Bei Ausgrabungen im zentraltürkischen Kayalıpınar haben Archäologen 131 weitere Keilschrifttafeln und Fragmente aus einem hethitischen Königsarchiv geborgen. Das teilte das türkische Ministerium für Kultur am Donnerstag mit. Zusammen mit 53 Funden aus der Grabungssaison 2025 umfasst das Archiv damit 184 Stücke. Nach Einschätzung des Grabungsteams ist es das umfangreichste hethitische Königsarchiv, das im 21. Jahrhundert entdeckt wurde.
Die Tafeln stammen aus der Regierungszeit von Großkönig Tudhalija II. und sind rund 3400 Jahre alt. Die Texte sind in hethitischer und hurritischer Sprache verfasst. Fundort ist die antike Stadt Šamuḫa im heutigen Landkreis Yıldızeli in der Provinz Sivas. Die Grabungen leitet seit 2021 die Archäologin Çiğdem Maner von der Koç-Universität in Istanbul.
Die neuen Funde erweitern laut Ministerium auch das Wissen über die Entwicklung der hethitischen Sprache und die Schreibkultur jener Zeit. Als bisher wichtigster vergleichbarer Korpus gelten die Tontafeln, die 1906 in Hattuscha entdeckt wurden.
Fieberseuche zieht von Stadt zu Stadt
Kulturminister Mehmet Nuri Ersoy erklärte, die Dokumente lieferten direkte Einblicke in Staatsverwaltung, militärische Lage, Religion und das Leben der Königsfamilie. Mehrere Tafeln beschreiben laut Ministerium eine Krankheit mit hohem Fieber, die von Stadt zu Stadt zog, vor allem Kinder und Säuglinge traf und oft tödlich endete.
Am Königshof löste die Epidemie laut Inschriften auf den Tafeln große Sorge aus. Priester und Wahrsager befragten demnach Orakel nach dem Gesundheitszustand von Prinzen, Prinzessinnen und Kindern hochrangiger Beamter.
Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Schreiber dem Schicksal einer Prinzessin im Säuglingsalter. Eine Tafel hält fest, dass das Kind noch gestillt wurde und in der Stadt Ziulila erkrankte. Dieser Ort ist von der Wissenschaft bislang nicht lokalisiert. Mithilfe von Weissagungen sollten die Überlebenschancen des Mädchens ergründet werden. Ein weiteres Dokument verzeichnet ihren Tod und das anschließende Bestattungsritual.
Hilferufe von Generälen und Vogelorakel
Ein Brief hethitischer Generäle aus Westanatolien an den König in Šamuḫa belegt nach Angaben des Ministeriums eine militärische Notlage. Die Befehlshaber forderten dringend Soldaten, Pferde und Streitwagen an. Ohne Unterstützung könne die Armee vernichtet werden, warnten sie. Für diesen Fall lehnten sie die Verantwortung ab.
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Weitere Tafeln geben Aufschluss darüber, wie die Hethiter aus dem Verhalten von Vögeln die Zukunft deuteten. Priester zogen demnach von Šamuḫa aus durch verschiedene Orte und hielten ihre Beobachtungen tagebuchartig fest. Verzeichnet sind Routen, Übernachtungsorte und die gesichteten Vögel. Nach Darstellung des Ministeriums liefern die Texte bislang unbekannte Details zu dieser Form der Weissagung.
Großmacht der Bronzezeit
Die Hethiter waren eine der Großmächte der Bronzezeit. Zwischen etwa 1650 und 1200 vor unserer Zeitrechnung beherrschte ihr Reich weite Teile Anatoliens und zeitweise auch Nordsyriens. Ihre Hauptstadt Hattuscha lag rund 170 Kilometer östlich des heutigen Ankara. Die Hethiter sprachen eine indogermanische Sprache und konkurrierten mit Ägypten um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeerraum.
Nach der Schlacht von Kadesch gegen die Truppen des Pharaos Ramses II. im Jahr 1274 v. u. Z. schlossen beide Reiche einen der ältesten überlieferten Friedensverträge. Um 1200 vor Christus zerfiel das Hethiterreich aus bis heute nicht abschließend geklärten Gründen.
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