahre gemeinsam mit den Prachtbauten angelegt. 2003, zum fünfzigsten Jahrestag, wurde dort eine Tafel angebracht, auf der die erste Hälfte eines Satzes steht, den die Bauarbeiter ihren Kollegen zuriefen: Wir wollen freie Menschen sein. Die Tafel ist mehrfach beschädigt und gestohlen worden; nach einem Diebstahl im Februar 2005 musste sie neu angefertigt werden. Jedes Jahr am 17. Juni wird dort still gedacht, mit der Bezirksbürgermeisterin, und eingeladen ist, wer kommen mag.
Die Jahrzehnte dazwischen waren, bei aller Strenge, lebendig. Als am 15. November 1963 das Kino International eröffnete, lief die sowjetische „Optimistische Tragödie“ in siebzig Millimetern auf einer siebzehneinhalb Meter breiten Leinwand, vor Walter Ulbricht. Im ersten Akt riss der Film zweimal, in den folgenden vier weitere Male; ein Mitarbeiter des Ministeriums für Kultur führte ihn eine Stunde lang von Hand durch den Projektor, weil die Kopie in überheizten Räumen ausgetrocknet und geschrumpft war. Man kann sich kaum eine treffendere Eröffnung denken für ein Haus, das die Moderne beweisen sollte.
NVA-Militärparade zum 30. Jahrestag der DDR vor dem Kino International
© Sven Simon/Imago
Das Kino International nach seiner Wiedereröffnung im Februar 2026
© berlinfoto/Imago
Biermann widmete der Straße ein Lied
Was heute am sichtbarsten ist, hängt über dem Erdgeschoss: eine horizontale Stahlkonstruktion mit Netzauflage, die Passanten vor herabfallenden Fliesen schützen soll. Die Keramiken lösten sich früh; Wolf Biermann widmete der Straße ein Lied, dessen Titel schon den ganzen Spott enthält – „Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens ‚Stalinallee‘ für die Stalinallee“ –, und auch die fallenden Kacheln kommen darin vor. Wie groß das Problem war, hat Jörg Haspel, der langjährige Landeskonservator von Berlin, Mitte der Neunzigerjahre beziffert: Knapp fünfzigtausend Quadratmeter Keramikplatten, fast die Hälfte der charakteristischen Fassaden des Ensembles, seien abgefallen, abgenommen worden oder noch abgängig. Schon die DDR hatte vielerorts Kunststoffplatten an ihre Stelle gesetzt; auch die fielen wieder ab.
Haspel rechnete zugleich vor, was eine denkmalgerechte Wiederherstellung kosten würde: rund 1800 D-Mark pro Quadratmeter gegenüber 550 für eine Putzlösung. Allein für die Hauptfassaden eines einzigen Blocks ergab das eine Differenz von über sieben Millionen – bei einem Gesamtetat der Berliner Denkmalförderung von rund zehn Millionen im Jahr und vierzehn Blöcken mit Keramikfassaden allein im älteren Bauabschnitt.
Die bitterste Pointe
Was danach geschah, war keine Panne, sondern die Folge dieser Rechnung. Bei der Sanierung 1999 und 2000 wurde die alte Keramik bis auf wenige Teilbereiche entfernt und durch eine Vorhangfassade ersetzt: neue Keramiken, aufgeklebt auf vorgefertigte Trägerplatten aus Glasfaserbeton. Wegen eines Verarbeitungsfehlers, so das Gericht, fallen seit 2007 immer wieder Fliesen herab. Der Bauträger ist insolvent, der Gutachter verstorben.
Als die Eigentümergemeinschaft eines der 1952 und 1953 errichteten Häuser am Strausberger Platz beantragte, die Keramiken verschrauben zu dürfen, weil das deutlich billiger wäre als eine vollständige Erneuerung, lehnte das Bezirksamt ab. Und am 12. März 2025 wies das Verwaltungsgericht Berlin die Klage dagegen ab: Die Schrauben seien aus mehreren Metern erkennbar, wirkten als nicht bauzeitliche Fremdkörper und verfälschten die Gestaltungskonzepte der Fünfzigerjahre. Unerheblich sei, heißt es weiter, dass es gar nicht um die Originalfassade gehe, denn die neue Fassadengestaltung sei Teil des Denkmals geworden. Rechtskräftig war das Urteil Ende März 2025 noch nicht.
Das ist juristisch schlüssig und trotzdem die bitterste Pointe, die diese Straße zu bieten hat. Geschützt wird eine Oberfläche, die 1999 an die Stelle der ursprünglichen getreten ist und seit 2007 herunterfällt. Der Denkmalschutz verbietet, das Denkmal zu sichern. Und das Denkmal ist der Ersatz.
