Sachsen

Keine Kneipe, kein Laden, aber ein Treffpunkt: Das Haus, das ein Dorf zusammenhält

Ihre Berufung fand Claudia Richter mit dem Bundesfreiwilligendienst. Mittlerweile leitet sie seit zehn Jahren ein Mehrgenerationenhaus. Es ist eines der ersten in Ostdeutschland und es lebt maßgeblich von ihren Ideen.

9 Min
Mit der Annen-Medaille ausgezeichnet: Claudia Richter vor dem Mehrgenerationenhaus im sächsischen Arzberg

Mit der Annen-Medaille ausgezeichnet: Claudia Richter vor dem Mehrgenerationenhaus im sächsischen Arzberg

© Thomas Meyer/Ostkreuz

Claudia Richter ist auf dem Sprung. Eigentlich hat sie Urlaub in dieser Woche. Doch es steht die Aufzeichnung eines Podcasts an. Der Verein zur Bewahrung und Förderung des ländlichen Raumes Ostelbien im Landkreis Nordsachsen geht seit Sommer 2025 mit eigenen kleinen Hörbeiträgen auf Sendung, und an diesem Donnerstag ist Claudia Richter der Gast. Der Anlass ist ein erfreulicher: Die langjährige Vizevorsitzende des Vereins ist nur wenige Tage zuvor in Dresden auf Schloss Albrechtsberg mit der Annen-Medaille ausgezeichnet worden. Sie war damit eine von insgesamt 20 ausgezeichneten Bürgern aus Sachsen, die sich in besonderer Weise und oft über viele Jahre hinweg engagieren.

„Die Ehrenamtlichen sind unverzichtbar, wenn es darum geht, anderen eine Stütze zu sein sowie Ängste und Nöte aufzufangen. Dafür möchte ich heute von ganzem Herzen Danke sagen, und es ist mir eine große Ehre, die Auszeichnungen zu überreichen und die Menschen zu würdigen“, sagte Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD).

Claudia Richter erhielt eine Medaille aus Meissener Porzellan. Die wird irgendwann einen festen Platz in der Glasvitrine im Wohnzimmer finden. Aber in diesen Tagen reist sie immer in der Handtasche mit. „Weil so viele danach fragen und sie sehen wollen“, sagt die Frau mit dem sportlichen Kurzhaarschnitt und dem gewinnenden Lächeln. Und sie wird dabei fast ein bisschen verlegen, denn im Mittelpunkt steht sie nicht so gern – wie so viele Ehrenamtliche. Sie wirken, sie leisten, aber das meist im Hintergrund.

Jedes Jahr werden 20 Ehrenamtliche aus ganz Sachsen ausgezeichnet. Das Gruppenfoto entstand auf Schloss Albrechtsberg.

Jedes Jahr werden 20 Ehrenamtliche aus ganz Sachsen ausgezeichnet. Das Gruppenfoto entstand auf Schloss Albrechtsberg.

© Oliver Killig

Die 45-Jährige leitet seit Juli 2016 das Mehrgenerationenhaus in Arzberg, einer kleinen Gemeinde mit 19 Ortsteilen, in denen rund 2000 Menschen leben. Man kennt sich, oft über Generationen hinweg. Zuzüge sind selten, Weggänge dafür umso häufiger, weil die Jugend anderswo ihr Glück sucht und nicht unbedingt im Landkreis Torgau-Oschatz bleiben will.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Geboren wurde Claudia Richter in Beilrode, hier lebt sie heute noch mit ihrer Familie. Nach der Schule folgte eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel. Ein Beruf, in dem die zweifache Mutter bis 2011 arbeitete. Dann kam der zweite Sohn und die Arbeitszeiten waren schwer mit dem Familienleben zu vereinbaren, zumal ihr Mann auf Montage arbeitete. Claudia Richter suchte eine neue Aufgabe und ging einen eher ungewöhnlichen Weg. Sie absolvierte einen Bundesfreiwilligendienst – und das im Alter von 33 Jahren.

Das Angebot gibt es seit vielen Jahren, es richtet sich an alle, die ihre Schulpflicht erfüllt haben und für das Gemeinwohl aktiv werden wollen. Wer sich für den Dienst entscheidet, engagiert sich in aller Regel zwischen zwölf und 18 Monaten und bekommt dafür ein Taschengeld von maximal 676 Euro.

Für Claudia Richter ging es aber nicht allein um den Verdienst, sondern um eine sinnvolle Aufgabe. Und was könnte sinnvoller sein, als Menschen zusammenzubringen? Die soziale Ader sei ihr wohl in die Wiege gelegt worden, sagt Claudia Richter. Sie sei sehr sozial erzogen worden.

Die Annen-Medaille wird seit 1995 in Sachsen verliehen.

Die Annen-Medaille wird seit 1995 in Sachsen verliehen.

