Die Berliner Grünen haben einen neuen Landesvorsitzenden: Stefan Gelbhaar. Der 31-jährige Jurist, bis vor kurzem Kreisvorsitzender in Pankow und Beisitzer im Landesvorstand, erhielt am Wochenende von 142 Delegierten auf dem Grünen-Parteitag auf Anhieb 87 Stimmen (61 Prozent). Einzige Gegenkandidatin war Pia Paust-Lassen, 51 Jahre alt, die 50 Stimmen erhielt und damit durchfiel.Die Neuwahl war nötig geworden, weil eine der beiden bisherigen Landesvorsitzenden, die zu den Linken zählende Bankenskandal-Aufklärerin Barbara Oesterheld, aus gesundheitlichen Gründen den Posten aufgab. Sie ist an Krebs erkrankt. Zum Abschied vom Amt sagte sie am Sonnabend, sie wünsche sich weiterhin strittige Diskussionen bei den Grünen. "Ich mag lieber Konzepte als schnelle Antworten." Es sei auch für sie "bedauerlich, ärgerlich und blöd", dass sie zurücktreten müsse. Sie wolle sich aber weiterhin einmischen, sagte sie. Eines habe sie aus dem Berliner Bankenskandal gelernt: Dass die sogenannten Eliten in Deutschland ihrer Verantwortung nicht gerecht würden. Sie wolle sie deshalb weiter "aufs Korn nehmen", sagte Oesterheld. "Und ich verspreche euch nicht, dass ich nicht doch wieder irgendwann antrete." Mit stehenden Ovationen verabschiedeten die Delegierten die 56-Jährige, die nach ihrem Abschied vom Mandat in der Abgeordnetenhausfraktion ein knappes Jahr Parteichefin war.Ihr Nachfolger Gelbhaar, im öffentlichen Auftritt durchaus noch ein wenig unsicher, ist auf Landesebene bisher kaum in Erscheinung getreten. Er hat sich aber im Kreisverband Pankow, der lange Zeit als hoffnungslos zerstritten galt, Verdienste um den innerparteilichen Frieden erworben. Enger Vertrauter Gelbhaars ist der Fraktionsvorsitzende im Landesparlament, Volker Ratzmann, der seit kurzem auch als möglicher Kandidat für den Bundesvorsitz der Grünen gehandelt wird - und seine Entscheidung dazu bisher noch offen hält.Gelbhaar - der nun mit der zweiten Parteichefin in der Doppelspitze, Irma Franke-Dressler, zusammenarbeiten wird - versprach den Delegierten einen offenen Führungsstil mit viel Eigenverantwortung der Kreisorganisationen, deren Aktionen er unterstützen wolle. Außerdem kündigte er an, ein Berliner "Schwarzbuch Generation Praktikum" herausgeben zu wollen, um die Unternehmenskultur in der Hauptstadt kritisch zu untersuchen. In Berlin müsse ein anderer Politikstil her, es reiche nicht, wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Stadt nur "arm, aber sexy" zu finden.Zuvor hatte die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Renate Künast, für die Hauptstadt-Grünen ein deutliches Nein zu möglichen schwarz-grünen Koalitionen in Berlin formuliert. "Berlin ist nicht Hamburg und Friedbert Pflüger ist nicht Ole von Beust", sagte sie mit Blick auf die bundesweit erste Koalition von CDU und Grünen, die Ende voriger Woche in Hamburg besiegelt worden war. Es sei gut, wenn die Grünen "nicht mehr am Rockzipfel der SPD" hingen, sagte Künast. Aber gerade der Streit um die vom rot-roten Senat geplante Schließung des innerstädtischen Flughafens Tempelhof zeige den Unterschied zu Hamburg, wo es jetzt eine gute Koalitionsvereinbarung mit grünen Inhalten gebe. In Berlin wirbt die CDU mit großem Aufwand für einen Geschäftsflieger-Flughafen Tempelhof, während die Grünen, wie Rot-Rot, das Gelände des ehemaligen Luftbrücken- airports für die Öffentlichkeit erschließen und unter anderem einen Park mit Randbebauung anlegen lassen wollen.Neben den Personalfragen beschlossen die Grünen, sich für ein zweigliedriges Schulsystem als Zwischenschritt zu einer flächendeckenden Gemeinschaftsschule für alle einzusetzen. Sie bleibe jedoch das Ziel, sagte Landeschefin Irma Franke-Dressler.------------------------------Foto: "Es muss ein neuer Politikstil in Berlin her." Stefan Gelbhaar
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