1941 bekam Olga Chappaz Post. Ihr Antrag, Skilehrerin zu werden, war abgelehnt worden. Begründung: Ihr fehlten die nötigen Qualitäten.
Die junge Frau aus Chamonix war so wütend, dass sie den Brief zerriss.
Mit den Qualitäten hat es dann doch geklappt. Am 19. September ist die heute 104-Jährige in Chamonix als dienstälteste Skilehrerin Frankreichs mit einem der höchsten Orden des Landes ausgezeichnet worden, wie der Regionalsender France 3 Auvergne-Rhône-Alpes berichtet.
Ordre national du Mérite: Warum die Skilehrerin eine Stufe überspringt
Der Ordre national du Mérite ist nach der Ehrenlegion der zweithöchste Orden Frankreichs. Wer aufgenommen wird, beginnt normalerweise ganz unten, als Ritter.
Chappaz wurde direkt zur Offizierin ernannt. Sportministerin Marina Ferrari begründete das nach Angaben des Senders in einem Brief mit dem „außergewöhnlichen Werdegang“ der Skilehrerin.
Die Geehrte selbst bleibt bescheiden. „Das ist eine Anerkennung, die ich schätze“, sagte sie dem Sender.
Die Medaille steckte ihr Guy Périllat an, zweifacher Olympia-Medaillengewinner und selbst ein Denkmal des französischen Skisports. Gefeiert wurde in der Skischule von Chamonix, in genau dem Saal, in dem Chappaz zu Beginn ihrer Karriere nicht willkommen war.
„Kein Beruf für Frauen“: Frankreichs zweite Skilehrerin
„Es war nicht leicht als Frau. Man sagte uns, das sei kein Beruf für Frauen“, erinnert sie sich.
Chappaz war erst die zweite diplomierte Skilehrerin Frankreichs. Die erste, Georgette Thiollière-Miller, ging in die USA und drehte Werbung. „Sie war ein Star“, sagt Chappaz trocken.
Handgranaten auf dem Rücken: Skifahren in den Kriegsjahren
Nach der Ablehnung fand sie über Umwege auf die Piste. Ihr Mann Gilbert, Skilehrer und Bergführer, baute in Val-d’Isère eine militärische Skiaufklärer-Einheit auf. Eigentlich wollte sie ihn nur über Weihnachten besuchen.
Sie blieb den ganzen Winter und lief die Erkundungstouren mit, Handgranaten auf dem Rücken. So erzählte sie es dem Magazin „Traces“ der französischen Skischule ESF.
Skilehrer-Prüfung 1945: Der Daumen des Weltmeisters
1945 stand die Prüfung an. Der Prüfer: Émile Allais, Olympia-Dritter von Garmisch-Partenkirchen 1936 und kurz darauf dreifacher Weltmeister.
Sie habe gezittert, erzählte sie dem Magazin. Allais hob nur den Daumen. Bestanden.
Auf der Heimfahrt musste sie in einem Hotel einen Meldezettel ausfüllen. Unter „Beruf“ schrieb sie zum ersten Mal: Skilehrerin. Sie sei unglaublich stolz gewesen.
Kandahar-Rennen 1947: Im Nationalteam wider Willen
1947 fuhr sie beim Kandahar-Rennen als beste Französin ins Ziel, noch vor den Fahrerinnen der Nationalmannschaft. Der Verband stellte sie vor die Wahl: Nationalteam oder Skischule.
Chappaz wollte unterrichten. Ihr Mann riet ihr, den gallischen Hahn auf dem Trikot anzunehmen. Also fuhr sie bis 1952 für Frankreich.
Danach bewarb sie sich bei der Skischule in Chamonix. Abgelehnt.
Alpe d’Huez und Club Med: Heli-Skiing in den 50ern
Sie ging nach L’Alpe d’Huez, eigentlich für zwei Wochen. Es wurden mehrere Winter. Sie war dort die einzige Skilehrerin und gehörte zu den ersten Frauen, die sich per Hubschrauber auf den Gipfel fliegen ließen. „Das war ein Leben wie Gott in Frankreich“, sagte sie dem Magazin.
Später leitete sie Club-Med-Skizentren in den Schweizer Orten Leysin und Engelberg. In ihren Kursen standen Prominente wie die Schauspielerin Michèle Morgan.
1970 gründete sie in Argentière bei Chamonix ein eigenes ESF-Zentrum und leitete es bis 1985. Nach eigener Einschätzung war sie damit wohl die erste Skischulleiterin Frankreichs.
Flocon-Abzeichen: Die Erfindung für weinende Ski-Kinder
Ihr größtes Erbe kennen Generationen von Skikindern. In Frankreichs Skischulen bekommen Kinder für jede bestandene Stufe ein Abzeichen, die „Sterne“. Wer den ersten Stern verpasste, ging früher leer aus.
„Es tat mir weh, die Kinder weinen zu sehen, die keinen Stern bekommen hatten“, sagte sie dem Sender Franceinfo zu ihrem 100. Geburtstag.
Also schlug sie ein Trostabzeichen vor: das „Flocon“, die Schneeflocke. Heute gibt es die Medaille an den mehr als 200 ESF-Skischulen des Landes.
Mit 104 in Chamonix: „Ein Hoch auf uns!“
Auch als Bergsteigerin machte sie Eindruck. Mit Armand Charlet, dem wohl berühmtesten Bergführer seiner Generation, stieg sie auf die 3412 Meter hohe Aiguille du Moine im Mont-Blanc-Massiv.
Oben traute sie sich nicht aufzustehen. Charlet brüllte sie an: „Los, steh auf!“ Heute erzählt sie das mit einem Lächeln.
Auf Skiern stand sie noch mit weit über 90. Nicht die steilen Hänge machten ihr am Ende Angst, sondern die anderen Skifahrer: Sie fürchtete, dass ihr jemand hineinfährt.
Beide Söhne wurden Skilehrer, bei der Ordensfeier saßen sie im Publikum. Ihre Rede zum 100. Geburtstag hatte Chappaz, wie derselbe Regionalsender damals berichtete, mit drei Worten beendet: „Ein Hoch auf uns!“
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