© Oliver Killig

Aus dem Bundesfreiwilligendienst im Mehrgenerationenhaus wurde eine Festanstellung – oder besser eine Lebensaufgabe, die die gesamte Familie Richter fordert. Auf dem Papier gibt es feste Arbeitszeiten, aber nicht im echten Leben. Da springt Claudia Richter oft nach Feierabend oder am Wochenende ins Auto, um bei Veranstaltungen mitzuhelfen. Und wann immer es die Zeit erlaubt, sind ihre Söhne und ihr Mann mit dabei, und auch ihre Eltern unterstützen, wo immer es geht. Ehrenamt ist Teamarbeit, keine Einzeldisziplin. „Dafür bin ich ihnen sehr dankbar“, sagt Claudia Richter.

Sie hatte sich ihre Worte für die Preisverleihung zurechtgelegt. Doch als es so weit war, versagte die Stimme, auch weil Erinnerungen an eine Zeit aufbrachen, in der Claudia Richter selbst auf Hilfe angewiesen war.

Erst hatte sie einen Unfall. Dann wurde bei der jungen Mutter Brustkrebs diagnostiziert. Ein Befund, nach dem nichts mehr ist wie zuvor. Was sie seitdem begleitet, ist ein Herzkissen. Es liegt im Schlafzimmer. Claudia Richter hat es damals im Brustzentrum Torgau bekommen, während sie sich der kräftezehrenden Behandlung unterzog. Ein Trostspender, ein kleiner weicher Begleiter durch manch harten Tag.

Eine zerfallende Gesellschaft

Die Herzkissen sind mittlerweile fester Bestandteil des Angebotes im Mehrgenerationenhaus. 530 dieser Projekte gibt es bundesweit. Das in Arzberg war eines der ersten und besteht bis heute. Es ist kein Wohnort, sondern ein Treffpunkt für Klein bis Groß, vom Säugling bis zum Senior. Gefördert wird das Projekt seit Jahren vom Bund. „Mit dem Geld wird auch meine Stelle finanziert“, sagt Claudia Richter, und wenn sie einen Wunsch frei hätte, dann wären es Mittel für einen zweiten Mitarbeiter. Doch derzeit sind Claudia Richter und alle Mitstreiter im Ostelbien-Verein schon froh, dass die Finanzierung voraussichtlich bis mindestens 2028 gesichert ist. Der Förderantrag muss jedes Jahr neu gestellt werden. Was danach kommt? Sie weiß es nicht. Aber sie hat die Preisverleihung in Dresden genutzt, um Petra Köpping auf die nötige Anschlussfinanzierung hinzuweisen.

[Claudia Richter] 19.10.2026, Arzberg (Sachsen) - Germany: Claudia Richter posiert mit Frau Melzer für die OAZ bei Strickarbeiten im Veranstaltungsraum. Alltagsheld und Träger der Annenmedaille - Claudia Richter, Betreuerin Mehrgenerationenhaus in Arzberg in Sachsen [Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz] Keywords: Ostdeutschland, Kleinstadt, Förderung, Gemeinde, Bürgerengagement,  [Model Release: No, Property Release: No] Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz

[Claudia Richter] 19.10.2026, Arzberg (Sachsen) - Germany: Claudia Richter posiert mit Frau Melzer für die OAZ bei Strickarbeiten im Veranstaltungsraum. Alltagsheld und Träger der Annenmedaille - Claudia Richter, Betreuerin Mehrgenerationenhaus in Arzberg in Sachsen [Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz] Keywords: Ostdeutschland, Kleinstadt, Förderung, Gemeinde, Bürgerengagement, [Model Release: No, Property Release: No] Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz

© Thomas Meyer/Ostkreuz

Die Ministerin betont, dass das Engagement von Claudia Richter und all den anderen Ausgezeichneten keineswegs selbstverständlich sei. Sie wiesen mit ihrem Einsatz nicht nur denjenigen den Weg, denen sie helfen. Sie seien auch ein Beispiel, an dem sich alle orientieren könnten, die sich für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft einsetzen.

Spuren der Pandemie

Auf die Frage, ob das Mehrgenerationenhaus in Arzberg den Stammtisch in der Kneipe ersetzt, muss Claudia Richter lächeln und schüttelt verneinend den Kopf. Die Kneipe gibt es schon lange nicht mehr und auch keinen Lebensmittelladen, jene Orte also, an denen man sich früher traf, an denen man sich austauschte.

Wie wichtig die Gemeinschaft ist, erlebte Claudia Richter ausgerechnet in einer Zeit, in der sich alle aus dem Weg gehen sollten. Während der Corona-Pandemie saß die stellvertretende Vereinschefin regelmäßig mit dem Handy am Ohr an ihrem Küchentisch, telefonierte mit Oma Helga und Opa Horst. Sie tröstete und nahm so manche Einkaufsbestellung entgegen. Sie wolle die Politiker nicht verurteilen, sie hätten es vermutlich nicht besser gewusst.