Fangzaun zum Schutz vor herabfallenden Fassadenteilen
© Pemax/Imago
Zwei Anläufe, zwei Enttäuschungen
Zweimal hat diese Straße versucht, in den Rang eines Weltkulturerbes aufzurücken, und zweimal ist sie gescheitert. Im Oktober 2021 reichte Berlin eine gemeinsame Bewerbung von Karl-Marx-Allee und Hansaviertel ein, Ost und West in einem Antrag. Am 4. Dezember 2023 entschied die Kultusministerkonferenz: nicht in der engeren Auswahl, unter zweiunddreißig Vorschlägen.
Der Fachbeirat bezweifelte, dass Berlin universellen Einfluss auf den Städtebau der zweiten Jahrhunderthälfte gehabt habe, und sah für die sozialistische Moderne exemplarischere Orte als diesen hier. Auf der deutschen Vorschlagsliste steht die Allee bis heute nicht, und ohne diesen Eintrag ist eine Bewerbung bei der Unesco überhaupt nicht möglich.
Was das Landesdenkmalamt danach tat, ist auf seine Weise trotziger als eine erneute Bewerbung: Es hat die Sache unter die Erde gebracht. Aus zehn Jahren Antragsarbeit wurde kein Titel, sondern eine Dauerausstellung im U-Bahnhof. Seit Oktober 2025 sind Weberwiese und Schillingstraße Kulturbahnhöfe mit einem History Walk über vierundzwanzig Stationen entlang der Allee und großformatigen Fotoarbeiten auf den Bahnsteigen. Bezahlt wurde das aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR – die Ausstellung über den sozialistischen Boulevard also aus dem eingezogenen Vermögen jener Partei, die ihn gebaut hat.
Und dann dieses Jahr. Am 27. Februar hat das Kino International wieder aufgemacht, nach zwei Jahren Sanierung. Am 11. Februar hat die landeseigene WBM in der Berolinastraße einen Neubau mit dreiundsiebzig Wohnungen für lesbische und queere Frauen fertiggestellt, dazu eine Pflegewohngemeinschaft für ältere Frauen und ein soziokulturelles Zentrum im Erdgeschoss.
Wiedereröffnet im Mai dieses Jahres: Mokka-Milch-Eisbar.
© Bernd Friedel/Imago
Am 27. Mai hat die Mokka-Milch-Eisbar an der Nummer 35 wieder geöffnet, gelbe Keramik, originale Beschriftung, und die neuen Betreiber sagen ausdrücklich, es solle mehr sein als DDR-Nostalgie. Schon 2019 und 2020 waren nach langem Streit um Vorkaufsrechte mehrere Blöcke an die landeseigenen Gesellschaften WBM und Gewobag zurückgegangen, nach fünfundzwanzig Jahren in privater Hand wieder Eigentum der Stadt.
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Bis 2027 bleibt die Mitte leer
Man darf das als Ironie lesen: In dem Jahr, in dem das Herzstück des Boulevards im Depot liegt und die Fassaden hinter Netzen hängen, füllt sich die Straße wieder, mit einem Kino, einer Eisbar und einem ganzen Haus voller Frauen, an die beim Wort Arbeiterpalast gewiss niemand gedacht hat. Den Titel braucht sie dafür offenbar nicht.
Vielleicht ist das ohnehin die angemessene Art, diese Straße zu betrachten: als einen Ort, der beharrlich am falschen Platz steht und trotzdem genau hier ist. Das historische Frankfurter Tor der Akzisemauer stand nie dort, wo heute die Türme stehen, sondern rund achthundert Meter weiter westlich, ungefähr auf Höhe des U-Bahnhofs Weberwiese, und es war eine schmucklose Durchfahrt ohne jeden Anspruch.
In den verglasten Aufbauten unter den Kuppeln der Türme, die Hermann Henselmann stattdessen an der Kreuzung errichtete, die den Namen seither trägt, war ein Gemeinschafts- und Gymnastikraum für die Bewohner vorgesehen; eingerichtet wurde er nie. Und dort, wo das Tor wirklich stand, wächst ein Rosengarten mit einer Tafel für einen niedergeschlagenen Aufstand, die man wiederholt neu anfertigen musste.
Der Brunnen kommt frühestens 2027 zurück. Bis dahin bleibt die Mitte leer, und die Straße bewohnt sich weiter, unter Netzen, ohne Titel.
Die Autorin schreibt regelmäßig über Berlin und Ostdeutschland und wohnt an der Karl-Marx-Allee.
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