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Wie oft wurde der Staatlichen Ballettschule Berlin das Existenzrecht abgesprochen? Wie oft ihr Niedergang ausgemalt? Und dann lösen sich an einem warmen Juniabend die Untergangsszenarien in Luft auf: Die jungen Tänzerinnen und Tänzer triumphieren auf der Bühne des Schiller-Theaters mit ihrem Stück „Schlafende Schönheit“, der Jubel nimmt kein Ende.
Klar, im Parkett sitzen vor allem Verwandte, hingerissen vom Können ihres Nachwuchses. Aber auch neutrale Beobachter stellen fest: eine gelungene Vorstellung, ein Kraftakt, eine Inszenierung, die jeden fordert – von den zehnjährigen Anfängerinnen bis zu den professionellen Absolventen mit einer glänzenden Hauptdarstellerin. Die Staatliche Ballettschule zeigt 2026 wieder, was sie kann.
Wie das? Noch vor zwei Jahren war die Schule nach krassen Fehlentscheidungen der Berliner Bildungsverwaltung so zerrüttet, dass selbst die jährliche Galavorstellung ausfallen musste. Die Stückproben eines ganzen Schuljahres blieben ohne krönenden Auftritt – für Schüler wie Lehrer äußerst frustrierend. Erst danach begann die Rückbesinnung auf frühere Stärken.
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Die Anfänge ab 1951
Aber der Reihe nach. Schauen wir kurz zurück auf die Anfänge der späteren Eliteschule. Los ging es am 24. Oktober 1951 bescheiden mit Unterricht für Erwachsene in einem kriegsbeschädigten Haus in Berlin-Mitte. Doch schon bald gab es Streit um die Ausrichtung: Offen rivalisierten Klassik und moderner Tanz, vertreten von Hans-Joachim Scheibe und Marianne Vogelsang. Dokumentiert ist der Wutbrief einer namhaften Tanzlehrerin an die Partei, der der Moderne Dekadenz und Formalismus vorwirft, die Schule ein Brutnest der Reaktion nennt, „überall Jazz“ aufspürt und die Schließung der Schule verlangt. Achtung, so eine Empfehlung wiederholt sich.
1958 setzt sich das klassische Ballett durch. Unter Alvin Fritsch und dem Namen Staatliche Ballettschule wird nun nach der russischen Waganowa-Methode gelehrt und die Ausbildung auf sieben Jahre erweitert. Die Aufnahme erfolgt bis heute nach strengen Eignungstests ab der fünften Klasse, der Abschluss qualifiziert zum Beruf des Tänzers. Die Anstrengung, Härte und Intensität der täglichen körperlichen und mentalen Leistungen neben dem Schulpensum, heute gern als Drill bezeichnet, gehörten dazu. Später erlebte die Ballettausbildung öffentliche Anfeindungen.
Doch die DDR brauchte diese Schule, wie auch die Palucca-Schule Dresden und die Tanzfachschule Leipzig. Ihre Absolventen gingen nicht nur an die Opernhäuser, zum Friedrichstadt-Palast und zum Fernsehballett, auch die Drei-Sparten-Theater von Rostock bis Suhl hatten Bedarf. Die Anstrengung lohnte: Ausgebildete Tänzer waren gefragt, begannen ihre Karrieren mit 18 Jahren und ab 35 zahlte ihnen die DDR eine Rente.
Schülerin der Staatlichen Ballettschule: Primaballerina Jutta Deutschland
© Gueffroy/imago
Die ersten Primaballerinen
Die Schule entwickelte sich bald zu einer Institution. Primaballerinen wie Monika Lubitz, Steffi Scherzer und Jutta Deutschland wurden hier für ihre Karrieren konditioniert. 1979 übernahm der in Moskau ausgebildete Tänzer und Pädagoge Martin Puttke die Leitung, bis er 1991 als Direktor abgesetzt wurde und später auch die künstlerische Leitung abgab.
Kürzlich erschien seine Autobiografie, in der er so launig wie selbstherrlich von Erfolg zu Erfolg eilt. Tatsächlich brachte die Schule in seiner Zeit Ausnahmetänzer wie Gregor Seyffert und Oliver Matz hervor. Puttkes Trainingsmethoden indes, wonach die Persönlichkeit eines Schülers gebrochen werden müsse, um sie anschließend „wieder aufzubauen“, waren immer umstritten. Heute interpretiert er sie geschmeidig um, aber viele erinnern sich. Als er sein Buch im Sommer in der Ballettschule vorstellen wollte, lehnte das Kollegium ab.
Bedrohung nach dem Mauerfall
Nach dem Mauerfall war das Ende der Ballettschule schnell beschlossene Sache. Eine Einrichtung, in der Kindern Höchstleistungen quasi unter staatlicher Aufsicht abverlangt werden, passte nicht in die individualistische Gesellschaft. Der Westen hatte keine vergleichbare Schule, viel zu teuer auch. Der Senat versah sie mit dem kw-Vermerk – künftig wegfallend.
Zur Abwicklung entsandte er 1991 den Oberschulrat Hans-Wolfgang Kendzia. Allerdings ließ er sich in kürzester Zeit „umpolen“. Niveau, Können und Ehrgeiz der Ballett-Eleven wie der benachbarten Artistenschüler begeisterten ihn so, dass er seinen Auftrag trickreich ignorierte, wie er später notierte. Er suchte sich Verbündete, darunter Norbert Lammert, damals Parlamentarischer Staatssekretär im Bundestag. Gemeinsam sicherten sie finanziell den vorläufigen Fortbestand der Staatlichen Ballettschule und der Schule für Artistik, die nun einen gemeinsamen Campus nutzten.
Unterricht im klassischen Ballett in der 6. Klasse der Staatlichen Ballettschule Berlin im Jahr 1984
© Ulli Winkler/imago
Im Aufwind
2002 kehrte der einstige Absolvent Gregor Seyffert, indessen Choreograf und internationaler Tanzstar, als künstlerischer Direktor zurück an „seine“ Schule. Das Kollegium hatte Mitspracherecht. Gemeinsam mit dem Tanzwissenschaftler Ralf Stabel als Schuldirektor leitete er die erfolgreichste Periode in der Geschichte der Ballettschule ein.
In Prenzlauer Berg entstand mit EU-Geldern einer der modernsten Standorte für Bühnentanz in Europa: ein großzügiger, transparenter Bau mit viel Glas und neun Ballettsälen. Die Schule nahm Kurs auf ein internationales Renommee. Sie gewann Gäste wie Polina Semionova und Marco Goecke für Choreografien, führte nach dem Berufsabschluss mit Abitur den Bachelorabschluss ein und erweiterte das Spektrum der Ausbildung wieder bis zum zeitgenössischen Tanz.
Stabel und Seyffert gründeten das Landesjugendballett, wurden mit ihm zu Festivals und Wettbewerben bis nach New York, Mexiko, Tokio und St. Petersburg eingeladen. Die Vermittlungsquote der Absolventen lag bei 100 Prozent – und zwar nicht mehr nur an DDR-Stadttheatern, sondern international. Die Schule schloss stets als bestes berufliches Gymnasium Berlins ab.
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Plötzlicher Niedergang
So viel Erfolg und Umtriebigkeit riefen Missgunst hervor, auch in den eigenen Reihen. An einem Montag im Februar 2020 endete der Höhenflug: Die beiden Leiter der Schule im Rang von Professoren erhielten Hausverbot, ausgesperrt nach 17 Jahren. Die Namen Seyffert und Stabel verschwanden augenblicklich von der Website. Was nun mindestens nach Vorwürfen schwerer Veruntreuung oder Sexualdelikten klang, stellte sich bei Recherchen der Berliner Zeitung als penibel inszenierte Intrige weniger Mitarbeiterinnen der Schule heraus.
Der öffentlich-rechtliche RBB saß den Denunziantinnen als Erster auf, raunte in der „Abendschau“ von 13-Stunden-Tagen überlasteter Schüler, sorgte für Schlagzeilen, korrigierte sich nie. Die damalige SPD-Bildungssenatorin Sandra Scheeres kam unter Druck, reagierte. Doch statt die Vorwürfe sauber aufzuklären, setzte sie Kommissionen ein, die anonyme Beschwerden sammelten und mit Behauptungen über angeblich übergriffige Lehrkräfte an die Presse gingen.
Nur konnten sie kein einziges Opfer benennen, geschweige denn einen „Täter“. Verunglimpfungen vom Hörensagen reichten nicht vor Gericht, 13-Stunden-Tage blieben Fantasie. Der Senat verlor alle Kündigungsprozesse gegen sein Personal, muss beide Professoren weiterbeschäftigen und 2024 öffentlich rehabilitieren.
Indessen nahm die Schule Schaden. Die Senatorin löste das Landesjugendballett auf und setzte völlig tanzfremdes Leitungspersonal ein, etwa einen pensionierten Berufsschulleiter. Die für die Tanzausbildung zuständige Lehrerin war so überfordert, dass die Schule das Recht verlor, den Bachelorabschluss anzubieten. Schülern wurden die geliebten Auftritte gestrichen – aus Angst vor Überforderung. Einige der besten Elevinnen verließen die Schule. Nur noch sechs bis neun Schülerinnen jährlich wurden aufgenommen statt wie zuvor 25 bis 35; die Schülerzahl sank von rund 200 auf 130.
Die Verbliebenen erlebten unter Tränen, wie sogar ihre Klassen aufgelöst und mit den Artistenklassen zusammengelegt wurden. Allenthalben herrschte Misstrauen. Ein Lehrer wurde polizeilich vernommen, weil er Schülerinnen auf dem Flur mit „Guten Morgen, Ihr Hübschen!“ begrüßt hatte. Am Ende brachte die Schule 2024 nicht mal mehr eine Gala zustande.
Die Absage manifestierte das Scheitern der neuen Schulleitung. Die amtierende Direktorin begründete sie nebulös mit der „Abneigung“ von Lehrern gegen Kinderschutz. Das Kollegium wusste nicht, was gemeint war, und protestierte öffentlich. Die Medien sprangen wieder an. Der RBB, der den Rufmord angezettelt hatte, verkündete Schließungsgerüchte: Die Schule sei zu teuer und unreformierbar. Schon früher hatte er stattdessen eine Schule für „Tanz und Bewegung“ vorgeschlagen – faktisch eine Schließung.
Höchstleistung
Natürlich wohnt dieser Ausbildung etwas Unerbittliches inne – wie weltweit jeder professionellen Ballettschule, jedem Höchstleistungssport. Hier geht es um Spitzentanz, Anstrengungen über die Schmerzgrenze hinaus, um Gewichtsprobleme in der Pubertät und kraftvolle, biegsame, schmale Körper. Rivalität und Wettbewerb können zu Verletzungen führen, zu Neid und Angst. Schüler fürchten, nicht mithalten zu können, die geliebte Schule verlassen zu müssen. Die Überflieger dagegen, auf die das Royal Ballet London wartet oder das Staatsballett, treibt der Ehrgeiz schon vor Unterrichtsbeginn an die Stange. Sie haben Ziele.
Wer glaubt denn, in einer solchen Gemengelage gehe es klinisch rein und konfliktfrei zu? Zumal diese Ballettschule bundesweit die einzige ist, in der Schule und Ausbildung gekoppelt sind, also jeder Auftritt der Schulaufsicht untersteht.
Verschleierung statt Transparenz
Doch besonders die Aufsicht bleibt intransparent. Es gibt niemanden in der Verwaltung, der zum Jubiläum Auskunft geben würde über die Entwicklung der Schule. Und was sollte man auch sagen zu den teuren Prozessen und Kommissionen? Wie erklären, dass zwei Schulen mit Ost-Tradition sogar ihre Namen einbüßten und jetzt „Staatliche Ballett- und Artistikschule“ heißen müssen?
Das Programmheft zum 75. Jubiläum der Ballettschule nennt die Namen aller Internatsmitarbeiterinnen und jedes Pförtners, aber keinen der prägenden langjährigen Leiter der Ballettschule, nicht mal die Tanzstars, die hier ihre Karrieren begannen. Selbst Wikipedia ließ sich kapern von peinlichen Verschleierungen, die Namen Puttke, Seyffert, Stabel kommen seit 2020 nicht mehr vor, eine Folklore-Lehrerin von 1959 dagegen durfte bleiben. Genau so hat es die DDR gemacht mit den Namen ausgereister Künstler, einfach getilgt.
Opfer von Denunziantinnen: der ehemalige Künstlerische Leiter der Staatlichen Ballettschule Gregor Seyffert
© impress picture/imago
Stabilität im Jubiläumsjahr
Es gleicht einem Wunder, dass sich die Schule rasch erholt hat. Dazu wurden nach dem Gala-Debakel 2024 die leitenden Personen ausgetauscht und schädliche Reformen zurückgenommen. Der neue Schuldirektor Ulrich Giessel ist tanzfremd, aber zeigt sich kooperativ, der langjährige stellvertretende künstlerische Leiter Marek Rózycki ist zurück in seiner Verantwortung und der Senat will sechs Jahre nach Seyfferts Rausschmiss einen neuen künstlerischen Direktor einsetzen.
Die Zahl der Schüler steigt, die Gala in diesem Sommer war ein Erfolg. Am 12. Oktober gibt es in der Staatsoper einen Jubiläumsfestakt: 75 Jahre Staatliche Ballettschule, 70 Jahre Schule für Artistik. Zwei Hochleistungseinrichtungen, deren Ende öfter nah war, sind immer noch ganz lebendig. Ein enormer Erfolg in einer Zeit, die Leistungsanforderung zunehmend verteufelt und ignoriert, wie beseelend das Erreichen höchster Ziele sein kann.
Birgit Walter, geboren in Berlin, Journalistikstudium, viele Jahre Redakteurin im Feuilleton der Berliner Zeitung. Heute ist sie Autorin verschiedener Ressorts. Sie erhielt den Theodor-Wolff-Preis und den Journalistenpreis des Deutschen Kulturrates.
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