[Claudia Richter] 19.10.2026, Arzberg (Sachsen) - Germany: Die Hände von Sigrid Voigt bei Näharbeiten. Alltagsheld und Träger der Annenmedaille - Claudia Richter, Betreuerin Mehrgenerationenhaus in Arzberg in Sachsen [Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz] Keywords: Ostdeutschland, Kleinstadt, Förderung, Gemeinde, Bürgerengagement,  [Model Release: No, Property Release: No] Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz

[Claudia Richter] 19.10.2026, Arzberg (Sachsen) - Germany: Die Hände von Sigrid Voigt bei Näharbeiten. Alltagsheld und Träger der Annenmedaille - Claudia Richter, Betreuerin Mehrgenerationenhaus in Arzberg in Sachsen [Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz] Keywords: Ostdeutschland, Kleinstadt, Förderung, Gemeinde, Bürgerengagement, [Model Release: No, Property Release: No] Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz

© Thomas Meyer/Ostkreuz

Aber die Zeit der Pandemie habe Spuren hinterlassen in der Gesellschaft. Narben, die für immer bleiben und die das Zusammenleben nicht unbedingt einfacher gemacht haben. Das merkte Claudia Richter auch, als sie in Arzberg den Vereinen die Möglichkeit einer gemeinsamen Vorstellung bot. „Aber heute macht jeder irgendwie sein eigenes Ding. Alle Interessen unter einen Hut zu bekommen, ist gar nicht so einfach“, sagt Claudia Richter.

Im Mehrgenerationenhaus geht es deshalb um Angebote, die sehr genau auf die Zielgruppen zugeschnitten sind. Da ist die Krabbelgruppe, in der regelmäßig sechs bis sieben Kinder zusammenkommen. „Der soziale Kontakt ist unglaublich wichtig, von den ersten Lebensmonaten an“, sagt Claudia Richter und erzählt von Geschichten aus der Krippe. Hier anzukommen, falle den Kleinkindern mit Krabbelgruppenerfahrung deutlich leichter. Und ganz nebenbei erhalten die Eltern die Chance zum Austausch über Einschlafprobleme, Ernährung und Entwicklungsfortschritte. Ein solches Angebot gibt es in der Region sonst nicht, weshalb die Krabbelgruppe noch gut besucht ist. Vom Geburtenrückgang keine Spur.

Ergänzend gibt es Töpferkurse, Bastelkurse und ein Kreativatelier. In der Nähstube sitzt man zusammen und fertigt nicht nur die Herzkissen für Brustkrebspatientinnen, sondern auch Nesteldecken für Menschen mit Demenz. Sie werden an das Landratsamt gegeben und von dort an Betroffene verteilt. Das Wichtigste neben den Aktionen sei das Zusammenkommen der Menschen, sagt Claudia Richter.

Sie hat auch an diesem Nachmittag ihre Annen-Medaille in der Tasche. Die wird seit 1995 zu Ehren der Kurfürstin Anna (1532–1585) jedes Jahr an Menschen verliehen, die sich seit mindestens fünf Jahren ehrenamtlich in der Sozial- oder Familienarbeit engagieren. Alle im sozialen Bereich tätigen sächsischen Organisationen, Gebietskörperschaften und Kirchen können jeweils bis zum 31. Mai Vorschläge für zu ehrende Personen beim Sächsischen Sozialministerium einreichen.

[Claudia Richter] 19.10.2026, Arzberg (Sachsen) - Germany: Mehrgenerationenhaus in Arzberg (Sachsen) von der Straße gesehen. Alltagsheld und Träger der Annenmedaille - Claudia Richter, Betreuerin Mehrgenerationenhaus in Arzberg in Sachsen [Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz] Keywords: Ostdeutschland, Kleinstadt, Förderung, Gemeinde, Bürgerengagement,  [Model Release: No, Property Release: No] Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz

[Claudia Richter] 19.10.2026, Arzberg (Sachsen) - Germany: Mehrgenerationenhaus in Arzberg (Sachsen) von der Straße gesehen. Alltagsheld und Träger der Annenmedaille - Claudia Richter, Betreuerin Mehrgenerationenhaus in Arzberg in Sachsen [Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz] Keywords: Ostdeutschland, Kleinstadt, Förderung, Gemeinde, Bürgerengagement, [Model Release: No, Property Release: No] Copyright: Thomas Meyer/Ostkreuz

© Thomas Meyer/Ostkreuz

Claudia Richter freut sich über die Anerkennung ihrer Arbeit und war auch etwas erschrocken, als alle ihre Ehrenämter vorgelesen wurden. „Da kommt doch einiges zusammen“, sagt sie. Eines der jüngsten ist ihr Engagement im Elternrat an der Schule ihres Sohnes. Bleibt die Frage, wie und wo sie selbst ihren Akku wieder auflädt. In der Natur, lautet ihre einfache Antwort. „Wir gehen wahnsinnig gerne wandern zusammen, waren erst letztens in der Sächsischen Schweiz unterwegs“, erzählt die Preisträgerin. Sie will weitermachen, auch über 2028 hinaus, und hat dabei einen großen Wunsch. Für den Standort in der Pfarrstraße gibt es Umbaupläne, die bisher nur teilweise umgesetzt wurden. „Das zu vollenden, wäre super“, meint Claudia Richter. Was fehlt, sind nicht die Ideen, sondern das Geld.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner